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Rezension: Sachbuch
Wittgensteins Erbe ist verteilt

05. Juni 1997 "Ich habe in Wittgensteins ,Philosophischen Untersuchungen' nichtsgefunden, was mir interessant geschienen hätte, und verstehe nicht, warum eineganze Schule wichtige Weisheiten darin findet." So dezidiert kopfschüttelndäußerte sich Bertrand Russell 1959 über die nachhaltige Wirkung des "späten"Wittgenstein auf die englische Philosophie. Daß ein Philosoph wie Russell in densechs Jahren zuvor posthum edierten "Philosophischen Untersuchungen" nur eineUnterbietung philosophischer Erkenntnisansprüche sah, kann kaum verwundern.

Schließlich richtete sich Wittgensteins Philosophieren seit den dreißiger Jahrenin denkbar grundsätzlicher Weise gegen die Vorstellung, daß Philosophie Thesenzu verteidigen oder Theorien zu entwerfen hätte. Zum Beispiel solche, die einals rätselhaft empfundenes Aufeinanderpassen von Sprache und Welt glaubeneinsichtig machen zu müssen - wie es Wittgenstein selbst in seinemepochemachenden "Tractatus" vorgeführt hatte, an den Russell wie die LogischenEmpiristen ihre programmatischen Hoffnungen geknüpft hatten. Nur entging Russelldie Pointe von Wittgensteins therapeutisch eingesetzten Argumenten: Nämlichsolche Erklärungsansprüche, samt dem Gestus der Lösung tiefliegender Probleme,als Ergebnis hartnäckiger "philosophischer" Verwirrungen kenntlich zu machen.

Was Russell dagegen durchaus nicht entgehen konnte, war der Umstand, daß sichder philosophische Ton im nach 1945 schnell im Zentrum der philosophischen Weltaufsteigenden Oxford deutlich gewandelt hatte und Wittgenstein dabei einewichtige Rolle spielte. Von einer "Schule", die sich an Wittgenstein orientierthätte, kann allerdings nicht die Rede sein, selbst wenn man Autoren wie Ryle,Austin, Strawson unbedingt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einer solchen,der "Oxford ordinary language philosophy", bringen möchte. Man muß schon genauerhinsehen, will man sich ein richtiges Bild von der Wirkung Wittgensteinsinnerhalb der analytisch orientierten Philosophie machen.

Der Oxforder Philosoph Peter M. S. Hacker hat nun eine auf Wittgensteinfokussierte Darstellung der analytischen Philosophie vorgelegt. Sie bildet denAbschluß des monumentalen Kommentars zu den "Philosophischen Untersuchungen",den Hacker gemeinsam mit Gordon P. Baker 1980 in Angriff genommen hatte unddessen vierter und letzter Band letztes Jahr erschien. Ursprünglich alsabschließender knapper Essay dieses vorzüglichen Kommentarwerks geplant, istdaraus ein stattliches Buch geworden.

Wer erwartet, darin lediglich eine trockene Geschichte der Einflüsse undFiliationen zu finden, täuscht sich über den Autor. Hacker ist über der Arbeitan den Bänden des Kommentars durchaus nicht zum Typus des Philologen geworden,der sich selbstgenügsam in den Labyrinthen der Wittgensteinschen Texte bewegt.Im Wittgensteinschen Geist, aber ohne Wittgenstein zur Autorität zu stilisieren,hat er sich immer wieder mit wichtigen Strömungen innerhalb der angelsächsischenPhilosophie auseinandergesetzt.

Mit seinem Kommentar zu den "Untersuchungen" stellte sich Hacker gegen denmainstream der analytisch geprägten Philosophie. Was er an ihm diagnostiziert,ist die Restauration eines "szientifischen" Gestus, der sich aufs neue darumbemüht, Theorien aufzustellen und Thesen durchzufechten, statt Philosophie alsKlärungsarbeit im Sinne Wittgensteins oder der "ordinary language philosophy" zubetreiben. Als wesentlichen Auslöser für diese Entwicklung sieht Hacker dieWirkung von Willard van Orman Quine an. Auf eine Konfrontation zwischen Quinesund Wittgensteins philosophischen Grundpositionen läuft denn auch sein neuesBuch zu.

Mit der Durchsetzung von Quines Programm, so Hackers Sicht, sei die analytischePhilosophie Mitte der siebziger Jahre an ihr Ende gekommen. Auch jene Form dernichtreduktiven, "verbindenden" Analyse, wie sie von Wittgenstein seit dendreißiger Jahren demonstriert worden und nach dem Zweiten Weltkrieg in derenglischsprachigen Welt tonangebend geworden war.

Diese Diagnose läßt sich für Hacker auch so formulieren: Mitte der siebzigerJahre setze sich wieder ein Philosophieren im Geiste des "Tractatus" gegenüberder in den "Philosophischen Untersuchungen" exemplarisch vorgeführten Haltung imUmgang mit philosophischen Problemen durch. Das meint nun nicht, daß einPhilosoph wie Quine wiederum eine Abbildtheorie von Sprache und Wirklichkeit imStil des frühen Wittgenstein anvisierte. Worauf Hacker zielt, ist vielmehr derUmstand, daß Quines behaviouristischer Physikalismus einem szientifischen Idealder Theoriebildung nachhängt, das sich als Konsequenz aus der von "Tractatus"ausgedehnten Tradition logisch-empiristischer Prägung verstehen läßt.

Für Hacker ist das eindeutig ein Rückfall hinter die von Wittgenstein, geradedurch die Dekonstruktion der Metaphysik des "Tractatus", erreichte Position.Eine Position, die sich nicht durch bestimmte Thesen umreißen läßt, sonderndurch die Nachzeichnung von Wittgensteins Verfahren, der Neigung zuphilosophischen Verwirrungen durch eine übersichtliche Darstellung, der"Grammatik" unserer alltäglichen, in Lebensformen wurzelnden Sprachspiele zubegegnen.

Die Klarheit und Prägnanz von Hackers Darstellung des "Tractatus" und derArgumentationsstränge der "Philosophischen Untersuchungen" sind so vorbildlich,wie bei diesem Autor nicht anders zu erwarten. Wem der vierbändige Kommentarallzu bedrohlich dickleibig erscheint, der findet nun eine ebenso bündige wieumsichtige Zusammenfassung der Grundzüge von Wittgensteins Philosophieren. Hinzukommt aber, was im Kommentarwerk nur teilweise und verstreut zu finden ist: dieBetrachtung des philosophischen Kontexts, in dem sich Wittgensteins Wirkungentfaltete, und vor allem der Veränderungen der philosophischen Landschaft inden Jahren nach Wittgensteins Tod, als seine Texte nach und nach ediert wurden.

Die klare Kontur der Darstellung zeichnet auch die abschließendeAuseinandersetzung mit Quines naturalistischem Programm der Philosophie aus. DaßHacker dessen Schwachstellen recht präzise trifft, werden wohl selbst jenePhilosophen nicht ganz in Abrede stellen, die wie Quine dazu tendieren, an einerals fundamental erachteten, nämlich physikalistischen Beschreibung der Welt dasMaß für ihre Ontologien zu nehmen. Allerdings werden sie zu Recht daraufhingewiesen, daß Quine ja nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluß ist.

Das berührt die Frage, ob das Beispiel Quine tatsächlich genügt, um HackersDiagnose zu rechtfertigen, es bezeichne das Ende der analytischen Philosophie.In einem gewissen Sinn trifft diese Beschreibung freilich zu: Quine und mit ihmeinige der interessantesten Philosophen aus der Schule Carnaps lösten denlogisch-empiristischen Begriff der Analyse - Hackers "reduktive" Analyse - voninnen her auf. Deshalb bezeichnet der Terminus "analytisch" heute kaum noch einkonzises Programm, sondern allenfalls einen gewissen Gestus der Darstellung. Sobetrachtet, ist die "analytische Philosophie" tatsächlich vor einiger Zeitverblichen, zumal auch die "verbindende" Analyse Wittgensteinscher oder OxforderPrägung an Terrain verlor. HELMUT MAYER

Peter M. S. Hacker: "Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie". Ausdem Englischen von Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 634S., geb., 98,- DM.


Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.1997, Nr. 127 / Seite 41
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„Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie” von Hacker, Peter M. S.
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