Schriftsteller

Auf der Jagd nach den Zettelkästen der Zukunft

Von Tilmann Lahme

02. Juli 2007 Robert Gernhardt kannte seinen Preis. Der große Schriftsteller und Humorist, der heute vor einem Jahr starb, feilschte noch in seinen letzten Lebenswochen zäh um die Summe, die das Deutsche Literaturarchiv in Marbach für seinen literarischen Nachlass bezahlen sollte. „Ich bin doch nicht weniger wert als Peter Rühmkorf!“ Dem doppelbödigen Argument konnte sich auch Marbach nicht entziehen. Man einigte sich.

Rühmkorf war kein von Gernhardt willkürlich gewähltes Kollegenbeispiel, sondern derjenige, der in Deutschland einen neuen Umgang der Schriftsteller mit Manuskripten, Briefen und sonstigen literarischen Gegenständen etabliert hat. Vor Jahren bot der Lyriker dem Marbacher Archiv die eigenen Manuskripte zum Kauf an. Seitdem liefert er regelmäßig Nachschub. Der Preis, den er erzielte, kursiert seitdem unter Kollegen und bildet bis heute den Maßstab für Verhandlungen. Rühmkorf-Rente statt Riester-Rente.

„Vorlass“ statt „Nachlass“

Ähnlich verfuhr Heinrich Böll, der seine Papiere dem Archiv der Stadtbibliothek Köln verkaufte. Der Handel mit dem eigenen Archiv, der sonst den Erben, allenfalls mit Verfügungen und Empfehlungen versehen, überlassen worden war, schuf auch einen neuen Begriff: „Vorlass“ statt „Nachlass“. Inzwischen ist es üblich, dass Autoren, lange bevor sie die Kräfte schwinden fühlen, als Notare ihrer selbst agieren, sich mit Archiven zusammensetzen und über die Zukunft ihrer Manuskripte, Fotos und Briefe verhandeln.

Geld ist dabei kein geringes, aber nicht das einzige Motiv. „Geldbedarf, Platzbedarf, Ruhmbedarf“ nennt Marbachs Direktor Ulrich Raulff die drei zentralen Antriebe. Ginge es um Geld allein, wäre auf anderen Wegen vielleicht mehr herauszuholen als von einem Archiv. Auf Auktionen werden hohe Preise für Manuskripte gezahlt. Normalerweise können die Archive mit der Konkurrenz durch Autographensammler leben, die Interesse an einzelnen Stücken, nicht an großen Beständen haben. Gelegentlich geht eine Institution leer aus, wie das Potsdamer Fontane-Archiv, das gerade das Bietgefecht um das Gedicht-Manuskript des „Herrn von Ribbeck“ gegen einen Privatsammler verlor (siehe: „Ribbeck“-Manuskript Fontanes versteigert). Immerhin lässt sich mancher Käufer überreden, dem Archiv und damit der Wissenschaft eine Kopie zur Verfügung zu stellen.

Autoren auf dem freien Markt

Doch die Autoren, die den Profit am eigenen Genius nicht mehr nur Nachkommen und Korrespondenzpartnern überlassen wollen, haben selbst den freien Markt entdeckt. Eine bekannte Dichterin schreibt ihre Briefe zwar auch im Computerzeitalter mit der Hand, nutzt aber anschließend die Technik und sendet sie per Fax. Das „Original“ - ein wirkliches ist es ja streng genommen nicht - behält sie und verkauft nun gelegentlich die eigenen Briefe bei Autographenauktionen.

Der Nachteil ist offensichtlich: Man zerstreut das eigene Werk. Entsprechend war eine mögliche Auktion wohl nur Drohkulisse, als Christie's vor einiger Zeit mit dem Marbacher Archiv in Verbindung trat. Man habe den Vorlass von Hans Wollschläger angeboten bekommen, sagt Ulrich Raulff. Für eine Million Euro. Viel Geld, zu viel für das Archiv, zu viel für Wollschläger, argumentierte Raulff - und lehnte ab, zumal man ohnehin nicht mit Auktionshäusern verhandeln wolle. Das wäre ein falsches Signal. Bis heute, wenige Wochen nach Wollschlägers Tod, sind seine Unterlagen weder in ein Archiv noch unter den Hammer gekommen.

Ein Walser für 500.000 Euro

Über marktübliche Preise will Raulff nicht sprechen, aber der Nachlassexperte Tilo Brandis aus Berlin gibt als Rahmen für Schriftsteller-Sammlungen aus der zweiten Reihe, zu denen man Wollschläger zählen kann, eine Spanne von 50.000 bis 100.000 Euro an. Die Kategorie Martin Walser oder Siegfried Lenz bewertet er mit rund 500.000 Euro - für Heiner Müllers Nachlass wurden vor einigen Jahren rund 800.000 Mark gezahlt.

Da die Archive angehalten sind, sich nicht gegenseitig zu überbieten - schließlich finanzieren sie sich alle überwiegend aus öffentlichen Geldern -, wird vorher geklärt, wer sich für welchen Nachlass bewirbt. Marktpreise gibt es dennoch. Sie orientieren sich an den Manuskripten und Materialien selbst - und am Rang des Autors. Da ist es wie bei Aktien: Es kann rasch rauf- und runtergehen. Günter Grass etwa verkaufte zu früh. Nach dem Nobelpreis hätte er von der Berliner Akademie der Künste, neben Marbach das zweite große Literaturarchiv in Deutschland, das vor Jahren seinen Vorlass erwarb, einen weit höheren Betrag erhalten können.

Dienst am Nachruhm

Wer sich für das Archiv entscheidet, und das sind die meisten, erhält neben der Bezahlung auch einen zusätzlichen Dienst: jenen am Nachruhm. Die Abgabe des Papierwustes befreit nicht nur Keller und Arbeitszimmer, sondern sorgt für eine Ordnung und Erschließung des Bestandes, lockt die Forschung an und hält durch Ausstellungen und Einzelveröffentlichungen das Werk lebendig.

Und nun, nachdem die großen Toten fast alle auf die Archive „verteilt“ sind und auch die meisten großen Alten ihre Vorlassgeschäfte besorgt haben, geht es auch um die jüngere Generation. Man schaue sich schon um, spreche den ein oder anderen an, wegen Ausstellungen etwa, mit dem Ziel der Kontaktpflege bis hin zum Vorlass, erklärt Raulff. Eine ungewohnte Aufgabe für die Archive, denn damit beteiligt man sich ja auch an der Kanonbildung. „Was ist gute Literatur?“ verbindet sich mit der Frage: „Was bleibt?“

Alles war weg

Doch was ist überhaupt archivtauglich bei der jüngeren Autorengeneration im Zeitalter von Computer, E-Mail und Mobiltelefon? Schon die Eigensicherung der Texte, die meist nicht mehr handschriftlich, sondern elektronisch entstehen, bereitet Kummer. „Im Frühjahr 2004 ist mir mein Laptop von zwei Polizisten in Asunción, Paraguay, gestohlen worden“, schreibt Christian Kracht auf die Frage dieser Zeitung an ausgewählte Autoren, wie sie es mit ihrem Schreiben und der Ordnung halten. „Sie hatten mir Rohypnol ins Bier geschüttet, und dann war eben alles weg, langjährige Briefwechsel, Romanideen, Skizzen, Kurzgeschichten und so weiter.“ Weniger dramatisch, aber im Ergebnis ähnlich erging es Katharina Hacker, die ihre Korrespondenz, wie die überwiegende Mehrzahl ihrer Kollegen, fast ausschließlich elektronisch führt. „Die E-Mails habe ich neulich alle irgendwohin kopiert, auf einen Stift, ich glaube, das heißt aber de facto: gelöscht. Worüber ich doch melancholisch war, es gibt da zum Beispiel eine regelrechte Korrespondenz mit dem englischen Lyriker George Szirtes.“

Das Manuskript, „mein Bienenstock, mein Kunstgespinst, mein kluger Fuchsbau“, ist nicht mehr nur von höherer Gewalt bedroht wie in Thomas Manns „Eisenbahnunglück“ oder etwa durch Feuer. Niedere Gewalt reicht schon. Mehrfaches Absichern soll gegen die Tücken der launenhaften Technik helfen. Doch die meisten, die sicher gehen wollen, machen lieber, technisch gesehen, ein paar Schritte rückwärts und drucken auf Papier aus, was ihnen wichtig ist.

Es fehlt der Hauch Genie

Den Computerdrucken fehlt, was handschriftlichen Manuskripten Aura verleiht: ein Geniehauch, etwas Ikonenhaftes, das gerade Autographensammler reizt, wenn sie denn nicht Spekulanten sind, die inzwischen auch auf Versteigerungen bieten und sich die Wertpapiere im Wortsinn dann in Zugewinnabsicht in den Safe legen. Auch Überarbeitungsschritte sind beim Ausdruck nicht mehr erkennbar.

Anders bei elektronischen Dateien. Moderne Textverarbeitungsprogramme speichern die Änderungsschritte, so dass man später vom fertigen Text rückwärts den Entstehungsprozess bis zum Beginn verfolgen kann. Reizvolle Aussichten, die den Einzug des Banalen gegenüber dem wirklichen „Manu-Skript“ nahezu kompensieren, findet Rudolf Probst, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Literaturarchivs in Bern, das auf Friedrich Dürrenmatts Initiative und verbunden mit der Schenkung seines Nachlasses gegründet wurde. Doch die Schwierigkeiten der digitalen Archivierung sieht er klar. CD-Roms sind bereits nach wenigen Jahren nicht mehr lesbar, Disketten, Festplatten und andere Speichermedien haben kaum bessere Haltwertzeiten. Kurios genug: Der technische Fortschritt stürmt voran - aber die dauerhafteste Form der Aufbewahrung bleibt vorerst der Druck auf Papier, möglichst säurefrei.

Kaum jemand schreibt Briefe

Klassische Briefeditionen sterben bald aus. Der Brief, ein Echo aus der Vergangenheit, verklingt. Heute schreibt kaum noch jemand Briefe, handschriftliche schon gar nicht. Jüngere Autoren wie Annette Pehnt oder Felicitas Hoppe, die betont von ihrer „Echtpost“ spricht, sind eine Rarität. Und E-Mail? Ist das nicht dasselbe, ein getippter Brief mit anderer, schnellerer Versandart? Eben nicht. E-Mails sind rascher, auch im Ton, oft hingeworfen wie schriftlich fixierte Mündlichkeit. Kaum Absätze, oft keine Anrede, viele Tippfehler - in schlimmeren Fällen mit einer als Signatur eingerichteten Unterschrift entschuldigt: „ohne Korrektur versandt“. Gab's auch schon ähnlich: „Nach Diktat verreist“ - ohne Unterschrift. Die Betreffzeile allerdings stellt sich quer zur lockeren Form. Man muss vorausschicken, was man eigentlich will, auch der freundschaftlichen Frage nach dem Wohlergehen ein Thema geben: „Wie geht's?“

Flüchtige, mit wenig Sorgfalt verfasste E-Mails hebt der Lyriker Jan Wagner nicht auf. Dafür alles, was „aus dem Kasten“ kommt. Thomas Meinecke, der selbst die eilige, auch tippfehlerbehaftete Art des Kommunizierens pflegt, verweist auf eine Ausnahme: seine E-Mail-Korrespondenz mit Elfriede Jelinek, für die er sich Mühe gebe, als schreibe er traditionelle Briefe. Sie dagegen antworte unbekümmert um Formalitäten, eben mailtypisch. Aber es gibt auch Anhänger der neuen Kommunikationsform, Jenny Erpenbeck zum Beispiel. Grundsätzlich korrespondiere sie mit Kollegen nur, „wenn nicht hinter jeder Zeile der Verdacht lauert, dass meinem Gegenüber an druckreifer Originalität liegt“. Ohne das Schielen aufs Publikationspotential aber komme die E-Mail ihrem Verständnis vom Austausch der Menschen sehr entgegen, „weil so viel Alltag enthalten ist und die E-Mails dadurch viel lebendiger sind als Briefe, für die sich der Schreibende ja extra Zeit genommen hat und sich deshalb oft eine bestimmte Haltung und Konzentration auferlegt“.

Neue Publikationsformen

Das ergibt einmal andere Editionen als die herkömmlichen Briefwechsel, keine Frage. Wenn sich die Dokumente denn überhaupt erhalten. Eine gewisse Ratlosigkeit der eigenen Sammlung von digitalen Texten gegenüber ist greifbar, spricht man mit Autoren, auch mit jüngeren, technikvertrauten. Fast alle drucken aus, Manuskripte und E-Mails, letztere eher unregelmäßig, fast alle lagern es, eher weniger als mehr geordnet, in Kisten. Manches geht auch in digitaler Form verloren. Thomas Hettche fordert die Archive auf, „Wege zu finden, jetzt schon zu sichern, welche Diskurse im Literaturbetrieb stattfinden. Das könnte auch ganz neue Publikationsformen ergeben, nicht mehr als Buch, sondern digital.“ Und dem Problem der Eigenarchivierung könnte es auch entgegenwirken. Nicht mehr die Briefwechsel Einzelner, sondern die Kommunikation von Netzwerken ließen sich dann veröffentlichen - eine Perspektive, die auch Thedel von Wallmoden vom Göttinger Wallstein Verlag, bekannt für seine Editionen, reizvoll findet.

Und wie ist es nun mit Vorlass, Nachlass, Archiv? Schon den Gedanken daran weisen fast alle jüngeren Autoren weit von sich. Klar, wer gibt schon zu, sich bereits im Pantheon zu sehen, wenn man gerade am Anfang oder in der Mitte seiner schriftstellerischen Karriere steht? „Mich als Archivar meiner selbst zu betätigen erschiene mir noch lächerlicher als die Buchhalterei des eigenen Ichs“, schreibt uns Raoul Schrott. Erst die Nachwelt werde aussortieren, „wer von den Aberhunderten von uns übrig bleibt“. Wie Friedrich Hebbel will sich niemand hinstellen, der im Alter von 22 Jahren in sein Tagebuch schrieb: „Ich fange dieses Heft nicht allein meinem künftigen Biographen zu gefallen an, obwohl ich bei meinen Aussichten auf die Unsterblichkeit gewiss sein kann, dass ich einen erhalten werde.“

Vernichten wird einfacher

Auch das betrifft ja den Gedanken an das Archiv: nicht nur die Arbeit der Germanistik am Werk, sondern auch an der Biographie des Autors. Wer sammelt und entscheidet, was er nicht vernichtet, packt zugleich einen „Biographie-Koffer“, wie Hugo Lötscher das nannte. Dem Nachlass entgeht man kaum. Robert Musil, der große Nichtvollender, kämpfte dagegen an, wollte selbst publizieren, was in seinen Schubladen lag. Im Vorwort zu seinem Erzählband „Nachlass zu Lebzeiten“ schrieb er: „In der Regel haben die Nachlässe eine verdächtige Ähnlichkeit mit Ausverkäufen wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. Die Beliebtheit, deren sie sich trotzdem erfreuen, mag dann davon kommen, dass die Lesewelt eine verzeihliche Schwäche für einen Dichter hat, der sie zum letzten Mal in Anspruch nimmt.“ Es ging nicht auf: Auch seine gesammelten Werke beinhalten zwei Bände mit Schriften „Aus dem Nachlass“.

Bleibt also für alle Nachlass- und Archivgegner nur der radikale Schritt der Vernichtung, den man, siehe Kafka, aber selbst gehen muss. Er ist ja auch, dank Löschtaste, einfacher geworden, wenngleich weniger feierlich als ein ordentliches Autodafé. „Schmeißen wir weg, was nur geht: das wäre endlich mal ein neuer ästhetischer Ansatz! Der unserem täglichen Scheitern weit angemessener wäre und dabei der Idee alles Endlichen grad ins Auge sähe.“ Ob Raoul Schrott das ganz ernst meint? Man kann ja andere entscheiden lassen, was das eigene Scheitern, auch hinsichtlich des Nachlasses, literarisch taugt. Und nicht zuletzt bietet der Vorlass auch im digitalen Zeitalter eine Absicherung für unsichere Zeiten. Dank Rühmkorf-Rente.



Text: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite Z3
Bildmaterial: ddp, F.A.Z. - FOTO DIETER RUECHEL, F.A.Z.-Christian Thiel, F.A.Z.-Frank Röth, F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt, F.A.Z.-Wonge Bergmann, picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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