Michael Köhlmeier im Interview

Die Geschichte hat ihren eigenen Kopf

05. Oktober 2007 Per Anhalter durch das Jahrhundert: Der österreichische Autor Michael Köhlmeier steht mit seinem neuen voluminösen Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der am kommenden Montag vergeben wird. Michael Maar hat mit ihm über „Abendland“ gesprochen.

In einem entscheidenden Moment Ihres neuen Romans nimmt sich der Held Sebastian Lukasser am Grab seiner Geliebten Verschiedenes vor; unter anderem, einen Roman zu schreiben, in dem alles erfunden sei. Mein Leseeindruck war, dass dieser Roman jedenfalls nicht „Abendland“ geworden sein kann. Dieses Buch liest sich, als wäre alles genau so gewesen - ein illusionistischer Trick?

Wenn die Geschichten, die Personen, die darin auftreten, mir beim Schreiben als rein erfundene Dinge gegenüberträten, an die man - berufsbedingt - zwar glauben muss, aber in Wahrheit nicht glauben kann, dann würde es nicht gehen, nein, dann wäre der Wurm drin. Schreiben ist etwas Magisches. Braucht einer nur eine halbe Seite einer Erzählung zu schreiben, dann weiß er das. Man zeigt diktatorisch in eine Richtung, die Geschichte kümmert sich nicht darum und folgt ihrem eigenen Weg. Wenn man das zulässt, kann es zu einem guten Ende führen. Wenn man sich dagegen sträubt, scheitert man, immer. Natürlich gibt es Tricks - wenn man das so bezeichnen will. Jeder Lügner kennt diese Tricks: Bette deine entscheidende Aussage in ein nebensächliches, aber mit hoher Glaubwürdigkeit ausgestattetes Detail, dann wird diese Glaubwürdigkeit dir jenen Kredit verschaffen, den du bei deiner Unwahrheit dringend nötig hast!

Wenn es schon ungeheuer schwierig ist, das Leben nachzuzeichnen, dann noch einmal um einige Grade schwerer, seinen Stoff so zu drapieren, dass es genau dem natürlichen Faltenwurf des Lebens entspricht. Darum gefällt es mir auch, dass nicht jeder Erzählfaden säuberlich vernäht ist und dass Ungelöstes zurückbleibt - wie im Leben eben, das ja auch nicht der klassischen Ästhetik folgt.

Darum ist es so anstrengend, eine Geschichte in der dritten Person zu erzählen. Dem auktorialen Erzähler vergibt man keine Fehler. Er darf nicht ungerecht sein, er muss organisiert sein - ein Alles und ein Nichts. Schwierig. Nur dem Lieben Gott kann das gelingen. Wenn da aber einer sagt Ich, dann kann ich ihn am Kragen fassen, er gibt mir die Möglichkeit zu bezweifeln, was er mir erzählt. Merkwürdigerweise verringert das nicht seine Glaubwürdigkeit, sondern steigert sie.

Vor allem die Stimme des Mathematikers Carl Jacob Candoris wirkt so unmittelbar echt, dass man fast an einen wirklichen Tonbandmitschnitt glaubt. Außerdem fühlt man sich manchmal an Ernst Jünger erinnert - die Statur, die Kälte, natürlich die Rüstigkeit im Greisenalter.

Tatsächlich habe ich beim Schreiben Ernst Jünger vor mir gesehen.

Es ist das ganze Jahrhundert versammelt in Ihrem Roman, aber so raffiniert in intimen Geschichten erzählt, dass nie der Eindruck des geplant Historiographischen aufkommt. Erst im Nachhinein bemerkt man, es ist alles dabei: der Kolonialismus in Afrika, die Begeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Wien, die Judenverfolgung, der Stalinismus, Hiroshima, die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten - bis hin zum RAF-Terrorismus und zum 11. September.

Candoris, der Held des Romans, hat ein bewegtes Leben vorzuweisen, das ist wahr. Ich habe dieses Leben nicht unbedingt so geplant. Er hat es mir so erzählt. Ein ambitionierter Wissenschaftler, Mathematiker, der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Göttingen studiert hat. Oh, Göttingen war die Welthauptstadt der Mathematik! Hilbert hat dort gelehrt und Emmy Noether. Und wissen Sie was, die Physiker waren verrückt nach den Mathematikern! Ein ehrgeiziger, talentierter junger Mann wie Candoris hätte sich schon recht ungeschickt anstellen müssen, um die Chancen zu übersehen, die sich ihm boten. Er hat sie genützt. Aus einigem Abstand betrachtet, sehen wir, wie hinter so einem Schicksal der Zeitgeist steht, oder wie man dazu sagen will, und der - bitte, als Bild zu verstehen - greift nach so einem Mann und verleibt ihn der Geschichte ein. Fragen Sie einen Menschen, irgendjemanden, bitten Sie ihn, Ihnen ein Jahr aus seinem Leben zu erzählen, vielleicht auch nur einen Monat - er müsste ein merkwürdiger Einsiedler sein, wenn sich aus seiner Geschichte nicht auf die historische Epoche schließen ließe.

Und es geht weiter zurück. Carl lehrt den Erzähler die Vogelwelt, wie er sie von seinem Großvater gelehrt bekam.

Ich hätte gern mehr über Carls Großvater erfahren. Carl hat mir nicht mehr von ihm erzählt. In Wahrheit hoffe ich ja, einige der Figuren tauchen in einem nächsten Buch wieder auf. Ich weiß schon, vieles, was einem nach so langer Arbeit einfällt, stellt sich bald als Fußnote zu dem gerade beendeten Buch heraus. Aber ich habe die Personen liebgewonnen, wirklich lieb- gewonnen, und dann kann man nicht den Computer zuklappen und sagen: So, das war's, jetzt seid ihr weg, ciao!

Sie haben fast sieben Jahre lang an diesem Roman geschrieben. Welches Verhältnis entwickelt sich in dieser Zeit zu den Figuren?

Sie gewinnen eine Realität, die bewirkt, dass der Autor während so einer Arbeit auf seine Mitmenschen bisweilen realitätsfern und gefühlskalt wirkt, immer etwas geistesabwesend und wahrscheinlich in Gesellschaft langweilig.

In der eingangs erwähnten Szene, in der Sebastian beschließt, sein Leben zu ändern, nimmt er sich auch vor, Thomas Manns Josephsroman und Prousts „Recherche“ zu lesen. Wenn ich hier doch einmal vom Erzähler auf den Autor rückschließen darf: Welcher der beiden Autoren hat Sie mehr beeinflusst, welcher mehr beeindruckt?

Thomas Mann hat mich sehr beeindruckt. Ich bin erst spät auf ihn gekommen, dann allerdings bin ich ihm verfallen. Wie glücklich war ich bei der Lektüre des Joseph! Ob er mich beeinflusst hat? Insofern, dass Literatur nur sich selbst, keiner Idee, keiner Ideologie, keinem höheren Zweck verantwortlich ist. Marcel Proust habe ich vielleicht nicht ganz so sehr geliebt, aber er hat mich mehr beeinflusst, glaube ich. Die Konzentration auf das, was ist, ohne gleich zu fragen, was für einen Stellenwert im Gesamten es haben wird.

Haben Sie diesen Roman konsekutiv geschrieben, also genau in dieser raffinierten Abfolge, in der viele Geschichten begonnen und dann abwechselnd und verzögert bis zum Schluss erzählt werden - oder sind diese vielen Geschichten als Novellen jeweils für sich geschrieben worden, und später haben Sie sie gewissermaßen tranchiert und die einzelnen Scheiben carpaccioartig ineinandergeschoben?

Ich wusste am Anfang nicht, worauf das alles hinausläuft. Es war ein tändelnder Beginn. Zwei, drei, vier Geschichten, die im Roman erzählt werden, waren irgendwann als in sich geschlossene Erzählungen da. Aus ihrer Verknüpfung hat sich so etwas wie ein Roman-Boden ergeben. Mir schwebte die Dramaturgie eines Abends mit Freunden vor, die Dramaturgie einer lebendigen Erzählung, die sich aus verschiedenen Quellen speist. Man sitzt zusammen, einer beginnt eine Geschichte zu erzählen, an einem gewissen Punkt unterbricht ihn ein anderer, weil ihm etwas Wichtiges dazu einfällt, ein Dritter springt zu einem ganz anderen Thema, der Erste setzt seine Erzählung fort und so weiter... Am Ende sind viele Geschichten erzählt worden, aber in Wahrheit doch nur eine, nämlich die Geschichte dieser Freunde und ihres gemeinsamen Abends. Ich mag das, wenn in einem Roman Personen auftreten, die sich nicht gleich von vornherein unter die Dramaturgie des Protagonisten zwingen lassen, die stolz sind und sagen: Ich weiß schon, ich bin nicht die Hauptfigur, aber ich könnte die Hauptfigur sein. Eine Person besteht aus ihren Geschichten, aus ihrer Geschichte. Nur vor dieser Geschichte wird ein Charakter sichtbar. Treten wir einen Schritt zurück, erkennen wir in dem Mosaik all dieser Geschichten die Historie.

Eine letzte Frage zur Beziehung zwischen Autor und Sebastian: Dass beide ein gewisses Verhältnis zum Jazz und zur Mathematik haben, lässt sich nicht übersehen. Ist doch etwas dran an der Nähe von Mathematik und Musik, wie sie ja nicht nur im „Doktor Faustus“ behauptet wird?

Das Verhältnis der Töne zueinander lässt sich in Zahlen darstellen. Aber was besagt das? Ich habe Musiker getroffen, die nichts, aber auch gar nichts von Mathematik verstanden und auch nichts davon verstehen wollten, weil sie sich nicht dafür interessierten. Merkwürdigerweise kenne ich kaum einen Mathematiker, der unmusikalisch ist, der die Musik nicht liebt. Musik und Mathematik sind leer jeden Inhalts. Ein erstrebenswerter Zustand vielleicht. Vielleicht meinen wir deshalb, die beiden seien verwandt.

Das Gespräch führte Michael Maar.



Text: F.A.Z., 05.10.2007, Nr. 231 / Seite 52
Bildmaterial: Udo Leitner

 
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