Von Monika Ganster
02. Oktober 2004 Die gute Nachricht: Die Deutschen lesen offenbar noch. Die schlechte: Sie lesen nicht immer das Richtige. Den Eindruck konnte man jedenfalls bekommen, wenn man die ZDF-Show Unsere Besten - Das große Lesen am Freitag abend verfolgte. Johannes B. Kerner, Susanne Fröhlich, Alice Schwarzer, Helmut Karasek und Ottfried Fischer plauderten dauervergnügt, aber nicht immer lektüresicher, über die Buchentscheidungen der Leser.
Nichts konnte sie davon abhalten, die Abstimmung einzuordnen. Dem ganzen schien ein Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen innezuwohnen, denn die Plazierungen der Klassiker erhielten viel Lob, die massentauglichen Schmöker wurden zum Teil schnell übergangen. Es fand sich unter all den prominenten Paten, die ihre persönlichen Empfehlungen vorstellten, manchmal keiner, der ein Buch gelesen hatte, das in Deutschland millionenfach verkauft wurde.
Vielleicht sollte komisch sein, daß für das Buch Feuer und Stein der Autorin Diana Gabaldon Herbert Feuerstein als Pate vernommen wurde. Er gestand zwar als erstes, den umfangreichen Roman nie gelesen zu haben, aber wenn der Titel seinem Nachnamen so ähnlich sei, könne das doch keine schlechte Empfehlung sein. Hätte er nur geschwiegen. Als Schmöker-Leser mochten sich nur Paten wie Jeanette Biedermann oder Markus Wasmeier im Fernsehen outen.
Von Respekt vor den Lesern, die bei der mit großem Werbeaufwand begleiteten Aktion mitgemacht haben, zeugte diese Art der Buchpräsentation allerdings nicht.
Historienromane weit vorne
250.000 Leser hatten abgestimmt und mehrheitlich Der Herr der Ringe zu ihrem Lieblingsbuch gewählt. Auf Platz zwei landete die Bibel. Rang drei sicherte sich Ken Folletts Historienroman Die Säulen der Erde. Der in den Augen der Zuschauer populärste deutschsprachige Roman ist auf Platz vier Patrick Süskinds Das Parfum.
Auf die Plätze fünf bis zehn setzten die Zuschauer Antoine de Saint-Exupérys Märchen Der kleine Prinz, Thomas Manns Klassiker Buddenbrooks, gefolgt von Gordon Noahs Der Medicus, Paulo Coelhos Der Alchimist, Joanne K. Rowlings Harry Potter und der Stein der Weisen sowie Donna W. Cross' Die Päpstin. Unter den internationalen Klassikern liegt Jane Austen mit Stolz und Vorurteil auf Platz 17 am besten.
Vier Autoren zweimal plaziert
Johann Wolfgang von Goethes Faust kam als einziges Drama unter den ersten 50 auf den 15. Platz. Die großen deutschen Autoren der jüngsten Vergangenheit gehörten nicht zum engeren Favoriten-Kreis. Günter Grass und Die Blechtrommel schafften es auf Platz 48, während Martin Walser und Nobelpreisträger Heinrich Böll unter den ersten 50 gar nicht auftauchen. Dafür kam Cornelia Funkes Tintenherz auf Platz 11, Bernhard Schlinks Der Vorleser auf Rang 14 und Ulla Hahns Das verborgene Wort auf 27.
Überraschend für viele auch Marlen Haushofers Die Wand auf 40 und Erwin Strittmatters ostdeutsches Epos Der Laden auf 47. Gleich drei Mal unter die ersten 50 kamen Thomas Mann und Hermann Hesse. Zwei Titel unter die Top 50 brachten Theodor Fontane, John Irving, Gabriel García Márquez und die Harry-Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling.
Zwei Drittel der Wähler waren Frauen
250.000 Leser hatten zwischen dem 6. Juli und 6. August ihr Lieblingsbuch benannt. Etwa 3,6 Millionen sahen am Freitagabend die Show mit Johannes B. Kerner. Das entspricht nach ZDF-Angaben vom Samstag einer Quote von 15,4 Prozent. Das ist ein Riesenerfolg, meinte ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut. Die Aktion soll im nächsten Jahr in veränderter Form noch einmal aufgelegt werden.
Zwei Drittel der Wähler waren nach ZDF-Angaben Frauen. Überraschend sei der hohe Anteil junger Leser. So hätten vor allem Zuschauer unter 35 den Siegertitel Der Herr der Ringe gewählt. Es war eine der Überraschungen, daß viele junge Bücher vorne lagen, meinte Bellut. Sachbücher schafften es nicht auf die vorderen Ränge, auch Krimis, etwa aus der Feder von Henning Mankell, landeten abgeschlagen auf hinteren Plazierungen. Das sei ein Fluch der Vielschreiber, kommentierte Kerner in der Fernsehshow. Bei einer Neuauflage der Aktion denkt das ZDF daran, künftig in unterschiedlichen Rubriken abstimmen zu lassen.
Text: @mg
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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