18. September 2004 Nichts ist so wichtig wie ein Buchcover. Das Buchcover ist die Haustür des Buches. Wenn das Cover nicht aussieht, macht das Lesen keinen Spaß. Anders herum nimmt ein gutes Buchcover schon die schönen Dinge vorweg, die es später zu lesen gibt.
Zum Beispiel Max Frischs Montauk: Der Atlantik kann nicht fern sein, heißt es da, aber bevor man diesen Satz las, war man schon fast am Meer, dank des tiefblauen Covers, in dem die hellblaue Times Modern-Schrift dümpelte wie eine leichte Dünung. Damit ist jetzt Schluß.
Der Suhrkamp-Verlag hat nach 33 Jahren den größten aller denkbaren Fehler gemacht und seine Cover umgestaltet - aber der Reihe nach: Es liegt ja im Trend, daß alles, was einmal bunt war, grau wird. Erst verschwanden die gelben Telefonzellen; ihre Nachfolger trugen die Farben absterbender Dinge, ein erfroren aussehendes Magentarot und ein fahles Grau, und wenig später starben die Telefonzellen tatsächlich aus.
Überall nur silbergrau
Silbergrau verdrängte währenddessen alles, wurde die beliebteste Neuwagenlackierung in Deutschland und siegte jetzt auch über die letzte Bastion der Farbe: Auch die quietschbunten Suhrkamp-Taschenbücher kommen bald bittergrau bis fahlbeige daher. Keine waldmeistergrünen Tage mehr mit dem Steppenwolf! Distinguiertes Grau heißt die neue Nichtfarbgebung im offiziellen Sprachgebrauch bei Suhrkamp.
Distinguiert. Gut. Es muß ja auch nicht immer alles bunt sein, der Hang zum Bunten ist ja auch nicht immer Ausdruck von Lebensfreude: Die knallorangen, rapsgelben und giftgrünen Farben der Autos wurden um 1974 mit dem Hinweis empfohlen, daß man einen gelben Käfer bei Dämmerung besser sieht als einen grauen und in einen roten Opel weniger schnell hineinkracht als in einen schwarzen. Auch hinter ostentativer Lebensfreude steckt manchmal nur Angst vor Kollisionen - also warum nicht mal distinguiertes Grau?
Aber: Leider ist das Grau nicht distinguiert. Die grauen Cover haben den Charme einer ostdeutschen Industrielandschaft an einem unterbelichteten Januartag, die beigefarbenen Cover sehen aus, als habe man der Literatur einen orthopädischen Stützstrumpf übergezogen. Und falls mit distinguiert unterscheidbar gemeint war: Nein.
Auch die Schrift ist verändert
Suhrkamp-Bücher sehen ab sofort aus wie alles. Wie Audi-Preislisten, wie schlechte Klassik-CDs, wie Porzellanvasenkataloge. Und als ob der Farbverlust nicht schon Unheil genug wäre, haben die Grafiker auch die legendäre Times Modern Black verändert, die Willy Fleckhaus und Rolf Staudt vor 33 Jahren erfunden hatten und die für die Lesekultur ein Label geworden war wie der Mercedes-Stern.
Statt dessen gibt es jetzt Buchstabentypen namens Minion und Meta. Sie sehen furchtbar aus. Stehen dürr herum, als hätte jemand die Luft aus der Times Modern herausgelassen. Wirken irgendwie verhungert, als habe die Literatur bei Suhrkamp keine Nahrung mehr gefunden. Meta! Es ist, als würde sich Mercedes-Benz plötzlich einen silbernen Knoten auf die Motorhaube schrauben. Der Atlantik kann nicht fern sein.
Kann er doch. Der Atlantik ist verschwunden, ist graue Ostsee geworden, ach was, ein optischer Baggersee, in dem Stützstrümpfe herumschwimmen, und man kann nur hoffen, daß es mit Suhrkamp nicht noch so endet wie mit den graurötlichen Telefonzellen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19. September 2004
Bildmaterial: Suhrkamp, Zentralbild