07. Oktober 2004 Daß Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis erhält, ist eine in jedem Sinn phantastische Entscheidung der Stockholmer Akademie. Mit der am 20. Oktober 1946 im österreichischen Mürzzuschlag in der Steiermark geborenen Schriftstellerin und Dramatikerin hat eine der sprachmächtigsten Figuren der deutschsprachigen Literatur die Ehrung erfahren, die ihr gebührt.
Denn in Elfriede Jelinek wird eigentlich ein Sprachstrom gewürdigt, ein nicht abreißen wollender unruhiger Fluß, der sich ohne Halten in seine Richtung ergießt und den ganzen Abraum fehlgelaufener Körper- und Völkerpolitiken vor sich herschiebt. Die Wucht dieser Rede, die meistens über die Geschlechter handelt - über die Männer und die Frauen und über die biologische Merkmale ganz wörtlich -, hat dazu geführt, daß Elfriede Jelinek die literarische Person ist, die am stärksten polarisiert: Die eminente, ganz buchstäbliche Unerhörtheit ihrer Worte und Texte und Einlassungen liegt nicht zum Geringsten darin, daß sie stets als Frau spricht - als Geschlechtswesen.
Die männliche Sprache in sich hineingeprügelt
Für ihre stahlharten Auftritte hat sich Elfriede Jelinek die männliche Sprache angeeignet, nein: antrainiert, brutal in sich hineingeprügelt, so daß diese Sprache wieder aus ihr herausbrechen kann: "Langsam beruhigt sich das Zucken der Frau, das der Mann in dieser Form bezweckt hat. Sie hat ihre Portion erhalten und bekommt vielleicht noch eine. Ruhig! Jetzt sprechen allein die Sinne, doch wir verstehen sie nicht, denn sie haben sich unter unsrer Sitzfläche in etwas Unbegreifliches verwandelt."
Das steht in ihrem Roman "Lust" aus dem Jahr 1989, der als reine Groteske auf den sexualsportiven Aktivismus einer Gesellschaft an der Verdummungsgrenze schon in seinem Titel mit der Pervertierung möglicher Erwartungen kokettiert. Tatsächlich ist auch Obszönität ein Merkmal von Jelineks Sprache. Ihre manchmal rasenden Polemiken sind nicht leicht zu schlucken. Manchen wird es schlecht dabei; anderen wächst Erkenntnis.
Anatomie der Macht
Jelinek sexualisiert ihre Sprache - die der Männer und die der Frauen -, weil sie eine unendliche, ungeduldige Anatomie der Macht betreibt. Das liebgewonnene Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen ist passé in diesem Kosmos: Die Frauen sind in den Romanen genauso blöde und dumpf wie die Männer; die saubere Täter-Opfer-Aufteilung ist ausgeträumt.
An Jelinek prallen vorsichtige, akademische Differenzierungen, wie die zwischen sex und gender, dem biologischen und dem sozial codierten Geschlecht, einfach ab. Solche Lücken, Schlupflöcher im System, läßt sie nicht zu, wie sie überhaupt klaustrophobische, stets kontaminierte Räume schafft, in denen die schlimmen Reden noch die letzte Öffnung in den engen Tälern Österreichs verstopfen. Schon ihr bekanntester Roman, "Die Klavierspielerin" aus dem Jahr 1983, verströmt die fürchterliche, verseuchte Nähe zwischen Mutter und Tochter in fruchtloser Umklammerung.
Wunder formaler Beherrschung
In "Gier" ihrem Buch aus dem Jahr 1999 und ihrem bislang letzten großen Prosatext, den sie im Untertitel als "Ein Unterhaltungsroman" deklariert, treibt sie ihre kristall-böse Kunst am weitesten, hin zu den giftigsten Blüten, die im sumpfigen Gelände zwischen den Faltungen der Alpen und der Menschen überhaupt gedeihen können. "Gier" ist Elfriede Jelineks bester Roman neben der "Klavierspielerin", die Isabel Huppert in der Hauptrolle der Verfilmung wirklich berühmt gemacht hat, ein wahres Wunder formaler Beherrschung - vom "Erzählwasser", wie Jelinek selbst es nennt, durchtränkt und getragen von einer Musikalität, die sie, die am Wiener Konservatorium Klavier studierte, dem Ballett- und Musikdrill ihrer Kindheit abgerungen hat. Von ihrem nächsten Roman ist kaum mehr bekannt, als daß frühestens im übernächsten Jahr im Berlin Verlag erscheinen soll.
Elfriede Jelinek ist Feministin geheißen worden, und sie hat doch den Frauen so ins eigene Fleisch geschnitten wie keine andere. Sie war bis Anfang der neunziger Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs; ihre politische Stoßkraft richtet sie auf das Prinzip der Territorialisiserung: Machtausübung schlimmster Form ist für sie Besetzung von Raum, Durchdringung und Verletzung von Grenzen, des Leibes, des anderen, des Volkes.
Brüllendes Desaster
Dennoch, und ganz besonders, ist es so: Wer bei Elfriede Jelinek nicht immer wieder lachen kann, nein: lachen muß, dem ist ein bedeutender Spaß der Literatur entgangen. Darin tritt sie tatsächlich neben ihren k.u.k.-monarchischen Landsmann Franz Kafka: Wenn sie in "Gier" ihre Protagonistin Gerti, die nur noch lächerlich-sperrangelweites Einfallstor für den feschen Gendarmen Kurt ist, zu "Palmers" nach Dessous rennen läßt, dann möchte man am liebsten gleich Kafkas "Landarzt" hinterherschicken, um das brüllende Desaster komplett zu machen.
Elfriede Jelinek, die eine katholische Mutter hatte und einen slawisch-jüdischen Vater, in dessen Familie die Nationalsozialisten mordeten, und die in Wien-Hütteldorf großwurde, kommt aus dem tiefen Herzen Europas. Sie ist eine Tochter der Stadt Sigmund Freuds; sie ist eine spätgeborene Hysterika, in der noch der weite Geist, die schutzlose Zartheit, aber auch die brennende Wut und die starke Intelligenz einer untergehenden Kaste seelischer Abgründler weiterlebt.
Sie ist auch die jüngere Schwester eines Johann Nestroy, die sich halt den einen oder anderen Jux machen will - wie den zum Beispiel: "Fürchten Sie den Tod nicht! Es sind so viele schon tot, das werden doch auch Sie noch schaffen. Jeder hat es ja bis jetzt gekonnt, auch ein Volltrottel wie Sie, wie ich, kann es, wenn er muß." Und sie ist die unlarmoyante, schrecklich sportliche Schwester der Ingeborg Bachmann, deren "Malina" sie im Drehbuch, das sie 1990 für Werner Schröters Film nach Bachmanns Roman schrieb, aus dem Walzertakt der alten Brutalisierungsleier gebracht hat.
In ihrer Dankrede zum Bremer Literaturpreis, den sie 1996 für die "Die Kinder der Toten" erhielt, sagte Elfriede Jelinek: "Ich verlange von niemandem etwas. Ich bedanke mich dafür, daß ich etwas geschenkt bekommen habe, einen Preis. Und wenn ich etwas von mir gebe, dann sehe ich oft erst im letzten Moment, daß das nicht mein Herz war, auch wenn ich es mir vorher auf der Zunge, fertig zum Anziehen, zurechtgelegt habe. Ich tue mein Menschen Mögliches." Nun hat sie, nach dem Georg-Büchner-Preis 1998, wieder einen Preis gewonnen. Die Akademie in Schweden scheint doch ein paar beherzte Männer in ihren Reihen zu haben; denn Elfriede Jelinek ist noch lange nicht fertig.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2004, Nr. 235 / Seite 33
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