28. Oktober 2007 Zur Sprache kommen lautete der Titel der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Es war zu erwarten, dass dabei das Vordringen des Denglischen, also des Amalgams von nur vermeintlich englischen und nur noch rudimentär deutschen Sprachelementen, zum Thema werden würde.
Während die Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg, Uwe Pörksen und Jürgen Schiewe vor Aufregung warnten und sich Beifall von der falschen Seite verbaten (ach, welcher Sprachdenker schreibt uns einmal die Geschichte dieser deutschen Phrase), waren sie sich doch darin einig, dass der Verzicht der Natur- und inzwischen auch mancher Geisteswissenschaften auf die Muttersprache eines Tages auf die Erkenntnis selbst zurückschlägt, die nun einmal ans Wort gebunden ist. Man kann ja vermuten, dass der Zwang zum englischen Ausdruck mit einem Verlust an idiomatischer Prägnanz einhergehen wird und dass sich am Ende eine Art von bürokratisiertem Esperanto ergibt.
Deutsch als ausschließliche Sprache
Am zweiten Tag standen Schulpraktiker auf dem Podium. Zunächst die Didaktikerin Heidi Rösch, die zeigen konnte, welcher Bedarf heute im Sachunterricht für Migrantenkinder nach einer wirklichen Explikation des Gemeinten besteht - ein Bedarf, den die Schulbücher erst noch aufnehmen müssen. Christel Kottmann-Mentz warb für das von ihr geleitete Experiment einer bilingualen deutsch-türkischen Schule in Berlin. Das Gegenmodell der Herbert-Hoover-Schule stellte in weniger agitatorischem Tonfall Heidi Klare vor: An dieser Schule hat man sich auf Deutsch als ausschließliche Sprache im Klassenzimmer wie auf dem Pausenhof geeinigt. Weil der Migrationshintergrund hier vielfältiger ist - neben Türken finden sich Jugendliche mit ganz anderen Herkunftsgeschichten -, fällt das bilinguale Modell aus. Als Christel Kottmann-Menz dagegenhielt, es sei das Ziel ihrer Schule, das Selbstbewusstsein türkischer Jugendlicher zu stärken, sagte Heidi Klare nur knapp, daran fehle es ihrer Erfahrung nach nun gerade nicht.
Ein neues Mitglied hat die Akademie in der Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar, sie las am Freitagabend mit Witz, Intensität und Präsenz - die Bühnenerfahrung bleibt bei der einstigen Schauspielerin spürbar -, eine dicht komponierte türkisch-deutsche Lebenserinnerung. Man hörte von ihrer Liebe zu Brecht und bemerkte überrascht, wie der immer wieder Totgesagte anderswo belebend wirken kann.
Plädoyer fürs Theater
Günther Rühle, der frühere Chef des Feuilletons dieser Zeitung, erhielt den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik. Seine Dankrede gab ein Bild des wohl etwas mephistophelischen Darmstädters, die Berührungen zwischen dem Sturm und Drang, als dessen Anwalt Merck wirkte, und Büchner hervorhebend, also zwischen den Soldaten von Lenz und Büchners irrem Stadtsoldaten Woyzeck. Und man hörte zwischen den Zeilen ein Plädoyer für jenes Theater, das Rühle vorschwebt.
Der Zoologe und Evolutionstheoretiker Josef H. Reichholf erhielt den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Seine Laudatorin Anita Albus erinnerte an einen früheren Träger des Preises, den Biologen Adolf Portmann, der sich Fragen nach Schönheit und Sinn in der Natur nicht ausreden lassen wollte. Reichholfs Dank war eine kritische Auseinandersetzung mit der quantifizierenden Sprache seiner Disziplin.
Als Reaktionär ausgeschrien
Dann kam der Büchner-Preis, immer der Höhepunkt der Akademie-Tagungen, diesmal aber in besonderem Maße. Die große Frage lautete: Wie würde Martin Mosebach, in den vergangenen Wochen von Sigrid Löffler als Konservativer, ja, als Reaktionär ausgeschrien, die ungeschriebene Regel aufnehmen, etwas über den Namenspatron dieser bedeutendsten Auszeichnung für einen Schriftsteller zu sagen? Also über den Verfasser des sozialrevolutionären Hessischen Landboten, über das Wort Friede den Hütten, Krieg den Palästen? Über die Wechselreden der von der Revolution ausgebooteten und gefangenen Danton und Camille Desmoulins?
Mosebach, auf den Navid Kermani die Laudation hielt, entledigte sich nun nicht einer lästigen Pflicht, er hielt seine Rede mit unerhörter Bravour, so, dass man sagen könnte, erst der ihm wesensfremde oder gar feindliche Gegenstand der Französischen Revolution und ihrer Folgerevolutionen von 1830 habe ihm seine ganze geistige Kraft abgefordert, erst hier, angesichts dieses Themas, konnte er zur großen Form der Rede finden. Nicht etwa, indem er Büchners revolutionäres Denken kleinredete oder entschuldigte oder den guten Danton gegen den bösen Robespierre ausspielte. Nichts also von der sentimentalen Klage, die Revolution verschlinge ihre Kinder wie Saturn. Nein: In ihrer höchsten Würde, finster und erhaben, in schrecklicher Großartigkeit stand die Revolution, standen die Revolutionäre in seinem Dank auf.
Es lebe der König
Man übertreibt nicht, wenn man feststellt, dass eine so spannungsvolle Rede nicht nur beim Büchnerpreis, sondern überhaupt unter den Schriftstellerreden der vergangenen Jahre ihresgleichen lange suchen muss. Das Publikum merkte es bald. Es lebe der König! - dieses letzte Wort von Desmoulins' Frau Lucile umkreiste Mosebach, Auslegungen prüfend und verwerfend. Dem Kern - einem Einspruch gegen Dantons Nihilismus - sich langsam nähernd.
Der messerscharfe Saint-Just führt in Büchners Drama den Nachweis, warum die Republik, gerade sie, vernichten darf: Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben? Ist es denn nicht einfach, dass zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte rascher ist, auch mehr Menschen außer Atem kommen? Mosebach - und das nahm manchem im Publikum nun wirklich den Atem, man konnte glauben, eine Schrecksekunde mitzuhören - schlug den Bogen zu Himmlers Rede aus dem Jahr 1943: Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein . . . Warten wir ab, welche Nachbeben die Zusammenstellung der beiden Terror-Sätze, des Pariser und des Posener, in den kommenden Wochen, vielleicht Jahren, auslösen wird.
Text: F.A.Z., 29.10.2007, Nr. 251 / Seite 33
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