Von Stephan Löwenstein, Berlin
21. September 2005 Ich wünsche mir jetzt gar nichts mehr, ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Und jetzt gehe ich nach Hause. So verabschiedete sich der Außenminister von der ihn umstehenden Hauptstadtpresse.
Es hatte etwas Endgültiges, wie er das sagte, und so sollte es wohl auch klingen, als Joseph Fischer am Dienstag seinen Rückzug aus der ersten Reihe der Politik verkündete - falls die Grünen nicht in einer rot-gelb-grünen Ampel oder in einer schwarz-grün-gelben Koalition weiter regieren sollten.
Zuvor hatte Fischer das seiner Bundestagsfraktion mitgeteilt, die zu einer inoffiziellen Sitzung zusammengekommen war, bisherige und künftige Mitglieder gemeinsam. In der Fraktion wird die Kontinuität groß sein, vier von fünf Abgeordneten waren schon bisher im Bundestag. Doch daß die Erklärung Fischers eine Zäsur bedeutete, wurde den Anwesenden schnell klar.
Es sei ein bewegender Moment gewesen, so wird berichtet. Minutenlang erhoben sich die Anwesenden zum Applaus, nachdem er geendet hatte. Für mich ist damit auch ein Lebensabschnitt, ein zwanzigjähriger, zu Ende gegangen, und ein neuer beginnt, teilte Fischer dann draußen mit. Was wird er künftig tun? Das wisse er, aber das gehe die Öffentlichkeit nichts mehr an, sagt er mit mildem und leicht spöttischem Lächeln. Den Journalisten sagt er: Das Schöne an diesem Entschluß ist, ihr liegt alle hinter mir.
Das sagt der Politiker, der eben noch als Wahlkämpfer wochenlang durchs Land gefahren war, einige Strecken davon in einem Bus, sich für Stunden zusammenpferchen ließ mit den Presseleuten, die seine Botschaft verbreiten sollten: Joschka kämpft. Der in der Schlußphase des Wahlkampfes über alle Plakate der Grünen, auch wenn sie andere Politiker seiner Partei zeigten, etwa Renate Künast, Banderolen kleben ließ: Zweitstimme ist Joschkastimme.
Zu den grünen Wahlkampfreden, gerade auch denen Fischers, gehörte die Sentenz, die Grünen könnten Regierung, sie könnten aber auch Opposition, und es sei wichtig, sie auch für diese zweite Rolle zu stärken. Jetzt zeigt sich: Zweitstimme ist Joschkastimme galt nur für die Regierung, denn für ein Regierungsamt wäre Fischer weiterhin zu haben. Das Ende von Rot-Grün aber soll, so hat er es jedenfalls verkündet, auch für ihn persönlich eine Zäsur darstellen.
Wie kein anderer Grünen-Politiker stand Fischer für diese Farbkombination. Zu den Anfangszeiten der grünen Partei, die vor einem Vierteljahrhundert aus so vielen Strömungen entstanden war, war es schwer umstritten, ob man überhaupt an die Regierungsmacht streben sollte. Schließlich sollten die Grünen doch eine ganz andere Partei sein als alle anderen.
Fischer war einer derjenigen, die die Partei als eine mögliche Regierungspartei formen wollten. Dabei gehörte er nicht zu den Gründungsmitgliedern, erst nach der Gründung als Bundespartei stieß er dazu. Doch nahm er bald eine wichtige Rolle ein, wenn auch zunächst nicht in vorderer Front. Doch gehörte er schon der ersten grünen Bundestagsfraktion an - und zwar sogleich als Parlamentarischer Geschäftsführer, was sowohl für sein Durchsetzungsvermögen als auch seinen Blick für strategisch wichtige Funktionen bezeugt.
In Hessen wurde dann unter seiner Führung 1985 das erste Regierungsbündnis mit der SPD geschlossen. Ministerpräsident Holger Börner hatte sein Verhältnis zu den Grünen noch kurz zuvor mit den Worten beschrieben, zu seiner Zeit auf dem Bau hätte man solche Leute mit der Dachlatte verprügelt. Die Koalition hielt nicht lange. Doch war damit ein Anfang gemacht, und Fischer konnte gleich zu Beginn seine Begabung einsetzen, durch äußerliche Signale Aufmerksamkeit zu erregen und Botschaften zu übermitteln.
Die weißen Turnschuhe, die er bei seiner Vereidigung als Minister für Umwelt und Energie trug und die dann ihren Weg ins Museum für deutsche Geschichte in Bonn fanden, sollten ihre späte Pointe finden, als Joseph Fischer als Bundesminister des Äußeren im dunklen dreiteiligen Anzug seine Eidesformel sprach. 1991 bis 1994 verlief die rot-grüne Koalition in Hessen auch nicht reibungslos, doch mit Hans Eichel verstand sich Fischer weitaus besser als mit Börner.
Als die Grünen nach ihrer katastrophalen Wahlniederlage von 1990 im Jahr 1994 wieder in den Bundestag einziehen konnten, setzte sich Fischer an die Spitze der Fraktion und bereitete in dieser Position den Regierungswechsel von 1998 vor. Sein wichtigster Partner dabei war keineswegs Gerhard Schröder, sondern Oskar Lafontaine, der SPD-Vorsitzende, der dann zur großen Verbitterung Fischers nur wenige Monate nach Realisierung das rot-grüne Projekt Knall auf Fall verlassen sollte.
In der Partei hatte Fischer nie eine Funktion inne. Doch entwickelte er sich zum Anführer der Strömung der Realpolitiker, der sich immer mit den Exponenten der anderen Seite rieb, ob sie nun Fundamentalisten genannt wurden wie Jutta Ditfurth oder später Linke wie Ludger Volmer oder Jürgen Trittin.
Erst in den neunziger Jahren wurde er allmählich zum heimlichen Parteivorsitzenden - auch dieses Nicht-Amt will er, glaubt man seinen Ausführungen vom Dienstag, nicht mehr weiter wahrnehmen. Ich bin erwachsen und erfahren genug, um zu wissen, daß man nicht von hinten in die vorderen Reihen hineinregieren soll, verkündete er.
Was bedeutet die Zäsur, von der Fischer sprach, nun für die Grünen? In seiner Ansprache vor der Fraktion führte er aus, daß es nun um eine neue Rolle in einem neuen Parteiensystem gehe. Nun sei damit zu rechnen, daß fünf Parteien mehr oder minder dauerhaft im Bundestag etabliert sind.
Die Grünen, so ist die Folgerung, müßten sich ebenfalls neu positionieren. Hatte nicht das Ergebnis der Bundestagswahl gezeigt, daß die Grünen auch ohne (rot-grünes) Funktionsargument, als eigenständige Kraft gut bestehen könnten? Daß sie eine hinreichend große Stammwählerschaft haben? In dieser Situation müsse Klarheit herrschen in Personalfragen.
Die werden nun die Debatten bei den Grünen beherrschen - stärker wohl, als die Gespräche über Koalitionen entweder mit SPD und FDP oder mit Union und FDP, an deren Erfolg doch keiner aus der Parteiführung so recht glauben mag. Denn in diesem Fall würden nur noch die beiden Führungsfunktionen an der Fraktionsspitze an interessanten Posten übrigbleiben. Als Bewerber stünden dann die beiden ausscheidenden Minister Renate Künast und Jürgen Trittin, die beiden Amtsinhaberinnen Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt sowie Fritz Kuhn, der ehemalige Parteivorsitzende, bereit.
Text: F.A.Z., 21.09.2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
Formel 1 für Ferrari: Doppelsieg für Ferrari - Schumacher ![]()
Pflegende Angehörige: Wie eine Stationsschwester im Dauereinsatz
Liberale feiern Westerwelle auf Parteitag
Autor Manfred Lütz zu den Kollateralschäden in Kloster Ettal
| Tops | in % | |
| Commerzbank | +2,85% | |
| Dt. Post | +1,98% | |
| Volkswagen Vz | +1,91% |
| Flops | in % | |
| RWE | −0,81% | |
| Beiersdorf | −1,17% | |
| Henkel Vz | −1,51% |
Westerwelle-Bashing Part 999 oder warum Rocksongs nicht zurPolitikanalyse taugen
15:05@Banaschak Der Wähler wird sein Urteil bald in NRW treffen
14:50 14:49Guido Westerwelles Club der Freunde
14:44Historikerkommissionen sollten ja nicht nur von der türkischen Seite berufen..