16. Juni 2007 Eine schwarze Stola hat Marina Litwinenko um ihre schmale Silhouette geschlungen; sie verkriecht sich darin, als sei das Tuch ein schützender Kokon. Trotz der schweren Monate, die hinter ihr liegen, strahlt die Witwe des ermordeten ehemaligen KGB-Offiziers und späteren Dissidenten Alexander Litwinenko die Anmut einer Ballerina aus.
Sieben Monate ist es her, dass ihr Mann nach einem Anschlag mit Polonium-210 qualvoll starb. In einer Kapsel soll das Gift gewesen sein, bei einem Besuch in einem Londoner Sushi-Laden, vermutet Scotland Yard, mischten die Täter es in seinen Tee. Die Strahlung seines Körpers sei so hoch, als habe Litwinenko den Reaktorunfall in Tschernobyl miterlebt, beschrieben die Ärzte nach der Obduktion das Ausmaß der Vergiftung. Litwinenko wurde in einem verplombten Sarg beigesetzt, verbrannt werden darf der Leichnam erst in achtundzwanzig Jahren.
Sehr persönliche Geschichte
An diesem Freitag stellte Marina Litwinenko ihr Buch Tod eines Dissidenten. Warum Alexander Litwinenko sterben musste in Hamburg vor. Gemeinsam mit Alex Goldfarb, der den Litwinenkos im Jahr 2000 zur Flucht nach London verhalf, hat sie das Buch verfasst. Verfasst haben die beiden eine sehr persönliche Geschichte; die Erinnerung an das Leben und den Tod eines Mannes, der einst voller Verehrung für den Kreml war und später das Regime bekämpfte. Zugleich ist Tod eines Dissidenten ein Buch über weitreichende politische Verflechtungen. Die Autoren gewähren einen Einblick in Moskauer Politintrigen und vermitteln, in welcher Gefahr sich russische Dissidenten auf der ganzen Welt befinden.
Warum die russische Regierung diese Spiele mit den Dissidenten treibe, wird die Witwe gefragt. Das sind keine Spiele, das ist Leben, sagt Marina Litwinenko und ihre Stimme wird hart. Sie glaubt, dass das Regime Putin hinter dem Mord steht, der frühere Geheimdienstmann und Unternehmer Andrei Lugowoi soll ihrem Mann im Auftrag des Kremls das Gift verabreicht haben. Von Rache an dem abtrünnig gewordenen Geheimagenten ist die Rede und dem Kalkül, der Londoner Dissidentengruppe um Litwinenko den Mord in die Schuhe zu schieben. Das Polonium verweist eindeutig nach Moskau, so einfach kommt niemand an dieses Material heran. Hätte man es nicht festgestellt, wären die Dissidenten in Verdacht geraten, mit dem Mord an Litwinenko die Stimmung gegen Putin schüren zu wollen. Das gesamte britische Establishment hätte sich dann von ihnen abgewandt, sagt Goldfarb.
Ein Treffen mit Putin
Der Mord an der Journalistin Anna Polikowskaja - Litwinenko und sie waren befreundet - sei der Auslöser für den Kreml gewesen, auch den widerspenstigen Dissidenten aus dem Weg zu räumen. Bei einer Gedenkfeier für die Journalistin in einem Londoner Club sei Litwinenko auf Putin getroffen und habe ihm öffentlich vorgeworfen, hinter dem Mord zu stecken, schreiben Alex Goldfarb und Marina Litwinenko. Der Kreml und die Dissidentengruppe, unter ihnen einflussreiche Unternehmer und Industrielle, hatten sich gegenseitig vorgeworfen, verantwortlich für den Tod der Journalistin zu sein. All das schuf die Voraussetzungen für den Kulminationspunkt von Saschas Geschichte, heißt es in dem Buch.
Noch am 1. November hatte Litwinenko zusammen mit seiner Frau den Jahrestag ihrer Ankunft in Großbritannien gefeiert. Wenig später klagte der ehemalige Geheimdienstagent über starke Magenschmerzen. Die Ärzte wollten zunächst nicht an eine Vergiftung glauben, untersuchten ihn auf Virusinfektionen und zweifelten an seiner Glaubwürdigkeit. Sascha erzählte mir, die Klinik wollte einen Psychiater rufen, erinnert sich Alex Goldfarb. Als die Ärzte Spuren von Thallium finden, liegt Litwinenko im Sterben - niemand hätte ihn retten können, weiß die Witwe heute.
Der Preis des Schweigens
Am Abend des 23. November 2006 starb Litwinenko, Minuten nach seinem Tod stellten die Ärzte die Polonium-210-Verstrahlung fest. In einer Erklärung, die er zwei Tage zuvor gegeben hatte, machte er Putin und dessen Funktionäre verantwortlich für seinen Tod: Sie werden mich vielleicht erfolgreich zum Schweigen bringen, aber dieses Schweigen hat seinen Preis. Sie haben gezeigt, dass Sie keine Achtung vor dem Leben, vor der Freiheit oder sonst einem Wert der Zivilisation haben. Sie haben gezeigt, dass Sie Ihres Amtes nicht würdig sind und dass Sie das Vertrauen zivilisierter Frauen und Männer nicht verdienen.
Lange sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie nach dem Tod ihres Mannes die Kraft haben würde, an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Marina Litwinenko. Nur mit Mühe hält sie dem Ansturm der Kameras und Mikrofone stand, immer wieder blickt sie auf den Boden und ihre Hände. Lange war nicht klar, wie stark sie selbst verstrahlt worden ist. Wann und ob der Krebs ausbrechen wird, können ihr die Ärzte nicht sagen. Als sie ihren Mann in den ersten Tagen seiner Vergiftung zu Hause pflegte, griff das Polonium auch ihren Körper an. Ich musste das Buch schreiben, das bin ich meinem Mann schuldig, sagt sie.
Text: F.A.Z., 16.06.2007, Nr. 137 / Seite 41
Bildmaterial: ddp