16. April 2007 Wer auf Elfriede Jelineks Homepage http://www.elfriedejelinek.com/ den Sektor Aktuelles anklickt, findet dort die ersten beiden Kapitel eines neuen Romans der Nobelpreisträgerin. Unter dem Titel Neid bezeichnet sie den Text, bisher knapp neunzig Seiten, als einen Privatroman. Darüber schwebt als Illustration, Warnung und Signet die Bebilderung der sieben Todsünden, wie sie Hieronymus Bosch auf eine Tischplatte malte, die sich heute im Prado in Madrid befindet. Kreisförmig sind die Todsünden da angeordnet - gerahmt von Rundbildern der Vier letzten Dinge, nämlich Tod, Gericht, Hölle und Himmel - um das Auge Gottes herum. In dessen Pupille zeigt Christus seine Wunden, und es steht da Cave cave deus videt - Hüte dich, Gott sieht. Und er sieht auch, so wollen es der Altmeister und Elfriede Jelinek, dass die Invidia, der Neid nämlich, nicht einmal die Hunde verschont von der Todsünde: Einer, der schon zwei Knochen hat, äugt da auf dem Bild gierig auf einen dritten, während ihm ein zweiter Hund neidisch zuschaut.
In Neid ist alles wieder da, was man aus Jelineks Kosmos schon kennt: den Berg und die See, die größere und die kleinere Stadt, die alternde Frau und den ausbleibenden Fremdenverkehr, die ruinierte Natur und den erodierenden Dreck, die Toten und die Musik. Dieser Sprachfluss ist wieder das melodische Räsonieren über den unaufhaltsamen Verlust, aber ein anderer Ton schwingt in diesen ersten Stücken eines erst noch abzuschließenden Ganzen. Dünnhäutig ist ein Wort dafür. Kategorisch ist das Zitieren von der Website - ohne ausdrückliche Erlaubnis - verboten; das sind die Spielregeln, sagt Elfriede Jelinek dazu. Und diese eben verderben gewiß manchem ihrer schärfsten Kritiker das gewohnte Spiel; denn jetzt ist es nicht mehr so einfach, aus ihrem an- und abschwellenden Sprachstrom einzelne Passagen eliminiert an den eigens aufgerichteten Pranger zu stellen.
Der Computer als Komplize
Im Fall von Neid und angesichts der Selbstauskunft, die uns Elfriede Jelinek dazu erteilt hat, möchte man sagen, dass Friedrich Nietzsches bewährte altgediente Sequenz, der zufolge unser Schreibzeug an unseren Gedanken mitarbeitet, noch einmal schön plastisch wird - und gar nicht im Sinne eines Widerstands von Seiten des Geräts. Die Schriftstellerin behandelt den Computer und seine Optionen, die allfällige Auskunftsmaschine darin und die zweischneidige Wissensmacht, zu der eine im Netz vagierende Enzyklopädie aufgestiegen ist, als ihre Komplizen, als einen Schutz auch. Dass jeder Leser ihr dabei jederzeit den verschrifteten Leib ausknipsen kann, betrachtet sie offenbar als neuen Freiraum: Die Substanz eines Buchs tauscht sie gegen die ephemere Gegenwart im virtuellen Raum - eine Auslöschung der extravaganten Art; ein Liebesgruß an Thomas Bernhard gewiß, in einer starken Passage des ersten Kapitels.
Natürlich ist diese vorgebliche Leichtigkeit ein Selbstbetrug, eine vorsätzliche Selbsttäuschung, muss man wohl annehmen, eine Krücke gewissermaßen, mit der sie sich selbst glauben machen will, dass sie über Zuteilung und Entzug entscheiden könne. Und in den letzten Sätzen des zweiten Kapitels, das Elfriede Jelinek am Karsamstag ins Netz gestellt hat, klingt eine wehmütige Note an, eine Melancholie der Leere und des drohenden, des bedrohlichen und angedrohten Verstummens, einer Anwesenheit ohne Aufgehobensein - entkleidet aller Sarkasmen und aller Spottlust. Als müsse sie sich dafür entschuldigen, dass sie existiert. Das ist nicht mehr kokett und auch nicht zynisch, das ist zart.
Wann das nächste Kapitel kommt, sagt Elfriede Jelinek, weiß sie selbst noch nicht; fünf Kapitel sollen es jedenfalls insgesamt werden, in unregelmäßigen Abständen. Aber vielleicht, meint sie, gelingt ihr das auch gar nicht. Dann heiße es eben Fortsetzung folgt mir leider nicht! Wäre jetzt aber schade. Wo sich Brigitte K., die Geigenlehrerin, deren Mann mit der jüngeren Sekretärin durchgegangen ist und die sich dann doch ein wenig zu elegant für die verkommenen Verhältnisse um sie herum kleidet, doch schon auf den Weg gemacht hat. Übrigens, für die Freunde der Statistik: Rund fünfhundert Besucher verzeichnete die Website in den letzten 24 Stunden.
Ein Interview mit Elfriede Jelinek über Neid finden Sie im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Dienstag, 17. April.
Text: F.A.Z., 17.04.2007, Nr. 89 / Seite 35
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