Arbeitsplatzverlagerung

Rekordgewinn schützt vor Kündigung nicht

16. Dezember 2005 Die Schließung des AEG-Werks in Nürnberg ist bei weitem kein Einzelfall: Die deutschen Industriefirmen verlagern aus Kostengründen Arbeitsplätze ins Ausland. Dieser Trend wird sich nach Einschätzung von Experten auch im neuen Jahr fortsetzen.

„Wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen und die Konjunktur läuft, kann man es etwas abmildern“, sagt ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb. „Stoppen kann man diesen Prozeß sicher nicht.“ Dabei sind es längst nicht mehr nur Unternehmen in der Krise, die Jobs im Inland streichen und ins Ausland verlagern. Unter dem Druck der Kapitalmärkte gehen vermehrt auch hochprofitable Unternehmen diesen Weg.

Kündigungen trotz Rekordgewinnen: ein Trend

Besonders kontrovers diskutiert wurde zuletzt der Fall Continental. Der Autozulieferer kündigte trotz Rekordgewinnen und Lohnzugeständnissen der Beschäftigten an, die Pkw-Reifenproduktion im Stammwerk Hannover zu stoppen. Eine besondere patriotische Verpflichtung gegenüber dem Standort Deutschland sehe er nicht, sagte Conti-Chef Manfred Wennemer in einem Interview. Er akzeptiere nicht, daß „wir Arbeitnehmer in einem Teil der Welt gegenüber denen in einem anderen Teil bevorzugen sollen“. Lohnkosten machten im Reifengeschäft 30 Prozent aus. „Da ist es schwierig, sich gegen hocheffiziente, moderne Werke in Niedrigkostenstandorten auf Dauer zu behaupten.“

Auch viele andere Industriekonzerne in Deutschland kündigten im zu Ende gehenden Jahr trotz stolzer Gewinne den Abbau von Arbeitsplätzen an. Die Deutsche Telekom will sich gleich von 32.000 Mitarbeitern trennen, Henkel will trotz eines Rekordjahres 2004 weltweit rund 3000 Stellen streichen. Der norwegische Konzern Norsk Hydro will die Aluminium-Werke in Hamburg und Stade schließen.

Die Fokussierung auf Kosteneffizienz greift zu kurz

Gerade in der Produktion spielt dabei die Verlagerung ins Ausland eine wichtige Rolle. So will Elektrolux die AEG-Produktion schrittweise nach Italien und Polen verlagern. Der Bauelemente- Hersteller Epcos kündigte kürzlich an, weitere Jobs nach Singapur und China zu verlegen, der Chipkartenkonzern Giesecke & Devrient verlagert Teile der Produktion vom Tegernsee in die Slowakei. Selbst der Tourismuskonzern TUI siedelt 150 Computer-Arbeitsplätze nach Indien um. In Osteuropa und Asien machen die Lohnkosten oft nur einen Bruchteil der deutschen aus, zudem ist in den Niedriglohnländern inzwischen auch hochqualifiziertes Personal zu finden.

Nach Einschätzung von Peter Baumgartner, Geschäftsführer der Beratungsfirma Mercer Management Consulting, wird die reine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland den Firmen aber auf Dauer nicht helfen. „Wenn etwa zunehmend neue Low-cost-Wettbewerber aus China auch auf hiesige Märkte drängen, greift eine Fokussierung auf Kosteneffizienz zu kurz, um eine überlegene Wettbewerbsposition zu behaupten.“ Themen wie Wachstum, Innovation und neue Märkte dürften nicht vernachlässigt werden.

DIHK: Deutschland profitiert von der Globalisierung

Hypo-Vereinsbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet aber damit, daß sich der Trend zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland 2006 fortsetzen wird. „Die Unternehmen tun, was sie tun müssen.“ Verantwortlich ist dafür nach seiner Einschätzung vor allem ein fortgesetzter Reformstau. „Die große Koalition scheut vor Reformen am Arbeitsmarkt zurück.“ Es gebe keine Anreize für die Unternehmen, Arbeitsplätze für gering Qualifizierte anzubieten. Der Anreiz, Beschäftigung ins Ausland zu verlagern, sei daher groß. Folge sei die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland, was die Kaufkraft schwäche und die Konjunktur lähme.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) verweist darauf, daß durch das wachsende Auslandsengagement deutscher Firmen auch im Inland neue Jobs geschaffen werden könnten. Gut jede dritte Firma habe seit Beginn ihrer Auslandsaktivitäten neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen, nur gut jede fünfte habe Jobs gestrichen. „Deutschland profitiert stark von der zunehmenden Globalisierung“, sagte DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun.

Text: dpa
Bildmaterial: helfert

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