11. September 2006 Auf einmal sagt sie selbst, was bisher nur über sie zu lesen und zu hören und zu vermuten war. Und weil sie es rückhaltlos sagt und dabei ihr äußeres und inneres Leben völlig ungeschützt offenlegt, kommt das, was eigentlich niemanden überraschen sollte, als Schock. So schimpft sie mit sich: Wer zum Teufel bin ich, daß ich die sexuellen Gewohnheiten anderer Leute annonciere. Sie habe darüber oft mit sich gehadert, ebenso wie über ihre Neigung zum name dropping: Ich habe immer Leute gegeneinander ausgespielt. Kein Wunder, daß ich so anspruchsvoll und skrupulös im Gebrauch des Wortes ,Freund' war!
Susan Sontag hat Tagebuch geführt, über die Jahrzehnte in unterschiedlicher Intensität und Form, aber auf den ersten Band müssen wir voraussichtlich noch zwei, drei Jahre warten. Bis dahin werden die sechs Seiten mit Auszügen, die das Sonntagsmagazin der New York Times jetzt veröffentlichte, der literarischen Welt einigen Gesprächsstoff liefern. Wie der ungezeichneten Einführung der Times zu entnehmen, soll Sontag jeden müßigen Augenblick mit Eintragungen auf Notizblöcken, losen Blättern und in gebundenen Diarien gefüllt haben. Nach ihrem Tod vor fast zwei Jahren wurde das Material überall verstreut in ihrer letzten Wohnung in Manhattan gefunden.
Mein Geist = King Kong
Tagebuchartige Notizen sind bei dieser thematisch und künstlerisch freiflottierenden Intellektuellen kaum überraschend und nicht die einzige Form, die sie für ihre Überlegungen bevorzugt. Manchmal sind lediglich die Termine, Besuche und gesellschaftlichen Verpflichtungen des Tages notiert, manchmal begnügt sie sich mit einer kurzen Selbstanalyse: Ich belüge mich. Ich kenne nicht meine wahren Gefühle. Aber sie scheut keinen Versuch, ihre Gefühle kennenzulernen: Eine meiner stärksten und am vollsten ausgeübten Gefühle: Verachtung. Verachtung für andere, Verachtung für mich selbst. Ein paar Zeilen weiter gesteht sie sich ein: Mein Geist = King Kong. Aggressiv, zerreißt Leute in Stücke. Ich halte ihn die meiste Zeit verschlossen - und kaue nervös meine Nägel.
Sontag war eine eifrige Listenerstellerin, ob sie sich nun Klarheit über Filme, Bücher, Rockbands oder Restaurants verschaffen wollte. Die Liste meiner Fehler umfaßt: andere für meine eigenen Laster zu rügen und meine Freundschaften in Liebesaffären übergehen zu lassen. Unter meinem intellektuellen Bildungsweg notiert sie etwa d) Zentraleuropäische ,Soziologie', die deutschjüdischen Flüchtlingsintellektuellen Strauss, Arendt, Scholem, Marcuse, Gourevitch, Taubes etc. (Marx, Freud, Spengler, Nietzsche, Weber, Dilthey, Simmel, Mannheim, Adorno etc.), e) Harvard, Wittgenstein, f) die Franzosen - Artaud, Barthes, Cioran, Sartre und i) Kunst, Kunstgeschichte, Jasper (Johns), Cage, Burroughs, Endresultat: Frankojüdische Cageianerin?
Armes kleines Ich, wie hast du dich heute gefühlt?
Natürlich macht sie sich auch übers Listenmachen Gedanken, um zu der Einsicht zu gelangen: eine andere Art des ,Segnens'! Kommentarlos notiert sie: 6085 Exemplare von Against Interpretation wurden verkauft. 1915 Exemplare der ersten Auflage sind übrig. Gleich darauf begeistert sie sich aphoristisch prägnant: Balanchine, der letzte der modernen Genies. Solche Erkenntnissplitter streut sie immer wieder ein, als denke sie schon an den Effekt auf künftige Leser: Jasper Johns - Duchamp, gemalt von Monet oder Kunst = ein Weg, um mit dem eigenen Irrsinn in Berührung zu kommen, oder auch, wieder listenmäßig aufgeführt: Der Schriftsteller muß aus vier Leuten bestehen: 1) dem Verrückten, dem obsédé, 2) dem Schwachkopf 3) dem Stilisten 4) dem Kritiker. Über die jeweilige Gefühlslage hinaus betreibt sie psychische Grundlagenforschung zum Tagebuchschreiben. Armes kleines Ich, wie hast du dich heute gefühlt? wird dann zu: Das Tagebuch zeichnet mein aktuelles, tägliches Leben nicht nur auf, sondern bietet - in vielen Fällen - eine Alternative dazu.
Die Auszüge in der Times beginnen Ende 1958, kurz vor Sontags sechsundzwanzigstem Geburtstag. Statt ein Studienjahr in Oxford einzulegen, geht sie nach Paris. Sie beschreibt ihre Café-Routine, ihre erste Cocktailparty in der abscheulichen Gesellschaft von Allan Bloom bei dem Philosophen Jean Wahl, der drei Löcher im Hosenboden hatte, durch die seine Unterwäsche blitzte. Zugegen war auch ein Mann, der wie Jean-Paul Sartre aussah, nur häßlicher, und der hinkte und Jean-Paul Sartre war. Anderthalb Wochen später lauscht sie Simone de Beauvoir in der Sorbonne und vermerkt: Sie ist schlank und verspannt und schwarzhaarig und sehr gutaussehend für ihr Alter, aber ihre Stimme ist unangenehm, irgendwie wegen der hohen Tonlage + des nervösen Tempos, mit dem sie spricht.
Der Orgasmus fokussiert
Sartre kommt auch im letzten veröffentlichten Eintrag vom 6. April 1967 vor. Er sei sehr häßlich gewesen, und er habe es gewußt: Darum brauchte er nicht als ,der Depp' aufzutreten, um die anderen dafür zu entschädigen, daß er ,das Genie' war. Die Natur hatte das Problem für ihn gelöst. Er brauchte keinen Grund für einen Fehlschlag oder eine Ablehnung durch andere zu erfinden. So wie ich das mußte, indem ich in persönlichen Beziehungen ,dumm' werden mußte. (,Dumm' ist auch als ,blind' zu lesen).
Die vielen Passagen, in denen Sontag ihr Privatleben seziert, gehören zu den größten Überraschungen. Sie, die trotz ihres Lebens im Lichte der Öffentlichkeit wenig von ihrer Privatsphäre preisgab, ist davon überzeugt: Meine Schreibbegierde ist verknüpft mit meiner Homosexualität. Ich brauche die Identität als eine Waffe, um der Waffe gewachsen zu sein, die die Gesellschaft gegen mich einsetzt. Auch intime Details spart sie nicht aus. Die Entdeckung des Orgasmus, schreibt sie, habe ihr Leben verändert. Sie vermischt Sex und Schreiben: Der Orgasmus fokussiert. Ich bin aufs Schreiben scharf.
Schuldgefühle beim Lesen
Ein Eintrag ohne Datum: Zur intellektuellen Ekstase hatte ich Zugang seit früher Kindheit. Aber Ekstase ist Ekstase. Intellektuelles ,Begehren' ist wie sexuelles Begehren. Ein Theaterstück über Greta Garbo bringt sie geradezu außer Fassung: Ich wollte Garbo sein (Ich studierte sie; ich wollte mich ihr angleichen, ihre Gesten erlernen, fühlen, wie sie fühlte) - dann, gegen Ende, begann ich, sie zu wollen, an sie sexuell zu denken, sie zu besitzen wollen. Sie sinniert über ihre Affären mit der kubanisch-amerikanischen Schriftstellerin Maria Irene Fornes und dem Künstlermodell Harriet Sohmers. Physische Schönheit, gesteht sie sich ein, ist enorm, ja fast auf morbide Art wichtig für mich.
Wie wichtig ist es jetzt für uns, das zu lesen? Und wollen wir das überhaupt lesen dürfen? Als Schriftstellerin, die an ihrer Bedeutung nicht zweifelte, hatte Sontag sicher damit gerechnet, daß alles gelesen würde, was sie hinterließ. Wer jetzt dennoch zögert, in ihren Notizblöcken und Diarien zu blättern, kann sich von Sontag selbst Mut machen lassen. Nachdem sie heimlich ins Tagebuch von Harriet Sohmers geschaut hatte, schrieb sie in ihr eigenes Tagebuch: Habe ich Schuldgefühle, weil ich etwas gelesen habe, was nicht für meine Augen bestimmt war? Nein. Eine der wichtigsten Funktionen eines Tagebuchs besteht genau darin, heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden, den Leuten (wie Eltern + Liebhaber), über die man grausam ehrlich nur im Tagebuch war. Wird H. dies je lesen?
Text: F.A.Z., 11.09.2006, Nr. 211 / Seite 31
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