18. August 2004 Werke, bei deren Lektüre der am Rand mitlaufende Bleistift stumm bleibt: Auch dies wäre ein Merkmal für Lieblingsbücher. Weiße Textseiten, wie ungelesen beim stetigen Wiederlesen.
Als ich vor einem Vierteljahrhundert in Paris ankam, mit den Strukturalisten im Reisegepäck und einem Satz theoretisch gutgespitzter Bleistifte, lag Julien Gracqs Erstlingsroman weit ab von meinen Favoriten. Doch die Logik der Affinitäten wurzelt tiefer als Zeichensysteme. Auch Gracq, der große Unzeitgemäße, hat dem großen Zeitgenossen André Breton über alle literarische Trendwechsel hinweg bis heute seine Hochachtung bewahrt. Dabei gehen seine erzählenden Werke in keiner Literaturgeschichte auf, und schon gar nicht das erste.
Heute ein Nachhall auf Goethe
Die 1938 erschienene Erzählung "Auf Schloß Argol" löst Handlung in Landschaftsbeschreibung, Figurenpsychologie in Gesteinskunde, narrative Spannung in Hegel-Zitate, Liebesleidenschaften in Klimabetrachtung auf. Die Geschichte vom Schloßherrn Albert und seinen Besuchern Heide und Herminien im tiefen bretonischen Wald, wo neben Hegels "Logik" auch Wagners "Parsifal" nachklingt, las ich zuerst als Märchen, dann als Traktat, dann als moderne Parabel, dann als literarisches Manifest, dann als Prosagedicht, dann als ein Stück Anti-Erzählung, die jedes Ereignis in die zyklische Zeitform von Regenfall, Windrauschen, Sonnenspiegelung, Meeresbrandung setzt. Heute lese ich das Buch als Nachhall auf Goethes "Wahlverwandtschaften", aus deren symmetrischem Gleichgewicht der Viererrunde ein Teil herausgebrochen ist.
Was in Goethes klassizistischer Seelenlandschaft paarweise sich zukredenzt und sich verliert, trägt bei Gracq die offene Wunde der Triade durch den in Symbolen schon nicht mehr faßbaren Wald der Bretagne. Ob die Jugendfreunde Albert und Herminien angesichts dieser Frau im Tod zueinander- oder endgültig auseinandergeraten, wird der verkappte Vierte im Bunde, dieser Wald und dieses Schloß, uns nie sagen. André Breton notierte nach Erscheinen des Buchs, hier seien die neuen Möglichkeiten der Erzählform nach der surrealistischen Revolution vermessen worden. Das Nachmessen kann noch dauern, denn wo Bleistifte nichts nützen, muß man alles im Kopf machen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2004, Nr. 192 / Seite 35
Bildmaterial: Pushkin Press