Von Paul Ingendaay
18. Februar 2004 Fidel Castro leidet an Schlaflosigkeit, aber vielleicht ist "leidet" nicht das richtige Wort. "Ich wünschte, ich wäre auch so wie er", sagt ein kubanischer Schriftsteller, den wir Eduardo nennen, "stell dir vor, wie viele Bücher ich in diesen Stunden lesen könnte!" Aber Eduardo hat einen ganz gewöhnlichen Schlaf. Manchmal schaut er sich in seiner Wohnung in Alt-Havanna Videofilme an, etwa am vergangenen Freitag den neuen Woody Allen. Zur selben Zeit hielt Castro auf einem Wirtschaftskongreß in Havanna eine seiner berüchtigten Marathonreden.
"Ist das nicht Wahnsinn", sagt Eduardo, "ständig habe ich vom Video aufs Fernsehprogramm umgeschaltet, um zu sehen, ob Castro immer noch spricht. Seine Rede fing um halb neun abends an und war nachts um zwei zu Ende. Fünfeinhalb Stunden! Ich dachte, vielleicht kippt er um, bricht zusammen, und die Vorstellung, ich könnte diesen Augenblick verpassen, war mir unerträglich. Weißt du, wie lange ich schon darauf warte?"
Was sieht Castro nachts auf Video?
Doch Castro brach nicht zusammen. Er sprach vielmehr von den Themen seines Lebens, der eisernen Verteidigungsbereitschaft Kubas gegenüber den Vereinigten Staaten, der Treue zur Revolution, und da die wesentlichen Sätze seiner frei halluzinierten Rede am nächsten Morgen in der Parteizeitung "Granma" standen, bleiben sie der lesenden Nachwelt erhalten. Längst haben Castros mäandernde Ausführungen die Qualitäten eines roman fleuve erreicht, der jenseits kurioser Abschweifungen und des weißen Rauschens der Revolutionsrhetorik schillernde historische Analogien mitführt wie tote Fische.
An einer Stelle sah der Revolutionschef das kubanische Volk als Zirkusdompteur, der weiß, daß er der wilden Bestie nicht den Rücken zukehren darf. An anderer erschienen ihm seine Landsleute wie ein Häuflein tapferer Gladiatoren, die dem allmächtigen Cäsar George W. Bush in der Arena zurufen: "Die Todgeweihten grüßen dich!" Wer weiß, welche Filme der máximo líder nachts auf Video sieht.
Absolute Zeitlosigkeit
Die permanente Wiederholung des Immergleichen hat einen sonderbaren Effekt, dem sich auch Eduardo nicht entziehen kann. Es ist die Erfahrung der absoluten Zeitlosigkeit. "Kennst du den Witz mit der Galapagos-Schildkröte?" fragt Eduardo. "Also, man will Fidel eine dieser riesigen Schildkröten schenken, aber der zögert, das Geschenk anzunehmen. Er möchte wissen, welches Alter die Schildkröte erreicht. Man sagt ihm: dreihundert Jahre. Da antwortet Castro: Nein, die Schildkröte will er nicht haben, irgendwann gewinnt man die Tiere doch lieb, und dann sterben sie."
Eduardo lacht, aber es sieht nicht besonders fröhlich aus. Einer seiner Freunde zum Beispiel, nennen wir ihn Jorge, konnte früher aus- und einreisen, im Ausland Vorträge halten und Übersetzungen seiner Bücher präsentieren. Jüngst verweigerte ihm die kubanische Bürokratie zwei Reisen, für die er fristgerecht Anträge gestellt und je 150 Dollar bezahlt hatte. Jorges Bücher, die er bis vor wenigen Jahren in windstillen Provinzverlagen unterbrachte, dürfen in Kuba nicht mehr erscheinen. Auch in Zeitschriften publiziert er nicht mehr. "Weißt du", fragt Eduardo, "wie Jorge unseren obersten Führer nennt? Nosferatu." Und wieder lacht er sein halb fröhliches Lachen.
Eiserne Affirmation
Jeder weiß, daß die neue Härte des Staates mit den drakonischen Gefängnisstrafen gegen mehr als siebzig kubanische Schriftsteller, Menschenrechtler und Journalisten im vergangenen Jahr zu tun hat. Seit den weltweiten Protesten, die auch aus dem Mund von Kuba-Freunden wie José Saramago zu hören waren, hat sich bei der Führung Nervosität breitgemacht. Während der 13. Internationalen Buchmesse von Havanna, die am Sonntag mit der Erfolgsziffer von 450.000 Besuchern zu Ende ging, übte sich die Parteizeitung "Granma" in eiserner Affirmation. Hier ein hochwichtiges Podiumsgespräch, dort eine warme Solidaritätsadresse und dazu jede Menge Prämien.
Die Fotos der Zeitung sagen dazu mehr als tausend Worte. Eines zeigt den kubanischen Kulturminister Abel Prieto, wie er dem jungen Schriftsteller David Mitrani eine Preisnadel ansteckt. Aber von Mitrani sieht man wenig. Den Vordergrund beherrscht der große, schöne Kopf des Kulturministers, dessen Haarpracht an deutsche Schlagersänger der siebziger Jahre erinnert.
Der Schauplatz: eine koloniale Festung
Man muß das offizielle Gesäusel von der Sache selbst unterscheiden. Allein ihr Schauplatz gibt der Buchmesse von Havanna einen atmosphärischen Reiz, der kaum zu übertreffen ist. Die Festung von San Carlos de San Cabaña in der Bucht von Havanna, eine koloniale Militäranlage aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, bietet einen wunderbaren Blick auf die Stadt, den Leuchtturm und aufs Meer hinaus. Dutzende alte Kanonen, die Wahrzeichen spanischen Abwehrgeistes, säumen die Mauern. Im neunzehnten Jahrhundert erwarteten kubanische Patrioten in der "Cabaña" das Erschießungskommando. Zu Zeiten des Diktators Batista diente die Festung als Gefängnis, und unmittelbar nach der Revolution 1959 schlug Che Guevara darin sein Hauptquartier auf.
Daß hier später, unter Castro, Dissidenten wie der kapitale Schriftsteller Reinaldo Arenas in Haft saßen, ist ein Detail, das nicht erwähnt wird. Ebenso wenig Echo fanden in diesen Tagen die Worte des Dichters Juan Carlos Flores, der bei einer Veranstaltung sagte: "Früher war dieser Ort ein Gefängnis, und jetzt wird darin eine Buchmesse veranstaltet. Hoffen wir, daß sich die Gefängnisse von heute bald in Schauplätze für Buchmessen verwandeln." Es gehört Mut dazu, derart unverhohlen auf den inhaftierten Dichter Raúl Rivero und seine Gefährten anzuspielen. Was er einbringt, ist ungewiß. Aber daß Flores mit der Zeit, wie sie in Castros Kuba gemessen wird, im Bunde ist, verrät schon der Titel seines Buches: "Verschiedene Arten, einen Tunnel zu graben".
Eine große Lesenation
Wie in anderen Zentren der hispanischen Buchkultur auch, wie in Madrid oder dem mexikanischen Guadalajara, hat die Buchmesse von Havanna lärmenden Volksfestcharakter. Familien mit Kindern ziehen über die Wege des Festungsgeländes, belagern die Bücherstände und lassen sich am Rand der Mauern zum Essen, Reden und Lesen nieder. Daß die Kubaner eine große Lesenation sind, ist hier mit Händen zu greifen, und die Ernsthaftigkeit literarischer Bildung in Kuba, eine der unbestrittenen Leistungen der Revolution, beschämt die kulturelle Arroganz westlicher Industrienationen. In den langen, gewölbeartigen Ausstellungsräumen fallen allerdings gähnende Lücken auf. Manche Länder, etwa die Franzosen, haben Kuba als Reaktion auf die Todesurteile gegen drei Bootsentführer und die Masseninhaftierung der Intellektuellen den Rücken gekehrt.
Jene, die schließlich gekommen sind, lassen sich nicht umstandslos zu ideologischen Freunden des Regimes rechnen. Obwohl Spaniens Ministerpräsident Aznar geradezu hechelnd die Nähe zu Bush gesucht hat, sind spanische Verlage zahlreich vertreten. Einer der besten, Renacimiento aus Sevilla, breitet geistesgeschichtliche Abhandlungen und Neuerscheinungen seiner spanischen Exilbibliothek aus. Die Autonome Universität von Mexiko (Unam) bietet ein Päckchen mit zwölf bibliophilen Essay-Bändchen von Nietzsche bis Hume für nur zwei Dollar an. Und für nur fünf Dollar erhält man beim kubanischen "Zentrum für José-Martí-Studien" das Gesamtwerk des kubanischen Nationalhelden, Dichters, Publizisten, Anwalts und Theoretikers des Antikolonialismus auf CD-ROM, nicht weniger als zwölftausendfünfhundert Seiten. Was hier verkauft wird, muß erschwinglich sein.
Deutsche Sanktion triftt die kubanischen Leser
Und die Deutschen? Sie waren offiziell nicht da, weil die Bundesregierung im letzten Sommer die Teilnahme als Gastland der 13. Buchmesse von Havanna abgesagt hatte. Es wäre falsch, das als "Kulturboykott" zu bezeichnen, wie es "Granma" tat, denn boykottiert wurde niemand. Aber jeder, der in Havanna die Augen aufmacht, erkennt, daß die Sanktion vor allem die kubanischen Leser getroffen hat. Und daß die Entscheidung der Bundesregierung auf Opportunismus beruhte, steht wohl außer Zweifel. In China knüpft Schröder lukrative Kontakte zu einer Regierung, deren Begriff von Menschenrechten keiner Untersuchung standhält. Für Kuba, das sich leicht und folgenlos abstrafen läßt, gelten offenbar andere moralische Standards. Mit der preiswerten Kuba-Sanktion hat Schröder beim amerikanischen Präsidenten verlorene Sympathien zurückgewonnen. An diesem Schritt gibt es nichts zu bewundern.
Ebendeshalb verdient die Aktion der Tageszeitung "Junge Welt" und mehrerer deutscher Verlage, Deutschland in Kuba zu repräsentieren, einigen Respekt. Daß daran auch die Arbeitsgruppe "Cuba Sí" der PDS beteiligt ist und über dem Ganzen ein linksnostalgischer Schleier liegt, der sich in zahlreichen Büchern über "US-Imperialismus" und Che-Guevara-Mythologie äußert, darf das Entscheidende nicht vergessen machen: Die literarischen Großverlage haben sich desinteressiert abgewandt, während kleine, die unter gewöhnlichen Umständen niemals nach Havanna gekommen wären, die hohen Kosten für Organisation und Transport fast allein gestemmt haben.
Zweitausend deutsche Bücher
Rolf Manfred Hasse ist Pressereferent der Niedersächsischen Landesbibliothek, doch seine Unterstützung der Buchmesse beruht auf ehrenamtlichen Kontakten mit kubanischen Bibliotheken. Hasse betont, unter den 35 anwesenden Verlagen befänden sich nicht nur linke wie Dietz oder Nautilus, sondern auch unpolitische Häuser wie Brockhaus, Kösel, Klett oder die Stiftung Buchkunst - wenn nicht mit leibhaftigen Vertretern, dann mit ihrer Ware. Sie alle haben die insgesamt zweitausend deutschen Bücher kubanischen Bibliotheken gespendet. Auf die Frage, ob die Deutschen denn auch ein lautes Wort zur Repressionswelle in Kuba riskiert hätten, antwortet Hasse: Eher nicht, man habe das Ereignis nicht "stören" wollen. Wer so viele Bücher bringt, hätte aber stören dürfen.
Die wichtigste Nahrung für das Pflänzchen des deutsch-kubanischen Kulturaustauschs sind übrigens nicht die solidarischen Kampfschriften, in denen die Revolution niemals altert, sondern wissenschaftsgeschichtliche Werke wie "Johann Christoph Gundlach: Naturforscher auf Kuba" von Wilfried Dathe und Rosa María González López. Gundlach, der "dritte Entdecker Kubas" (der zweite war Humboldt), wurde 1810 in Marburg geboren und starb 1896 in Havanna. Er errichtete das erste zoologische Museum Kubas, sammelte Hunderte von Vogelarten, mehr als tausend Schnecken und fast viertausend Käfer. 1844 entdeckte er die Bienenelfe (Mellisuga hellenae), den kleinsten Kolibri der Welt, aber wir verdanken ihm auch Aufklärung über den Elfenbeinspecht (Campephilus principalis bairdii), den Antillenfrosch (Eleutherodactylus martinicensis) und den Schlitzrüssler (Solenodon cubanus). Die Verbreitung des Wissens von diesen Tieren wesentlich behindert zu haben, dieser Vorwurf wird an der Regierung Schröder haftenbleiben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004, Nr. 41 / Seite 33
Bildmaterial: AP
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