Robert Gernhardt

Tat und Resultat: „Der Froschkönig“

08. Dezember 2005 Mit diesem Märchen beginnt die Sammlung der Brüder Grimm, es ist auch meine Nummer eins. Aus zwei Gründen: weil es so lebensklug ist und weil es mir erlaubt, hin und wieder klug dazustehen.

Vermutlich glaubt ein jeder, den Inhalt des Märchens zu kennen: Die schöne Prinzessin läßt ihre Goldkugel in einen Brunnen fallen, ein häßlicher Frosch bringt sie zurück, wird von der Prinzessin mit einem Kuß belohnt, worauf das Tier sich in einen Königssohn verwandelt. Das aber ist unrichtig. Richtig ist vielmehr, daß die Prinzessin dem Frosch verspricht, sie werde ihn nach zurückgebrachter Goldkugel liebhaben, was meint, sie werde ihn von ihrem Tellerlein essen, aus ihrem Becherlein trinken und ihn in ihrem Bettlein schlafen lassen.

Richtig ist ferner, daß sie die Kugel an sich nimmt und sich nicht um ihr Versprechen schert. Richtig ist schließlich, daß der Frosch im Palast auftaucht und daß es der König ist, der seiner Tochter einschärft, man müsse seine Versprechen immer halten. Also ißt der Frosch vom Tellerlein der Prinzessin, trinkt aus ihrem Becherlein und will schließlich auch in ihr Bettlein: Das aber ist der Prinzessin zuviel. Sie wirft den Frosch „mit allen Kräften wider die Wand“, und als er herabfällt, ist er ein schöner Königssohn, und alles, alles wird gut.

Wird gut, weil die Prinzessin bös war. Nicht Verständnis und gute Worte, ein Gewaltakt hat der Aufforderung „Sei kein Frosch“ Taten und Resultate folgen lassen. Wahr, wahr. Ich jedenfalls weiß, wovon ich spreche, und wer jemals von einer schönen Prinzessin an die Wand geworfen wurde, wird mir auch dann zustimmen, wenn nicht immer ein schöner Königssohn das Ergebnis gewesen ist. Hauptsache, der Frosch hat die Mücke gemacht.

Der Dichter und Schriftsteller Robert Gernhardt, geboren 1937, lebt in Frankfurt am Main. Die Grimmschen Märchen gibt es in drei Bänden im Reclam Verlag für 29,90 Euro.



Text: F.A.Z., 08.12.2005, Nr. 286 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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