Preis für Peter Handke

Heine wird verhöhnt

Von Hubert Spiegel

26. Mai 2006 Jede Entscheidung einer literarischen Jury ist anfechtbar. Das liegt in der Natur der Sache. Man kann in aller Regel bestens darüber streiten, ob ein Autor die ihm zugesprochene Auszeichnung verdient oder auch nicht verdient hat, und dieser Streit gehört zu den ewigen Ritualen des literarischen Lebens. Die Jury, die den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zu vergeben hatte, kann diese Routine nicht für sich in Anspruch nehmen. Ihre Entscheidung, Peter Handke auszuzeichnen, fällt nicht nur aus dem Rahmen des Üblichen, sie ist unerhört.

Als unlängst Marcel Bozonnet, der Direktor der angesehenen Comedie Francaise sich weigerte, Handkes Stück „Das Spiel vom Fragen“ in seinem Haus auf die Bühne zu bringen, sprachen manche Kommentare von einem Akt der Zensur. Mehr als hundert französische Schriftsteller und Intellektuelle sahen das anders und unterstützen die Entscheidung des Intendanten in einem offenen Brief. Und von Zensur konnte tatsächlich keine Rede sein, denn über den Spielplan zu entscheiden, ist Recht und Pflicht der Intendanz.

Grundregel des Diskurses verletzt

Das stärkste Argument gegen die von Bozonnet verhängte Boykottmaßnahme, denn um nichts anderes handelt es sich, ist Handkes Stück selbst: Es hat mit den politischen Ansichten seines Autors zum Balkan-Krieg nichts zu tun. Bozonnet hat denn auch nie behauptet, daß der Inhalt des Stückes seine Entscheidung beeinflußt habe. Deshalb muß der Intendant sich den Vorwurf gefallen lassen, daß er eine Grundregel des ästhetischen Diskurses verletzt hat. Die Regel besagt, daß Kunstwerke nicht ohne weiteres für die politischen Überzeugungen ihrer Schöpfer haftbar gemacht werden dürfen.

Bei der Düsseldorfer Entscheidung verhält sich die Sache indes vollkommen anders. Denn der Heine-Preis ist keine rein literarische Auszeichnung, und er wird nicht für ein literarisches oder poetisches Gesamtwerk vergeben. In der Pressemitteilung der Stadt ist zu lesen: „Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heißt, durch den Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes ,Persönlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten'.“

Kurze Begründung

Will die Jury also allen Ernstes behaupten, Handkes Auftritt am Grab des Massenmörders Milosevic habe der Völkerverständigung gedient? Verbreitet die Schamlosigkeit, mit der Handke die serbischen Verbrechen beschönigt und die ethnischen Säuberungen geleugnet hat, die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen? Die Begründung der Jury ist kurz, zwei Sätze sind es nur: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale.“ Handke hat Milosevic als „Opfer der Geschichte“ bezeichnet und, wie Bernhard-Henri Levy jüngst in Erinnerung gerufen hat, das Leid der Serben für größer erklärt „als jenes der Juden in der Nazizeit“. Sieht so Eigensinn in der Tradition Heines aus?

Marcel Reich-Ranicki ist nicht dieser Ansicht: „Die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Heine-Preis ist eine empörende Beleidigung und Verhöhnung des Dichters Heine“, sagte der Literaturkritiker im Gespräch. Die Publizistin Alice Schwarzer hat erklärt, sie glaube, daß Handkes Mut Heine „vermutlich imponiert“ hätte.

Teile der Jury distanzieren sich

Diese Spekulation ist wohlfeil. Die Einschätzung der Jury-Entscheidung darf nicht an den toten Heine delegiert werden, es müssen sich schon die Zeitgenossen der Unbequemlichkeit unterziehen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Daß Politiker wie der EU-Beauftragte für Südosteuropa, Konrad Busek, oder der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag die Vergabe eines Literaturpreises kommentieren, ist ebenso ungewöhnlich wie der Umstand, daß sich Teile der Jury, der neben Vertretern der Stadt Düsseldorf unter anderen Sigrid Löffler, Julius H. Schoeps, Christoph Stölzl und Gabriele von Arnim angehören, bereits von der Entscheidung ihres Gremiums distanziert haben. Offen wird darüber gesprochen, daß sechzehn andere Kandidaten zur Wahl gestanden hätten, darunter Amos Oz und Irene Dische. Laut Berliner „Tagesspiegel“ erwägt ein Jurymitglied, der Preisverleihung im Dezember fernzubleiben.

Niemand will den Schriftsteller Peter Handke ächten, seine Stücke sollen gespielt, seine Bücher sollen gedruckt und diskutiert werden. All das ist selbstverständlich und muß es bleiben. Aber die Düsseldorfer Entscheidung ist verstörend in ihrer blinden Lust an der Provokation. Sie wird den Heine-Preis nachhaltig beschädigen.



Text: F.A.Z., 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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