08. Oktober 2004 Die Ministerpräsidentenkonferenz kreißte und gebar das unüberraschende Mäuslein. Es wäre fast heldenhaft aufrichtig gewesen, wenn die Landesfürsten zur verunglückten Rechtschreibreform gesagt hätten: Sie war ein Fehler, den wir korrigieren müssen. Damit hätten sie aber sich selbst und ihre Kultusminister wenigstens der groben Fahrlässigkeit bezichtigt; freundlicher kann man die anmaßende und, wie man sieht, unheilvolle Einmischung der Politik in eine Sphäre, die sie nichts angeht, nicht qualifizieren.
Die Kultusminister und ihre Chefs hatten die Reform einer Handvoll von Sprachideologen überlassen und deren Werk uninteressiert abgenickt. Die vielstimmigen Einwände gegen die Verunklarung und Verarmung der Schriftsprache wurden als reaktionäres Elitengeschrei abgetan, das von der Kraft des Faktischen schon zum Verstummen gebracht werde.
Dann hat man die Brutalität dieser Enteignung auch noch als Grund dafür angeführt, warum sie nicht rückgängig gemacht werden könne: Die Schüler dürften doch nicht darunter leiden, daß "einige wenige" ihren Willen durchsetzen wollten. Die Politiker, die solches sagen, wissen offenbar nicht, daß sie über sich selbst reden. Das Volk ist nach wie vor gegen die oktroyierte Neuschreibung.
Doch die Reform bleibt schon deswegen, weil sie eine Reform ist: Wir sind schließlich fortschrittlich in Deutschland. Daher muß auch ihr Symbol, die neue ss-Schreibung, Bestand haben, obschon sie, das ist nachgewiesen, die Fehlerquote in der Schule nicht zu reduzieren vermag. Der neue Rat für Rechtschreibung - dessen Legitimation von seiner Zusammensetzung abhängt - soll aber über alles andere reden dürfen.
Es wird, wenn die Öffentlichkeit nicht wieder getäuscht werden soll, zu Veränderungen der Reform kommen. Nichts anderes wollten und wollen die Kritiker der bisherigen Vorgehensweise. Sie wehren sich nicht gegen die vernünftige Weiterentwicklung einer lebendigen Schriftsprache, wohl aber gegen ein vom Staat gefördertes, überflüssiges und unsinniges Diktat.
Text: bko. ; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2004