Von Andreas Rossmann
29. Mai 2006 Noch ist es mehr als ein halbes Jahr hin bis zur Verleihung des Heine-Preises der Landeshauptstadt Düsseldorf, der in der vergangenen Woche dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke zugesprochen wurde und traditionsgemäß am 13. Dezember, dem Geburtstag des Dichters, überreicht wird. Viel kann bis dahin passieren: Handke könnte sich daran erinnern, daß er, so jedenfalls teilte vor drei Jahren sein Verlag mit, keine Preise mehr annehmen wollte. Oder der Rat der Stadt Düsseldorf könnte sich in seiner Sitzung am 22. Juni weigern, das Votum der Jury zu bestätigen.
Was normalerweise nur eine Formsache ist, erscheint in diesem Fall nicht mehr als sicher. Am Ort, so berichtete die Rheinische Post am Samstag, trifft die Ehrung Handkes auf Vorbehalte, Empörung und heftige Kritik. Vertreter von SPD, Grünen und FDP, die im Stadtparlament die Mehrheit haben, wollen die Entscheidung nicht akzeptieren, und das, wie sie betonen, ausschließlich wegen Handkes Nähe zum verstorbenen serbischen Präsidenten Milosevic.
Die Sorge wächst
Sollten sie sich durchsetzen und die Vergabe rückgängig machen, wäre das auch eine Ohrfeige für den medienbewußten Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU), der sich wünscht, daß - so zitiert ihn die Zeitung - die Preisverleihung eine Debatte darüber entfache, welche Rolle der vom Haager Gerichtshof nicht verurteilte Milosevic im Balkan-Krieg gespielt hat. Diese Diskussion aber muß nicht mehr erst in Gang gesetzt werden, und in Düsseldorf wächst eher die Sorge, daß die Wahl Handkes den Preis und das Ansehen der Stadt beschädigen könnte.
Wie das Blatt weiter berichtet, erwäge das Stadtoberhaupt, das ursprünglich Marcel Reich-Ranicki oder den in Düsseldorf geborenen Dieter Forte vorgeschlagen habe, eine etwaige Ablehnung Handkes durch den Rat als Akt der Zensur zu bewerten, da die Jury ausdrücklich als unabhängig eingerichtet worden sei: Erwin plädiert dafür, Handke am 13. Dezember bei der Verleihung seine Rede halten zu lassen.
Es war eine tief gespaltene Jury
Für Irritationen sorgt in der Landeshauptstadt auch das Verhalten von Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU), dem Staatssekretär für Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen und früheren Kulturdezernenten der Stadt, der an der Jury-Sitzung nicht teilgenommen, aber auch keinen Vertreter geschickt hat. Für die Staatskanzlei, die Grosse-Brockhoff leitet, sei die Entscheidung, so heißt es, einfach nicht nachvollziehbar, da der Preis nicht nur das literarische Wirken, sondern auch die politische Haltung würdige. Dieser Doppelcharakter der mit fünfzigtausend Euro dotierten Auszeichnung scheint anderen führenden Politikern des Landes gar nicht bekannt zu sein: So wird Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) mit der Meinung zitiert, die Preisverleihung sei angemessener für eine demokratische Gesellschaft, als wenn ein Schriftsteller wegen politischer Äußerungen von der Bühne abgesetzt wird, wie in Frankreich geschehen.
Es war eine tief gespaltene Jury. Mit dieser Mitteilung trug Christoph Stölzl, der ihr mit Sigrid Löffler, Julius H. Schoeps, Jean-Pierre Lefebvre, Gabriele von Arnim, dem Universitätsrektor Alfons Labisch sowie Vertretern der Stadt angehört, im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger die Differenzen im Gremiums nach außen. Darin bezeichnet er sich als nicht sachkundig genug, um Handkes antizyklische politische Position definitiv beurteilen zu können. Die allgemeinen Defizite an historischen Kenntnissen rieten zur Vorsicht bei der Verteilung von Gut und Böse, so der Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums, habe es in der westlichen Öffentlichkeit während des Jugoslawien-Krieges doch eine Wahrnehmungsungenauigkeit gegeben. Sicher kann es sein, daß Handke sich irrt, so gibt die Zeitung Stölzl wieder, doch auch in diesem Fall bleibe Handke ein großer Dichter, zu dessen Werk die Politik eine nahezu unsichtbare Begleiterscheinung sei.
Handke war nicht mein Kandidat
Niemand wisse, so Stölzl schließlich, was Handke auf der Beerdigung von Milosevic wirklich gesagt habe. Jetzt ist er gehalten, Flagge zu zeigen, fordert der ehemalige Berliner Kultursenator von Handke nach der von ihm mitverantworteten Preiszuerkennung, als hätte es der Dichter in seinen Äußerungen zu Serbien in den vergangenen Jahren an Eindeutigkeit fehlen lassen.
Mit dieser tut sich Stölzl selbst nicht ganz leicht: Zum eigenen Stimmverhalten, so der Kölner Stadt-Anzeiger am Samstag, machte der Juror keine Angaben. Im Deutschlandradio Kultur erklärte Stölzl inzwischen: Handke war nicht mein Kandidat.
Text: F.A.Z., 29.05.2006, Nr. 123 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
Wissensplattform Knol: Hat Google den Wikipedia-![]()
Martin Walser betätigt sich als Finanzjongleur
Nach dem Spruch des Kartellamts: Was sind die Fernsehrechte noch wert?
Experten rätseln über die Pannen in einem französischen Kernkraftwerk
