Porträt

Horace Engdahl, der Grenzüberschreiter

Von Robert von Lucius

Engdahl: “Zwischen der Akademie und den Medien herrscht Krieg“

Engdahl: "Zwischen der Akademie und den Medien herrscht Krieg"

24. Februar 2004 Zwei Gesichter hatte Horace Engdahl bisher der Öffentlichkeit gezeigt. Er ist der hochgewachsene, stille Mann, der jährlich den Träger des Literaturnobelpreises verkündet, ihn vor der Nobelrede mit wenigen treffenden, auch witzigen Worten vorstellt - er liebt Aphorismen - und der im Namen der Schwedischen Akademie als deren Ständiger Sekretär bei Buchvorstellungen verbindliches Interesse zeigt. Außerdem ist er ein Essayist, den die dänische Zeitung "Politiken" in einer Besprechung eines seiner Werke just den "charismatischsten Kritiker des Nordens" nannte, der die Literaturkritik bis zu den Grenzen der Dichtkunst und darüber hinaus führe.

Jetzt zeigt Engdahl ein drittes Gesicht: das des zornigen jungen Mannes - denn trotz seiner fünfundfünfzig Jahre ist er jung geblieben. Im Gespräch mit der linksliberalen "Politiken" greift er die Massenmedien - "jedenfalls schwedische" - mit einer Heftigkeit an, die auch bei temperamentvollen Schweden überrascht: Sie verhielten sich wie eine "private Stasi" und lynchten leichthändig Menschen. Zwischen der Akademie und den Medien herrsche Krieg, so Engdahl, seitdem diese den Nobelpreis 1989 nicht an Salman Rushdie verliehen habe. Seitdem sei Journalisten nichts heilig, sie stünden nachts bei ihm vor der Tür und störten seine Kinder. Er verachte ihre Arbeitsweise, die den Massen eine moderne Form der Hinrichtungsspektakel biete.

Früherer Zeitungskritiker

Engdahl, der den tagtäglich Schreibenden vorwirft, Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem nicht zu respektieren, mißachtet indes selber, in anderer Form und mit Genuß, von jeher Grenzen. Daß er in seiner Doktorarbeit über schwedische Romantik (sein bevorzugtes Forschungsfeld) Grenzen zwischen Literatur, Philosophie, Dichtung und Theorie überschritt und ihm stets der Ton wichtiger war als die formale Zuordnung, nahm ihm die traditionelle schwedische akademische Welt so übel, daß ihm ein Lehrstuhl verwehrt wurde; erst Dänemark trug ihm einen solchen jetzt mit einer Ehrenprofessur in Århus an.

So lebte Engdahl zunächst niedrig bezahlt als "freier Intellektueller", Dichter und Fernsehmoderator. Dieser Welt trauert er nach: Eine solche "Katakombenkultur", eine akademische Boheme, gebe es nicht mehr, glaubt er; jeder lese die gleichen Bücher. Er folgt keinem Mainstream: Der Goethe-Liebhaber springt von Mallarmé und Fichte zu Ekelöf und Beckett, gewählt und in kunstvollen Fragmenten. Schon als junger Assistent gab er eine wegweisende Anthologie und die Literaturzeitschrift "Kris" (Krise) mit heraus, die mit Grenzüberschreitungen zwischen Literatur, Philosophie, Theorie und Kunst hergebrachtes Denken in Frage stellten.

Später wurde der Übersetzer von Kleist, Friedrich Schlegel und Maurice Blanchot Mitherausgeber einer Schriftenreihe, in der Novalis und Lichtenberg erschienen. Schließlich war Engdahl ein Jahrzehnt lang Kollege jener, die er nun angreift: Als Zeitungskritiker rezensierte er nicht nur Bücher, sondern auch Tanz, und auch darin war er in Schweden wegweisend. 1997 wurde Horace Engdahl als einer von achtzehn Unsterblichen bis an sein Lebensende in die Svenska Akademien gewählt und zwei Jahre später deren Ständiger Sekretär, der siebzehnte in diesem Amt seit der Akademiegründung im Jahr 1786; für sie stelle er sich "in die Schußlinie".

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2004, Nr. 47 / Seite 42
Bildmaterial: PRESSENS BILD

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