Interview

Stanley Kubrick fand sich selber langweilig

Christiane Kubrick

Christiane Kubrick

21. Februar 2001 Das Jahr 2001 war Anlass dafür, einen der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten wieder im Kino zu zeigen: In dieser Woche läuft Stanley Kubricks Film-Klassiker „2001-Odyssee im Weltraum“ in einer restaurierten Fassung in Deutschland an. In einem Interview, das am 17. Februar in den Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, sprach Andreas Kilb mit Kubricks Witwe über die Arbeit des Regisseurs und seine Persönlichkeit. Über ihren Mann, so Christiane Kubrick, sei viel Unfug im Umlauf gewesen.

Frau Kubrick, vor gut vierzig Jahren haben Sie in „Wege zum Ruhm“ die junge deutsche Gefangene gespielt, die am Ende vor den alliierten Soldaten das Lied vom treuen Husaren singt. Können Sie sich an die Dreharbeiten noch erinnern?

Ich erinnere mich genau. Stanley wollte wissen, welches Lied denn jedem einfalle. Da haben wir das Lied vom Husaren genommen und es hat ihm sehr gefallen. Stanley arbeitete sehr gut mit Schauspielern. Er brüllte nicht, sondern nahm mich zur Seite und erklärte. Damals kannte ich ihn allerdings schon eine Weile. Er hatte mich drei Monate zuvor engagiert, und wir wohnten schon zusammen, als der Film gedreht wurde.

Kubrick ist dafür bekannt, dass er ein Perfektionist war, der eine Szene dutzende Mal wiederholen ließ, bis sie ihm gefiel. Mußten Sie das Lied sehr oft hintereinander singen?

Ich habe es nicht oft gesungen. Einmal habe ich in der falschen Tonart angefangen, das war alles. Stanley hat nie mehr gearbeitet, als nötig war.

Auf der Website, die Sie nach dem Tod Ihres Mannes eingerichtet haben, beklagen Sie sich bitterlich über das Enthüllungsbuch des Drehbuchautors Frederick Raphael, der mit Ihrem Mann bei „Eyes wide shut“ zusammengearbeitet hat.

Der hat ein bisschen auf dem Grab getanzt, ja. Das hat mich geärgert. Er kam nicht zur Beerdigung - angeblich, weil er zu traurig war. In Wirklichkeit war er zu beschäftigt, denn er hat gleich ganz schnell sein Buch geschrieben. Es war eine Verfälschung von allem, was er über Stanley zu sagen gehabt hätte. Diese Angeberei mit seiner großen Bildung im Gegensatz zu der von Stanley war wirklich idiotisch.

Über welches der Gerüchte, die in den letzten Jahren über Ihren Mann verbreitet wurden, haben Sie sich am meisten geärgert?

Es war so viel, ich kann gar nicht alles aufzählen. Stanley dachte, wenn er sich still verhält, hört das wieder auf, aber das Gegenteil war der Fall. Es wurde immer schlimmer. Er hatte sich dann vorgenommen, ein Buch zu schreiben, um sich zu verteidigen. Aber jeder weiß, dass es fast unmöglich ist, zu sagen: Nein, liebe Leute, ich bin in Wirklichkeit reizend. Ich habe mich über all diese Verleumdungen sehr geärgert: dass er irgendein Monstrum sein sollte, das in seinem Haus herumschleicht und niemanden mag, Frauen nicht leiden kann und auf Touristen schießt - es war der reine Wahnsinn. Angablich hatte er sogar einen Doppelgänger, der so tat, als wäre er Stanley Kubrick. Zuerst fanden wir das alles noch komisch. Aber nicht mehr, als er dann tot war.

Warum ist er nicht, beispielsweise, in einer Talkshow aufgetreten, um die Lügen über ihn zu entkräften?

Er fand sich im Vergleich zu seinen Filmen langweilig.

In „Stanley Kubrick - A life in pictures“, dem Film, den Ihr Bruder Jan Harlan über Ihren Mann gedreht hat, erscheint Stanley Kubrick als netter Zeitgenosse und liebevoller Familienvater. Aber wenn man Regie führt, kann man nicht immer nett sein. Die Szene am Set von „The Shining“, in der Ihr Mann Shelley Duvall anschnauzt, zeigt, daß er auch eine bissige Seite hatte.

So hat er ganz selten losgeschnauzt. In diesem Fall war es so, dass viele Leute warteten, die Schneemaschine lief, und die Tür war kaputt. Es war gar nicht Shelleys Fehler, aber Stanley wusste das nicht. Er dachte, sie hätte nicht aufgepaßt. Und seine Tochter hat ihn dabei fotografiert. Shelley hat es ihm auch später gar nicht übel genommen. Solche Momente kommen beim Film einfach vor. Stanley war sehr geduldig. Wenn einem etwas schwerfiel, wenn er gespürt hat, dass ein Schauspieler mit sich ringt, dann konnte er tagelang warten, bis es richtig war.

Waren Sie oft bei den Dreharbeiten dabei?

Ich bin manchmal ins Atelier gegangen, aber nicht sehr oft. Das lenkt nur ab.

Sie sind Malerin. Haben Sie auch Ihren Mann gemalt?

Ich habe ihn zu Hause gezeichnet. Beim Dreh ist der Regisseur viel zu konzentriert, da wäre es undenkbar, dass da jemand sitzt und malt. Früher habe ich am Drehort ein bisschen mitgezeichnet.

Ihre Bilder sind ganz anders als die Filme Ihres Mannes. Ihre Bilder sind heiter, harmonisch, haben freundliche Farben, während die Filme Ihres Mannes eigentlich alles Albträume sind, die im besten Fall gut ausgehen, aber oft auch nicht. Hat das im Alltag etwas bedeutet, dass er so düstere Sachen macht und Sie so freundliche?

Ich weiß nicht, er war eigentlich optimistischer als ich es manchmal bin. Ich glaube, darauf kann ich Ihnen keine Antowrt geben. Ich bin eher ein guter Zuhörer, Maler sind so.

Wie war das denn, wenn er einen Film fertig hatte, in späteren Jahren. Sind Sie und Ihre beiden Töchter dann hingegangen und haben sich ihn zusammen mit Ihrem Mann angeschaut?

Er hat ihn uns zu Hause gezeigt. Wir haben immerzu über Filme gesprochen. Er hat auch zu Hause gearbeitet. Er hat viele, viele Filme angeguckt. Später, als wir Fernsehen hatten, auch mehrere auf einmal.

Auf mehreren Bildschirmen gleichzeitig? Welche Filme haben Sie und Ihr Mann angeschaut, wenn Sie sich einen schönen Abend machen wollten?

Wir haben so viele Filme gesehen, einzelne Szenen verglichen. Er hatte unglaublich viele Bänder. Er mochte gerne Woody Allen, Ingmar Bergman, eigentlich alle bekannten Regisseure. Japanische Filme hat er eine Zeitlang gerne gesehen. Er mochte auch ganz blöde Filme: nur weil eine Szene gut war.

Stanley Kubricks berufliches Leben kann man in zwei Teile ordnen: Zuerst war er nur ein sehr guter Regisseur, aber dann war er der größte Regisseure aller Zeiten. Die zweite Phase begann, nachdem „2001 - Odyssee im Weltraum“abgedreht war. Hat er sich dadurch verändert? Hat sich sein Verhältnis zur Welt, zu seiner Umgebung dadurch verändert? Oder war das ein schleichender Vorgang?

Meiner Ansicht nach hat er sich überhaupt nicht verändert. Er bleib sich eine ganzes Leben treu.

Wie finden Sie seinen letzten Film „Eyes wide shut“? Haben Sie das Gefühl, dass es ihm gelungen ist, alles zu erzählen, was er erzählen wollte? Er hat diesen Film über dreißig Jahre lang entwickelt.

Ja, das hat er. Ich weiß, dass manche Menschen den Sinn dahinter nicht finden können und sich beschweren. Das ändert sich sehr von Land zu Land. Ich finde den Film absolut gelungen. Leider habe ich ihn nicht gesehen, als mein Mann noch lebte. Er hat immer erzählt, ich will dies noch hineinnehmen und das, und morgen und morgen. Und an dem Morgen, als ich den Film sehen sollte, fand ich Stanley tot.

Das Gespräch führte Andreas Kilb



Text: @hc
Bildmaterial: dpa

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