15. August 2005 So schnell gehen Herbert Walter die Ideen nicht aus. "Wir sind auf dem richtigen Weg - aber nicht am Ziel", sagte der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, als er am Montag in Frankfurt die Halbjahreszahlen der Allianz-Tochtergesellschaft präsentierte. Daß ihre Bank noch nicht da ist, wo sie hin soll, erfahren deshalb altgediente Dresdner-Mitarbeiter demnächst am eigenen Geldbeutel. Walter strich kürzlich die Jubiläumszulagen zusammen. Drei Monatsgehälter extra gab es bisher zum Beispiel für 25 Jahre Betriebszugehörigkeit. In Zukunft will die Dresdner nach einer zweijährigen Übergangsphase nur noch pauschal 620 Euro überweisen.
Beliebter macht sich Bank-Chef Walter bei seinen Mitarbeitern mit der drastischen Kürzung nicht. Doch was nach Kleingeld klingt, summiert sich auf die Gesamtbelegschaft hochgerechnet zu stattlichen Spareffekten: 70 Millionen Euro Sonderertrag verbuchte Walter, weil Rückstellungen für Jubiläumsgelder nun aufgelöst werden können. Das Beispiel zeigt, an der Großbaustelle Dresdner Bank wird auch vier Jahre nach der Übernahme durch den Münchner Versicherungsriesen Allianz noch immer mit Hochdruck gewerkelt.
Baustellenleiter Walter bilanzierte am Montag "das beste Halbjahr seit der Allianz-Übernahme". Das operative Ergebnis des Bankkonzerns ist im ersten Halbjahr von 422 auf 477 Millionen Euro gestiegen. Die Dresdner Bank sei "auf dem Weg", ihr Jahresziel zu erreichen, hatte am Freitag schon Allianz-Vorstand Helmut Perlet attestiert. Erstmals soll das Geldhaus wieder seine Kapitalkosten verdienen, was einem Nettogewinn von rund 700 Millionen Euro entsprechen würde.
Was Walter, der sein Handwerk bei der Deutschen Bank gelernt hat und der die Dresdner seit März 2003 leitet, bisher geleistet hat, kann sich sehen lassen. Der gewiefte Manager nutzte alle Hebel, um die Großbank, die 2002 und 2003 insgesamt fast 3 Milliarden Euro Verlust gemacht hatte, wieder auf Erfolgskurs zu bringen. So hat er die Kosten, die 2002 noch 7,5 Milliarden Euro betrugen, im vergangenen Jahr auf 5,4 Milliarden Euro gedrückt. Im ersten Halbjahr 2005 betrugen sie noch 2,4 Milliarden Euro - und sollen weiter reduziert werden. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis von 82,2 Prozent sei noch zu hoch, gesteht Walter ein, fügt aber gleich hinzu: "Wir haben kein fertiges Programm zum Abbau von Arbeitsplätzen in der Schublade." Keine andere deutsche Großbank hat in vergangenen Jahren relativ betrachtet mehr Arbeitsplätze gestrichen als Walters Dresdner Bank (siehe Graphik).
Doch trotz der Fortschritte im Ergebnis bleiben an der Börse die Zweifel am Bauplan des Architekten Allianz für die Dresdner Bank bestehen. Der damalige Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle wollte den Konzern durch ein gebündeltes Angebot von Versicherungs- und Bankprodukten zum Finanzkaufhaus umbauen. Doch statt einer Bankperle holte er sich mit der Dresdner einen Sanierungsfall ins Haus, der den Versicherer in den vergangenen Jahren viele Milliarden gekostet hat. Sein Nachfolger Michael Diekmann hielt trotzdem eisern am Allfinanz-Konzept seines Vorgängers fest. "Das ist integraler Bestandteil unserer Strategie", sagte Diekmann am Freitag und wischte ein weiteres Mal kritische Fragen zur Seite.
Allfinanz-Zweifler fanden freilich in der Halbjahresbilanz der Allianz Zahlen, die sie in ihrer Skepsis bestärkt haben dürften. 300000 Neukunden soll das gewaltige Heer der Allianz-Versicherungsvertreter dieses Jahr für die Dresdner Bank gewinnen. Doch bislang liegt die Allianz mit nur rund 125 000 neuen Kunden hinter dem Plan zurück. Diekmann bleibt trotzdem "deutlich optimistisch", den Rückstand bis Jahresende noch wettmachen zu können.
Der Dresdner-Chef Walter rang dagegen am Montag wieder einmal an einer altvertrauten Front mit den Skeptikern. Schon seit Jahren fragen diese, welche Zukunft die Londoner Investmentbanksparte Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW) eigentlich im Konzern habe. Mit der auf Privatkunden und die betriebliche Altersvorsorge fokussierte Allianz-Strategie für die Dresdner Bank habe das Londonder Kapitalmarktgeschäft schließlich wenig zu tun. Auf die Mühlen der Kritiker strömt frisches Wasser: Der Wertpapier-Eigenhandel hat der DrKW im zweiten Quartal rund 200 Millionen Euro Verlust eingebracht, sagte Walter. Man habe die Entwicklung der Zinsen und Risikoprämien falsch eingeschätzt, räumte der Banker ein. Auch hätten sich einige Händler Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen, wie man bei internen Kontrollen aufgedeckt habe.
Doch Spekulationen, die Dresdner wolle deshalb den Eigenhandel zurückstutzen, wies Walter am Montag entschieden zurück. "Daran denken wir überhaupt nicht", sagte Walter - normalerweise ein Mann, der Aussagen vorsichtig an allerlei Bedingungen knüpft. "Man kann wegen ein oder zwei schlechter Monate nicht immer gleich die Existenzfrage stellen", hatte am Freitag schon Diekmann klargestellt.
Auf klare Fortschritte kann Walter unterdessen beim Abbau der umfangreichen Kreditaltlasten der Dresdner Bank verweisen. Bereits 2002 hatte die Bank nach ausländischem Vorbild eine besondere Einheit für die Abwicklung von notleidenden und nichtstrategischen Krediten und Beteiligungen formiert. Unter Walter hat diese "Internal Restructuring Unit" (IRU) ihre Aufgabe beschleunigt fortgeführt. Nun steht sie kurz vor ihrer letzten Tätigkeit - der Selbstauflösung. Insgesamt hat die IRU Aktiva im Volumen von 20 Milliarden Euro abgewickelt. Zuletzt hat sie mit dem Weiterverkauf von notleidenden Krediten und ähnlichem so gute Preise erzielt, daß sie früher gebildete Risikovorsorge auflösen konnte. Im ersten Halbjahr mußte der Bankkonzern deshalb nur 46 Millionen Euro in die Risikovorsorge einstellen, nach 217 Millionen im ersten Halbjahr 2004 - ein dicker Brocken, der wesentlich zur Ergebnisverbesserung beitrug. (bf./theu.)
Text: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite 18
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