16. Mai 2009 Es waren schöne Jahre mit Wendelin Wiedeking: Aus Blech hat er Gold gemacht, aus Ruinen den profitabelsten Autohersteller der Welt. Viele Leute wurden dabei sehr reich, inklusive Wiedeking selbst. Der Porsche-Chef, obwohl Westfale von Geburt, avancierte zum König von Zuffenhausen, holte sich alle Trophäen ab, die das Leben für Unternehmer bereithält: Manager des Jahres, bester Automann der Welt. Zum Volkshelden brachte er es obendrein, weil er publikumswirksam auf Subventionen pfiff, weil er – wenn es ihm nutzte – die eigene Kaste zurechtwies, weil er Banken und Börse eine Nase drehte.
Sogar die Weisheiten der Lehrbücher vermochte der Kraftprotz scheinbar zu widerlegen: Der Porsche-Gewinn war zuletzt höher als der Umsatz. Das Publikum staunte. Bis es bemerkte: Der Gewinn steht nur auf dem Papier; die Kasse ist leer. Neun Milliarden Euro Nettoschulden drücken Porsche, nur mit äußerster Not haben die Banken die Kredite kürzlich verlängert. Und Porsche braucht jetzt noch mal knapp drei Milliarden. Welche Risiken sich darüber hinaus in der Blech- und Zockerbude verbergen, vermag niemand zu sagen. Wiedeking hat sich verspekuliert, tönt es aus den ersten Nachrufen: Bye, bye, Wendelin.“ Das hässliche Wort von der Insolvenz macht gar die Runde. War’s das also mit Wiedekings Herrlichkeit? Außerhalb von Zuffenhausen hört es sich so an: Der Fall hat sich erledigt, sagen sie in Wolfsburg, ohne Bedauern auch nur zu heucheln. Gescheitert ist der kühne Plan, VW zu übernehmen. Statt an die Spitze des demnächst wohl weltgrößten Autoherstellers durchzumarschieren, geht es um die Existenz; für Wiedeking wie für Porsche. Ein Drama. Plötzlich wird die stolze Firma behandelt wie ein toxisches Papier, allenfalls als zehnte Marke von VW zu gebrauchen – und das auch nur, wenn Wiedeking den Schaden vorher behebt. Dann dürfe er weiter mitspielen, höhnen die VW-Leute, als Markenvorstand, also als besserer Abteilungsleiter, was das Letzte wäre, das Wiedeking einfiele.

War es das wirklich? Endet die Heldengeschichte so klein? Nein, sagen Wiedekings Leute. Der Chef halte sich momentan nur in Deckung, seine Juristen prüfen, wie sie gegen die abenteuerlichen Behauptungen“ vorgehen. Unsere Finanztransaktionen stehen auf sicherem Fundament. Wir verdienen weiter gutes Geld“, lässt der Porsche-Chef verbreiten. Keine Frage, Wiedeking kämpft. Weil er nicht der Typ ist, der sich davonstiehlt, wie er sagt. Weil Größenwahn und Machtgier seine Sinne trüben, wie die Feinde ätzen. Einig sind sich die Beteiligten nur in einem: Die Schlacht wird jetzt ausgefochten, bis zum bitteren Ende. Verfeindete Vorstände ziehen ins Feld, trickreiche Ministerpräsidenten und kampferprobte Gewerkschafter. Das letzte Wort hat die Familie der Eigentümer, der Porsche-Piëch-Clan, seit Jahrzehnten geübt in Ränkespielen: Hält das formelle Familienoberhaupt Wolfgang Porsche noch die Hand über den Porsche-Vorstand? Oder zieht Ferdinand Piëch den Rest der Verwandtschaft auf seine Seite, um Wiedeking zu feuern, mit dem Argument, so das Schlimmste – den Verlust des Vermögens – zu verhindern? Die Lage sei unübersichtlich, stöhnt ein Mitglied der Familie, kurz vor der wieder einmal entscheidenden Sitzung.
Am Montag tagt der Porsche-Aufsichtsrat: High Noon in Stuttgart. Der Betriebsrat in Zuffenhausen, der selten etwas gegen Wiedekings Willen unternimmt, trommelt dazu zur Demo – gegen den Miteigentümer Ferdinand Piëch, den sie als Schuft und Verräter ausgemacht haben und der sie nun nach Wolfsburg verkaufen will. Unter den vielen, teils hochkomplexen Szenarien, die derzeit im Halbdunkel diskutiert werden, ist Piëchs Vorschlag der eingängigste: VW schluckt Porsche, Wiedeking kann gehen. Und da Ferdinand Piëch missliebigen Spitzenkräften selten still kündigt, hat er vorige Woche eine öffentliche Demütigung inszeniert. Auf Sardinien, am Rande der Vorstellung des neuen VW Polo, demontiert er Wiedeking, noch ehe der Wildschweinbraten kalt ist. Bei Porsche hätten sie noch die Siegerrüstung an, führt Piëch aus. Das ist das Problem. Wiedeking bemühe sich, den Reifendefekt rückgängig zu machen. Eine Insolvenz liege in niemandes Interesse. Jeder Satz eine Spitze.
Wer Gefühle zeigt, ist tot
Als der Porsche-Chef, noch in derselben Nacht, die ersten SMS-Nachrichten von Augenzeugen auf Sardinien liest, empfindet er Piëchs Aufführung so, wie sie gedacht ist: als gezielte Bosheit. Nichtsdestotrotz sitzen die Kontrahenten, keine 48 Stunden später, vereint und regungslos auf dem Podium der Audi-Hauptversammlung. Sogar zu einem Gespräch in kleiner Runde ziehen sie sich zurück. Die Vorfälle auf Sardinien werden dabei mit keinem Wort erwähnt, so heißt es hinterher, was, wenn es stimmt, einiges aussagt über die professionelle Kühle und Brutalität unter Alphatieren: Wer zuckt, gar Gefühle zeigt, ist tot.
Vieles ist im Laufe der Jahre herumgedeutet worden an dem komplizierten Verhältnis zwischen Pich und Wiedeking: hier der prominente Erbe, der asketische Milliardär und Einzelgänger, eiskalt in seinen Entscheidungen. Dort der Junge aus einfachen Verhältnissen, der früh beschließt, Millionär zu werden (und das mit einer Immobilienfirma längst geschafft hat, ehe er bei Porsche anheuert), ein rotziger Aufsteiger, der Erfolge mit Pils und Zigarre feiert. Es gab viel zu feiern in all den Jahren. Wir haben uns relativ günstig in den größten Automobilkonzern in Europa eingekauft, ohne dafür Geld von den Aktionären zu verlangen, und finanzieren das alles aus unserem Geschäft heraus.“ So sprach Wiedeking noch im Oktober, Lehman war da schon pleite, und in der Autobranche hatte das Wehklagen über die Jahrhundertkrise eingesetzt.
Zwei fatale Fehleinschätzungen
Zwei Dinge hat der Porsche-Chef falsch eingeschätzt: die aus der Not der Banken resultierenden Folgen für ihn als Kreditnehmer. Und die List der Politik. Wiedeking hat nicht geglaubt, dass Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) es schafft, das VW-Gesetz am Leben zu erhalten. Damit blieb Wiedeking der Griff in die VW-Kasse verwehrt, es fehlen ihm die fest eingeplanten Milliarden aus Wolfsburg. Porsche hält nun 50 Prozent der VW-Aktien und hat Zugriff auf weitere 20 Prozent der Anteile. Die Optionen einzulösen, das kann Wiedeking sich finanziell nicht leisten. Die VW-Aktien zu nehmen und sie sofort an Banken weiterzureichen ist zu riskant: Egal, wie schonend die Aktien auf den Markt kämen, sie würden den VW-Kurs belasten – und das kann für Porsche lebensgefährlich werden: Stürzt der Kurs, schmilzt der Wert der VW-Beteiligung, eine explosive Gefahr.
Also sucht der Porsche-Chef jemanden, der ihm VW-Optionen und/oder -Aktien abkauft. Der Emir von Qatar wird gerüchteweise als Interessent genannt. Damit wäre Wiedeking die gröbsten Sorgen los; Porsche bliebe eigenständig und obendrein wichtiger Teilhaber an Volkswagen. Nur: Bisher ist kein Scheich aufgetaucht, und die Erfahrung lehrt, dass Spekulationen über Geldgeber aus dem Mittleren Osten meist dann kursieren, wenn die Lage des betreffenden Unternehmens besonders verzweifelt ist.
Superstar Wedeking? Der ist finanziell durch
Ohne neues Kapital wird es eng für die Porsche Holding“, warnen Banker wie Henning Gebhardt, der für die deutschen Aktien verantwortliche Mann von der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Und wie der Fondsmanager sich in Rage redet, wie er Wiedeking vorwirft, den Markt mit Füßen getreten zu haben, die Börse zum Spielkasino verunstaltet zu haben, wird klar: Da haben noch einige in den Bankentürmen ein Hühnchen zu rupfen mit dem vormaligen Superstar Wiedeking: Der ist finanziell durch. Und wer zahlt für den Schaden, den er angerichtet hat? Echte Werte wurden nicht geschaffen, nur Buchgewinne.“
Im Grunde, so die These Gebhardts, sei Wiedeking nichts anderes als ein Hedge-Fonds-Manager (so hat er auch verdient“): Porsche hat schon immer rumgezockt, zuerst mit Dollar-Optionen, später mit VW-Aktien.“ Allzu viele Verbündete hat Wiedeking nicht mehr für die entscheidende Schlacht.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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"In anderen Ländern lebt man gesünder, länger und preiswerter"
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