Olympia 2012

Beckham und Coe reißen das IOC mit - London siegt

Von Christoph Hein, Singapur

London feiert

London feiert

06. Juli 2005 Sie alle hätten es wissen können. Trug doch David Beckham den ganzen Tag über dieses engelsgleiche, beseelte Lächeln. Am Ende dann, als die Arbeit getan war, saß der Mannschaftsspieler Beckham unter den Seinen, die millionenschweren Füße ohne Socken in edlen Lederschuhen, und das Lächeln war einem breiten Grinsen gewichen.

Wie fühlt es sich an, die Olympischen Spiele nach London geholt zu haben? "Es ist gut. Einfach gut." Genauso gut, wie einen Elfmeter zu verwandeln? "Genauso gut, wie einen Elfmeter für Madrid in der letzten Minute der Champions League reinzumachen." Beckham strahlte, denn die britische Hauptstadt hat das Recht gewonnen, die Sommerspiele 2012 auszutragen. Die Delegierten der 117. Vollversammlung des Internationalen Olympische Komitees (IOC) entschieden in Singapur im vierten Wahlgang mit 50:54 Stimmen gegen den hohen Favoriten Paris; Moskau, New York und Madrid (in dieser Reihenfolge) waren in den drei Wahlrunden zuvor ausgeschieden.

Leitwolf Sebastian Coe

Wie kein anderer verkörperte der Star von Real Madrid die Strategie der Londoner im jahrelangen Kampf um die Spiele. In den Reihen der britischen Delegation ließ Beckham sich bereitwillig zurückstutzen auf den Jungen aus dem Londoner Osten. Der weiße Weltstar als Symbol für das multikulturelle Arbeiterviertel, das dank der Spiele zu neuem Leben erweckt werden soll - das war die perfekte Inszenierung. (Siehe auch: Olympia zwischen Big Ben und Buckingham Palast) Die Rolle des Leitwolf der Londoner übernahm ein anderer: Sebastian Coe, der sich innerhalb von 21 Jahren vom Leichtathletik-Goldmedaillengewinner über den konservativen Politiker zum Heilsbringer Londons gewandelt hat.

Vier Stimmen betrug der Vorsprung der Briten am Ende - mehr, als viele für den Sieger erwartet hatten. Schlimmer noch: Nach Auszählung der Stimmen der vier Wahlgänge zeigte sich, daß der vermeintliche Spitzenreiter Paris keinen einzigen für sich hatte entscheiden können. Im zweiten Wahlgang konnte Madrid die Führung übernehmen, nachdem es die Stimmen des ausgeschiedenen Moskaus gewann. Als die IOC-Delegierten dann aber New York strichen, setzten sich die Londoner in Führung.

„Die Kollegen können Favoriten nicht leiden“

"Die Kollegen können eindeutige Favoriten, wie Paris einer war, einfach nicht leiden", sagte Walther Tröger, eines der beiden deutschen IOC-Mitglieder. (Siehe auch Olympia 2012 - Reaktionen) Sichtlich enttäuscht wandelte Albert, Prinz von Monaco und bekennender Paris-Unterstützer, durch den leeren Saal. "London hat das bessere Lobbying betrieben, die richtigen Leute bearbeitet. Und dann half die Persönlichkeit Coes", zog er das Fazit. "Jetzt aber müssen sie beweisen, daß sie ihre Versprechen einlösen können. Als erstes gilt es, die Finanzen in Ordnung zu halten." Coe mochte in den Stunden des Siegens über Pfund und Pence nicht nachdenken, ihm war an Visionen gelegen: Das Eastend werde dank der Spiele in ein Sportparadies für die kommenden Generationen verwandelt. Bürgermeister Ken Livingstone sprach zwar von Investitionen über dreißig Milliarden Dollar bis 2012, dann aber sah er nur noch "eine Modellstadt für das Leben im 21. Jahrhundert" in seiner Vorstellung erwachsen.

Gleichwohl beeindruckten die Daten Londons die Delegierten: Innerhalb von höchstens zwanzig Minuten sollen achtzig Prozent der Wettkampfstätten vom Olympischen Dorf aus zu erreichen sein. Das olympische Zentrum ist eingebettet in einen Park, darin liegen das Dorf der Athleten und das Olympiastadion für 80.000 Zuschauer. Besser noch: Vom dem 12. August 2012, wenn die Spiele Vergangenheit sein werden, wird das Stadion zurückgebaut, und die Olympische Bewegung bekommt eine "Olympische Akademie" geschenkt - was auch immer sie darstellen soll.

Witzige Briten, blutleere Spanier

Ministerpräsident Tony Blair, in der Nacht der Eröffnung der IOC-Session in Singapur nach Schottland geflogen, um dort den G8-Gipfel der führenden Industrienationen zu eröffnen, meldete sich in der Abschlußpräsentation noch einmal per Video zu Wort: "Wir werden die allerbesten Partner sein: In Fragen der Sicherheit, in Finanzfragen, einfach in allen Bereichen. Die Regierung und die führenden Oppositionsparteien stehen hinter dem Gebot Londons. Es ist das Gebot eines ganzen Landes." Trumpfkarte der Londoner aber war der ehemalige südafrikanische Präsident Nelson Mandela. An Blair war es, ihn mit dem Satz zu zitieren: "Ich kann mir keinen besseren Platz für die Spiele als London vorstellen." Dieses Bekenntnis wurde zum Eckpfeiler des Londoner Gebotes. Es war eine gewagte Mischung: "Die Präsentation strahlte Ruhe aus und war doch witzig. Sie band alle Kulturen ein, war voller Emotionen, und doch eindeutig auf den Sport und Olympia ausgerichtet" sagte Tröger.

Damit gelang es den Briten, alle Erwartungen über den Haufen zu werfen. Geheimfavorit Madrid enttäuschte mit seiner Vorstellung, die Charme und Glanz der Mitbewerber vermissen ließ. Die guten Verbindungen von IOC-Altpräsident Juan Antonio Samaranch, das Netzwerk der Königsfamilie innerhalb des Hochadels, sie vermochten daran nichts zu ändern. Der Auftritt von Königin Sofia wirkte blutleer. Als ahnte er den Ausgang, hatte Spaniens Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero vor der Wahl versprochen: "Gleichgültig, wie wir abschneiden, wir werden der olympischen Bewegung verbunden bleiben."

New York zu selbstsicher, Moskau ein Zählkandidat

Überzeugender und überzeugter traten zwar die Amerikaner auf. Dank eines brillanten Videos und einer glänzenden Präsentation als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten machte New York Boden gut. "Einige der anderen Städte haben uns unterschätzt", sagte Peter Ueberroth, Präsident des amerikanischen Nationalen Olympischen Komitees, nach dem Auftritt. Er sollte sich letztlich irren. Allen voran wirke Bürgermeister Michael Bloomberg wieder einmal zu selbstsicher. Moskau war nie über den Status des Zählkandidaten hinausgekommen.

Und Paris, der enttäuschte Favorit? "Die haben nichts falsch gemacht", sagten Paris-Freund Prinz Albert und Paris-Gegner Craig Reedie, Chairman des Nationalen Olympischen Komitees der Briten, übereinstimmend. Doch die Stadt, angereist, ihre "Liebe zu den Spielen" zu beweisen, ist der große Verlierer. (Siehe auch: „Ein weinender Jacques“) Einen hat es wohl besonders getroffen: Staatspräsident Jacques Chirac. Schon als Bürgermeister von Paris scheiterte er 1986 mit einer Bewerbung (für 1992). Die gestrige Niederlage dürfte noch mehr schmerzen. Mußte er doch schon am Mittwochabend zur Eröffnung des G8-Gipfels in Schottland seinem innereuropäischen Rivalen Tony Blair die Hand schütteln.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Juli 2005
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

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