Klassiker der Comic-Literatur

Die eilige Familie: Die Simpsons

Von Dietmar Dath

18. November 2005 Man merkt es nicht sofort, niemand stößt einen gewaltsam drauf; es wird vielmehr vom Werk selbst mit geradezu heimtückisch beiläufiger Höflichkeit serviert, ist aber keine Petersilie, sondern eine große Wahrheit.

Der Simpsons-Kosmos, Matt Groenings auf flächigste Weise abgründige Fernseh- und Comicschöpfung, gehört zu den ganz wenigen Pop-Erzeugnissen, die das tief ins Herz des richtigen Begriffs aller Popkunst eingesenkte Versprechen aktiv herausholen und blühen lassen: Hier werde endlich einmal flächendeckend demokratisch für alle Alters-, Einkommens-, Bildungs- und Gefühlsabteilungen des unendlichen Warenhauses etwas geboten, in dem sich der westliche Mensch seit 1945 seine Seele zusammenkauft.

So allgemeingültig und menschheitsbildend der in Wirklichkeit leider ständig nur immer verbohrter, segregierter, spezieller und weniger universal werdende freie Westen seinem höchsten eigenen Anspruch nach überhaupt sein kann, so universal und menschheitsbildend sind auch die Simpsons; kein Wunder, daß man staunend über sie lacht: Ach, sieh an, so lebendig sind wir also potentiell doch noch; Glück gehabt.

Enorme Wissensmassen

Das einzig Undemokratische an ihrer Standard-Darreichungsform, der Trickfilmshow, sind die in diesem Format herrschenden Zeitverhältnisse und die sich aus denen ergebende extreme Gedrängtheit der ununterbrochenen Abfolge kompaktester Einfallsfeuerwerke - wer soll das alles mitkriegen? Es ist nicht bös gemeint, man merkt's: „Die enormen Wissensmassen, die hier durchprozessiert werden, lassen die Sendung dennoch nicht elitär werden“, schrieb völlig richtig schon 1999 Deutschlands führender Simpsonianer und Groeningologe Diedrich Diederichsen, dem man in solchen Sachen schon deshalb nicht widersprechen sollte, weil sich sonst ambitionierte Diskurs-Astrologen sofort eine Debatte um Wesen und Bestimmung von Pop und die Zukunft der Bundeskulturstiftung daraus schnitzen.

Man kann sich, wenn man Simpsons-Schöpfer ist, über das Dilemma des janusgesichtigen Wunsches, einerseits so zeichensatt und verfeinert wie möglich vorgehen und andererseits die berühmten „normalen Menschen“ weder ausgrenzen noch von oben herab erziehen zu wollen, mit etwas Witz ganz gut hinweghelfen - etwa in Gestalt der wahrhaft dämonischen Idee, die geläufige hierarchische Ordnung zwischen Mitte und Rand, Oben und Unten, Mainstream und Underground so häufig wie möglich zu invertieren.

Gegen Anpassung und Verspießerung

Während sich konservative Medien-Ökologen in den Vereinigten Staaten und anderswo besonders gern Sorgen um die Verschmutzung frei zugänglicher Unterhaltungsware mit rückwärts auf Platten eingespielten Satansparolen oder vom Konsumentenvieh unbewußt und willenlos wahrgenommenen pornographischen Winzigeinblendungen in der Schnapswerbung machen, ist bei den Simpsons zwar die offen gezeigte Botschaft stets eine der Renitenz gegen Anpassung und Verspießerung, aber dafür mahnen versteckte Subsignale oft genug das Gesittete und Züchtige an.

So enthüllt in der Folge „The Simpsons 138th Episode Spectacular“ der dröge Conferencier Troy McClure, daß in der Eröffnungssequenz jeder Folge in jenem Moment, in dem das Baby Maggie über eine Supermarktkassen-Preiserfassungsautomatik gezogen wird, die Anzeige nur scheinbar „$ 847,63“ ausweist, in Wahrheit dort jedoch sekundenbruchteilskurz die Losung „NRA4EVER“ flackert - also ein verdeckter Unterstützungsaufruf zugunsten der erzpatriotischen Waffenlobby. Und wer auf der uferlos materialreichen Simpsons-Website unter der noblen Adresse http://www.thesimpsons.com/zombie/ seinen niedersten Instinkten Auslauf gönnen und in einem hirnlosen Ballerspiel die Kadaver halbzersetzter Untoter abschießen möchte, wird unversehens mit den Leichen von Shakespeare und George Washington konfrontiert, zur ästhetischen und staatsbürgerlichen Weiterbildung.

Zu große Packungsdichte

Wenn anarchistische Drogenfresser und Schulschwänzer also lange und oft genug „Die Simpsons“ gucken, werden sie am Ende womöglich gegen ihren Willen brave Bürger - das ist keine üble Randglosse zur weitverbreiteten Angst vor der heutzutage angeblich die Massen bis ins Knochenmark verderbenden Informationsübersättigung. Das Problem der zu großen Packungsdichte und Flüchtigkeit von Gelungenem und Reizendem bei einer so rasanten Show wie „Die Simpsons“ ist freilich trotzdem ein ernst zu nehmendes.

Man spricht anläßlich älterer, für traditionell Gebildete gedachter Ausprägungen moderner Kunst zwischen James Joyces Romanen und Jean-Luc Godards Filmen bekanntlich gern von „mehreren Ebenen“ der ästhetischen Wirkung. Diese das Komplexitätsgefüge vertikal verräumlichende Metapher ist für den Animationswirbelwind „Die Simpsons“ allerdings grundverkehrt: Es geht da nicht um stockwerksübergreifende kognitive und pädagogische Gebäudesicherung, sondern um zahlreiche einander prozeßförmig umspielende und wechselseitig fortreißende unterschiedliche Ereignisgeschwindigkeiten.

Vorbeirauschende Kunstwerke

Manches begreift man sofort, anderes später, vieles sollte man mindestens zweimal sehen, und für einiges muß man schon den Umweg übers große Lexikon der Stanley-Kubrick-Anspielungen, die „Britannica“ oder die Google-Bildsuche in Kauf nehmen. Wie schnell ein solches Kunstwerk vorübersaust und mit wie vielen Kenntniskäschern der Verstand in jeweils welchem Tempo nach Pointen, Anschlüssen und überhaupt Sinn fischen muß, kann man aber bei Film und Fernsehen trotz DVD mit Pausentaste und Kommentar letztlich einfach nicht beherrschen. Wie bei der Musik geht es hier immer so rasch zu, wie die Urheber wollen, und wer etwas verpaßt hat, bleibt zunächst mit offenem Mund zurück.

Das ist bei Comics ganz anders; die kann man so lange anstarren, bis man schlau daraus wird. Der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick hat eigenem Bekunden nach im Jahr 1974 eine Offenbarung erlebt, bei der ihm mitten in der Nacht über mehrere Stunden per rosa Laserstrahl via Netzhaut „Tausende von geometrischen Abstraktionen, Farbflächen und sonstige visuell codierte Botschaften einer höheren Intelligenz“ direkt ins Gehirn gesendet wurden. Man hat alle möglichen Deutungen dieser Erfahrung vorgeschlagen, die Dicks rätselhaftes und faszinierendes neosymbolistisches Spätwerk prägt: Drogenschock, psychotischer Schub, Medikamentenvergiftung, eine Mischung aus alldem. Was Dick sich da spekulativ zur Theophanie hochgerechnet hat, ist in Wirklichkeit aber einfach die Ur-Bildungserfahrung seiner Generation von popkundigen Amerikanern - Dick wurde 1928 geboren -: eine Nacht unter der Bettdecke mit den bunten Heftchen und der Taschenlampe.

Rauch neben Sprechblasen

Wie transzendent und wunderlich die Welt tatsächlich ist, auf die man durch derlei Fenster blickt, hängt allerdings nicht zuletzt davon ab, wieviel aus der alltäglichen Wirklichkeit vertraute Einzelheiten sie in sich hineinsaugen und durch ihren neuen, lustigen und abenteuerlichen Kontext verzaubern kann. Bei den meisten Superhelden, Mangas, „Bone“-Geschichten oder sonstwas, das in den Vereinigten Staaten auf den Halbwüchsigen erreichbaren Verkaufsregalen liegt, muß man bis zur finalen Pleite-Nummer warten, bevor den Schreibern und Zeichnern endlich eine Wiedererkennbarkeit unterläuft, die der freiwilligen Selbstkontrolle „Comics Code Authority“ wegen zu großer Lebensnähe jugendgefährdend vorkommen könnte.

Nicht so in den „Simpsons“-Comics: Soviel geraucht wie bei Patty und Selma wurde neben Sprechblasen noch nie; das Christentum hat kein Comic-Schaffender je derart gut gelaunt durch den Milchshake gezogen wie bei den Ausflügen in die Glaubenspraxis der Nachbarfamilie Flanders; das Hausfrauendasein fand sich auch in berüchtigten Mädchentiteln wie „Millie, the Model“ zu keiner Zeit mit annähernd soviel Aufrichtigkeit und Einfühlung geschildert wie bei Mutter Marge; undenkbar wäre im herkömmlichen Jungs-Comic, daß eine tragende Figur wie Vater Homer seine Abende nach der anständigsten aller Altagsbewältigungsmaximen hinrichtet, welche lautet: „Viel Feind, viel Bier!“

Horoskope und erfundene Filmplakate

Eigentlich müßte der publikumsfreundlichste „Simpsons“-Aggregatzustand „Comic“ ja, wie die Trickfilme, ein Trägermedium finden, das vor allem von Laufkundschaft lebt, von jedermann und jedefrau, die einfach nur einschalten müssen, um dabeizusein - ideal wäre also nicht das einigermaßen exklusive Comic-Heft, sondern der Zeitungsstrip. Den hat man im Januar 1999 auch wirklich gewagt, als Bestandteil einer Samstagsbeilage der Londoner „Times“. Mit dem seit den frühesten Tagen der Comic-Kunst etablierten Spielwiesenformat einer außerhalb des normalen Wochenablaufs plazierten Seite wurde dann standesgemäß kühn gespielt - gefälschte Anzeigen, Anleitungen zum Überleben des Schulalltags, Horoskope und erfundene Filmplakate verunsicherten und erfreuten die Leser.

Amerikanische Zeitungen ergriffen später ebenfalls die Chance; insgesamt aber blieb der Erfolg hinter den Erwartungen zurück, auch deshalb wohl, weil das Geschäft mit den „syndicated strips“ wesentlich stärker als das Fernsehen und die Comic-Heft-Industrie auf Sittlichkeitsgrenzen fürs Dargestellte achtet, ermittelt wohl über die in solchen Fällen üblichen eindimensional einfältigen Leserbefragungen unter Vereinsamten und Kontaktgestörten - wer sonst hat Zeit, sich für so etwas interviewen zu lassen; der alerte und lebensneugierige „Simpsons“-Leserstamm bestimmt nicht. Ein Strip über die aus der Fernsehshow bekannten Brutalo-Zeichentricktiere „Itchy & Scratchy“ wurde gekippt, andere kaufte man, druckte sie aber nicht.

Kein Wunder, daß Matt Groening und seine treuen Kreativen bei „Bongo Comics“ in dieser Veröffentlichungsform eher nicht die Zukunft der Simpsons erblickten und lieber Ableger der Comicreihe wie das Solo-Schlaglicht „Bart Simpson“ oder das „Treehouse of Horror“ konzipierten und fertigten. Ein Heft über Lisa, heiß ersehnt von nicht wenigen, die sich vernünftigerweise eine Welt wünschen, in der „alle Menschen Mädchen sind“ (die Ärzte), gab es nur kurz, als Vorschein solchen Paradieses.

Die simpsoniale Arbeit am zum Überlaufen vollen, aber trotzdem nicht beengenden Bild ebenso wie am überlichtschnellen und dennoch allgemeinverständlichen Witz geht weiter. Wir halten die Luft an und blättern um.

Matt Groening: Der am 15. Februar 1954 geborene Cartoonist begann seine Laufbahn als Popkulturschaffender in der Sparte „Musikjournalismus“, wo seine Aufmerksamkeit vor allem dem Reggae galt. In den achtziger Jahren schuf er erfolgreiche Zeitungs-Comicstrips mit depressiven Hasen über die allgemeine Hölle, in der wir darben - „Life in Hell“. Diese erregten die Aufmerksamkeit des Fernsehsenders Fox, der daraus eine Show machen wollte. Groening aber erfand für die Herrschaften lieber etwas Neues - „Die Simpsons“ und später die Science-fiction-Farce „Futurama“.

Die Simpsons: Als Trickfilm gibt es die gezeichnete Familie aus dem unteren Mittelstand mit dem übergewichtigen Melancholerikervater Homer, der treusorgenden Mutter Marge, dem frechen Sohn Bart, dessen frühreif intellektueller Schwester Lisa und dem Baby Maggie seit 1987, als ein kleines Filmchen über sie in der Fernseh-Nummernrevue „The Tracey Ullman Show“ lief. Zwei Jahre später bekamen sie und ihre von vielfältigen und hochdifferenzierten Charakteren wimmelnde Durchschnittskleinstadt Springfield eine eigene Serie, die bis zum heutigen Tage läuft und 1993 einen ebenso aufwendig wie raffiniert gestalteten Comic-Ableger bekam.



Text: F.A.Z., 19.11.2005, Nr. 270 / Seite 38
Bildmaterial: Abbildungen © Bongo Entertainment, Inc. All Rights Reserved. The Simpsons © & TM Twentieth Century Fox. All Rights Reserved

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