30. November 2005 Der Optimismus hielt nicht lange. Im Januar verkündete Jan Egeland, der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, 2005 könne das erste Jahr in der Geschichte werden, in dem die Regierungen ihre Hilfszusagen tatsächlich einhalten. Überwältigend war die Reaktion der Welt auf die Tsunami-Katastrophe in Asien ausgefallen: Nicht nur spendeten weihnachtlich gestimmte Privatleute großzügiger denn je, auch die Regierungen brachten zu Beginn des neuen Haushaltsjahrs rasch ansehnliche Summen auf.
Nun, nach - laut UN-Rechnung - 64 weiteren Naturkatastrophen und komplexen Notsituationen, ist im Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha) längst wieder der bedrückende Alltag eingekehrt. Opfer des Erdbebens in Indien und Pakistan (FAZ.NET-Spezial: Erdbeben in Kaschmir) warten weiter auf Hilfe, weil das bisher bereitgestellte Geld nicht für genug Hubschrauber und ihr Flugbenzin reicht. Kaum mehr als ein Viertel der laut Ocha benötigten Soforthilfesumme von 550 Millionen Dollar hat Helfer und Opfer bisher erreicht. Den erfrierenden Obdachlosen in ihren Gebirgsdörfern kann es dabei kein Trost sein, daß viele Regierungen bereits für den langfristigen Wiederaufbau Kredite zugesagt haben, denn für akute Rettungsmaßnahmen darf dieses Geld nicht verwendet werden. Und für die weniger spektakulären Krisen, vor allem die Überschwemmungen, Dürrekatastrophen und Hungersnöte in Afrika, kamen auch in diesem Jahr kaum mehr als Kleckerbeträge zusammen.
Schnelle Tsunami-Hilfe: eine große Ausnahme
Die Tsunami-Hilfe (Nach der Tsunami-Katastrophe: Urbane Wüste bis zum Horizont) stellte nicht nur wegen der großzügigen Spendensummen eine Ausnahme dar (inzwischen kam für die Nothilfe gut eine Milliarde Dollar zusammen), sondern auch wegen der Geschwindigkeit, in der das Geld bereitgestellt wurde. Ocha hatte schon einen Monat nach dem Seebeben mehr als 90 Prozent der zunächst veranschlagten Summe überwiesen bekommen - durchschnittlich sind einen Monat nach dem ersten Appell gerade einmal 16 Prozent der benötigten Summe auf den Konten der UN-Helfer eingegangen. Hätten in Indien und Pakistan mehr Touristen im Moment des Erdbebens Fotos gemacht von den Menschen, wie sie im Schutt versinken, dann hätte es auch hier mehr Unterstützung gegeben, sagte Egeland vor kurzem.
Bei dem Erdbeben steht Ocha wieder vor dem üblichen Bettel-Dreiklang: Zunächst muß die Behörde überhaupt die Aufmerksamkeit der UN-Staaten auf eine Krise lenken, denn nur in den spektakulärsten Fällen übernimmt das Fernsehen diese Aufgabe. Dann muß sie ihnen auf Geberkonferenzen das Versprechen abringen, möglichst hohe Summen zu spenden. Schließlich muß sie bewirken, daß die Staaten ihre Versprechen halten und das Geld binnen weniger Tage überweisen. Daß es gerade daran oft hapert, begründen viele Geberländer mit den aufwendigen Haushaltsprozeduren in ihren Parlamenten. Da für die Opfer einer Naturkatastrophe oft alles von schnellem Handeln abhängt, müssen die zuständigen UN-Organisationen Kredite aufnehmen. Wegen der Erfahrung, daß meist weder die geforderte noch die niedrigere zugesagte Summe zusammenkommt, müssen sie dabei zögerlicher sein, als ihnen angesichts der notleidenden Menschen recht sein kann.
Sensationswert einer Krise ist entscheidend
Für derlei Kredite unterhalten die UN einen Fonds, den Central Emergency Revolving Fund, aus dem UN-Organisationen zinslose Darlehen erhalten können, die sie binnen Jahresfrist zurückzahlen müssen. Er hat jedoch nur ein Volumen von 50 Millionen Dollar - das sind weniger als eine Million Dollar pro Krise, die Ocha in diesem Jahr zu lindern versucht hat. Nun soll der Fonds erweitert werden. Der Vorschlag von UN-Generalsekretär Annan sieht vor, daß von den künftig 500 Millionen Dollar des Fonds weiterhin 50 Millionen für Kredite zur Verfügung stehen. Die zusätzlichen 450 Millionen Dollar sollen als Zuschuß ausgezahlt werden können. Eine Debatte in der Vollversammlung in der vorigen Woche zeigte, daß es gegen den Plan kaum Einwände gibt. Das ist nicht verwunderlich, schließlich kann kein Mitgliedsland gezwungen werden, sich an den Kosten zu beteiligen. Das Generalsekretariat hofft, daß sich Regierungen finden, die Verpflichtungen für mehrere Jahre eingehen, damit die Helfer stets liquide sein werden. Bisher haben Großbritannien, Schweden, Norwegen, die Niederlande, Irland, Luxemburg, die Schweiz und Kanada angeboten, in den erweiterten Fonds einzuzahlen.
Mit ihm erhielten die UN-Organisationen häufiger die Möglichkeit, innerhalb weniger Tage auf dringend benötigtes Geld zuzugreifen, ohne von der Öffentlichkeitswirksamkeit, also dem Sensationswert einer Krise abhängig zu sein. Zudem könnten sie selbst die Prioritäten bestimmen. Denn die Erfahrung lehrt, daß nicht nur manche Krisen bei den Gebern populärer sind als andere, sondern daß auch innerhalb derselben Nothilfeaktion einige Posten lieber finanziert werden als andere. Viele Regierungen wollen zum Beispiel gern das Essen für Katastrophenopfer bezahlen. Die Aufbereitung von Trinkwasser dagegen erfreut sich geringerer Beliebtheit. In seinem aktuellen Bericht über die Reform des Nothilfefonds klagt Annan: Es ist unangemessen, notleidenden Bevölkerungen mit Essen ohne Wasser oder Wasser ohne Gesundheitsversorgung zu begegnen.
Annan: Verspätete Hilfe ist oft die teurere Hilfe
Annan verweist auch darauf, daß verspätete Hilfe oft die teurere Hilfe ist. Hätten die Geberländer auf den ersten Appell der Welternährungsorganisation FAO, etwas gegen die Heuschreckenplage in der Sahel-Zone zu unternehmen, rasch reagiert, so heißt es in seinem Bericht, dann hätten neun Millionen Dollar ausgereicht, um die Ausbreitung der Plage zu stoppen. Doch es fanden sich keine Geldgeber, bevor das dramatische Ausmaß der Katastrophe nicht offensichtlich geworden war, um die Behandlung großer Flächen mit Pestiziden zu ermöglichen. Schließlich war die zwölffache Summe nötig, um die Heuschreckenlarven zu töten. Bis dahin waren ganze Regionen und Staaten um ihre Ernten gebracht worden.
Egeland und seine Mitarbeiter bei Ocha dürfen es sich mit keiner Regierung verscherzen. Staaten, die viel versprechen und wenig zahlen, werden nicht öffentlich an den Pranger gestellt. Zwar kann jeder sich über eine Website von Ocha informieren, welches Land für welche Krise welche Hilfe zugesagt hat - und ob es den Scheck bereits ausgestellt hat. Egeland dagegen muß sich mit allgemeinen Forderungen begnügen: Der wachsende Wohlstand einiger Länder, vor allem im Nahen Osten, müsse sich in den Geberstatistiken stärker niederschlagen, sagt er zum Beispiel.
Doch auch Egeland weiß, daß mehr Geld längst nicht alles ist. Nach wie vor gehen in jeder großen Hilfsaktion Geld und Zeit verloren, weil das Dickicht der großen und kleinen privaten Hilfsorganisationen und der zuständigen UN-Agenturen und -Programme nahezu undurchdringlich bleibt. Die Reaktion auf den Tsunami habe gezeigt, schrieb Annan im Sommer in einem anderen Bericht, wie groß die weltweit vorhandenen Kapazitäten aller Hilfsorganisationen seien. Doch würden zu viele Ressourcen vergeudet. Wieviel größer wäre die Kraft der Helfer, fragte der Generalsekretär rhetorisch, wenn sich bloß alle Hilfsorganisationen von den Vereinten Nationen koordinieren ließen?
Deutsche Hilfsorganisationen rufen zu Spenden auf:
Deutsches Rotes Kreuz (DRK):
DRK Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00,
Konto 41 41 41, Stichwort Erdbeben Pakistan
Diakonie Katastrophenhilfe:
Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70,
Konto 502 707, Stichwort Pakistan Erdbeben.
Humedica:
Sparkasse Kaufbeuren, BLZ 734 500 00,
Konto 47 47, Stichwort Erdbeben Pakistan.
Misereor:
Sparkasse Aachen, BLZ 390 500 00,
Konto 52 100, Stichwort Erdbebenopfer.
Oxfam Deutschland:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 80 90 500, Stichwort: Erdbeben Kaschmir.
Plan International Deutschland:
Deutsche Bank, BLZ 200 700 00,
Konto 061 28 12 02, Stichwort Hilfe für Pakistan.
Aktion Deutschland Hilft:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 10 20 30, Stichwort: Erdbeben Südasien.
Gemeinsam für Menschen in Not:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 5151, Stichwort: Erdbeben Asien.
Unicef Deutschland:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 30 00 00, Stichwort: Erdbeben Asien.
Kindernothilfe:
KD-Bank Duisburg, BLZ 350 601 90,
Konto 45 45 40, Stichwort: Erdbeben Südasien 90032
Uno-Flüchtlingshilfe:
Sparkasse Köln-Bonn, BLZ 380 500 00
Konto 20 00 88 50, Stichwort Erdbeben Pakistan
Text: F.A.Z., 29.11.2005, Nr. 278 / Seite 6
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