Von Joseph von Westphalen
09. August 2008 Heiß war es offenbar. Die Temperaturangaben schwankten. Hatten die Chinesen etwa den ausländischen Reportern die Thermometer weggenommen und die mussten sich nun auf chinesische Auskünfte verlassen? 30 Grad sagten die einen, 38 die anderen. Bush, Putin und Sarkozy hatten sich jedenfalls ihrer Jacketts entledigt, nicht aber salopp ihre Schlipse gelockert, das wäre nach all den Menschrechtsermahnungen dann doch eine zu deutliche Beleidigung der Gastgeber gewesen.
Reinhold Beckmann der vor und nach der Feier im Studio mit Gästen sprach, schien Begeisterung ausgemacht zu haben. Jedenfalls fragte er nach der Feier streng wie ein Pastor in einem Ingmar Bergmann-Film eine im Studio sitzende junge chinesische Künstlerin, wie sie die Stimmung bei der Feier gefunden hatte. Ob die Begeisterung auch echt gewesen sei, wollte er wissen. Doch die perfekt deutsch parlierende Frau ließ sich von dieser protestantischen Frage nicht verwirren und sagte, man habe den Chinesen ihre wahrhaftige Freude doch angesehen.
Verpuffende Prominenz
Die ganze Feier war leider durchsülzt von einer global kompatiblen süßlich wabernden Sphärenmusik der man den fernöstlichen Ursprung vage anhörte. Vielleicht wurde die ja mit 5000 Jahre alten Instrumenten erzeugt, aber was schließlich aus dem Lautsprecher quoll, klang nicht viel besser als die Musik, die Sony seinen Digitalkameras aufspielt, damit man seine Diashow mit lieblichem Getön untermalen kann. Lang Lang ist ein lustiger Kerl und kein schlechter Klavierspieler, aber wenn der zwei Minuten neben einem Musterkind klimpernd an einem weißen Flügel sitzt, dann ist das auch nur eine von Hunderten sinnlos verpuffender Promiauftritte, die sich Veranstalter auf aller Welt ständig ausdenken.
Wie viele Milliarden Menschen dem Spektakel weltweit am Fernsehen zuschauen würden, war schon vorher klar. Das können Mathematiker heute ausrechnen. Dann kann man beim Verkauf der Senderechte besser handeln. Wie viele Zuschauer dabei eingeschlafen sind, wird man nie erfahren, obwohl diese Zahl die interessantere wäre. Ich habe mich auf einen extrem unbequemen Stuhl gesetzt, um meiner Beobachtungspflicht zu genügen. Leider muss ich beim Einlaufen der Franzosen aber doch kurz eingenickt sein und kann nun nicht berichten, wie sich Sarkozy in dieser Sekunde verhalten hat.
Staatsmännische Verrenkungen
Ich nehme an, er ist aufgestanden und hat auch eine aufmunternde Geste gemacht wie auch seine Kollegen Putin und Bush. An Putins Stelle hätte ich mich bemüht, wegen der frisch aufgeflammten Kämpfe in Georgien zerknirscht auszusehen, aber er kriegte nur ein misslauniges Gesicht hin. Was Bush betrifft, wollte sich das chinesische Fernsehen, das die Bilder ja wohl geliefert haben dürfte, vielleicht für seine tollpatschigen Ermahnungen rächen. Er wurde zwischendurch ein paar Mal kurz gezeigt wie eine missratene Trophäe, und zwar immer dann, wenn er hospitalitische Wackelbewegungen vollführte, eine Mischung aus einem pampig sich langweilenden Schüler und einem autistisch gestörten Patienten. Selbst seine sonst solidarische Frau neben ihm tat so, als würde sie nicht zu diesem Lümmel gehören.
Angela Merkel hatte den deutschen Botschafter geschickt, der diplomatisch perfekt erklärte, warum weder die Bundeskanzlerin noch der Außenminister erschienen waren. Man kann sie zu diesem Entschluss nur beglückwünschen. Und zwar nicht, was das politische Zeichensetzen betrifft, sondern ganz einfach, weil eine Olympia-Eröffnungsfeier so wichtig ja nun auch wieder nicht ist, und man eine solche Strapaze ohne wirkliche Notwendigkeit nicht über sich ergehen lassen muss.
Und so interessant ist es ja auch nicht
Überhaupt stehen die politische Bedeutung, die vor allem diese Olympischen Spiele in Peking angenommen hat mitsamt den Milliardenbeträgen die dafür ausgegeben und eingenommen werden, in einem seltsamen Missverhältnis zu dem, was da geboten wird. Die vielen Sportarten sind lieb und nett, durchaus erhaltenswerte Artenvielfalt, aber wer interessiert sich denn wirklich für irgendwelche bebrillten, völlig gleich aussehenden Wassererballspieler beim Wettplanschen, für ächzenden Gewichtheber mit Gruselfilmgesichtern und galeerensklavenhafte Ruderer? Insofern ist das eigentliche Wunder nicht die Leistung der Sportler, sondern die Tatsache, dass das Internationale Olympische Komitee alle paar Jahre die ganze Welt für ein Produkt mit fünf Ringen interessiert, das so furchtbar interessant eigentlich nicht ist.
Im Vorfeld der Olympischen Spiele wurde jede Respektsbekundung vor dem neuen China fast zwanghaft mit den Hinweisen auf Umweltverschmutzung, Zensur, Menschenrechtsverletzungen und andere unschöne Dinge versalzen. Fast konnten einem die Gastgeber leid tun. Viele Milliarden haben sie ausgegeben und dann das. Nach der Feier nun auf einmal Erleichterung, und die Hochachtung kommt jetzt ganz ohne mahnende Untertöne. Von Menschenrechtsverletzung ist vorerst kein Rede mehr. Hat ja auch keinen Sinn, das gebetsmühlenartig zu wiederholen. Wobei die Gebetsmühle ironischerweise eine Erfindung tibetanischer Mönchen ist.
Ein großer Ameisenhaufen
Ich weiss, es liegt an mir: Ich fand früher schon Schulfeiern eher ätzend. Feuerwerke auch. Je größer die Veranstaltungen, desto weniger gefallen sie mir. Alles ist so ausgedacht. 2008 Trommler sind mir mindestens 2000 zu viel. Warum überhaupt müssen Menschen zu Mustern werden? Nicht mein Ding, aber wer Massenballett mag – bitte. Dass der noch immer allgegenwärtige Mao beim Tanz durch die Geschichte Chinas ausgelassen wurde, war bemerkenswert und konsequent. Enttäuschend, dass schwebende Menschen an Schnüren hängen. In chinesischen Kampffilmen, rennen sie ohne solche Hilfsmittel senkrecht die Wände hoch.
Und was ist von den vielen kleinen Schulkindern in bunten modernen Klamotten zu halten, die auf einem riesigen Blatt Papier eine saubere Umwelt ohne Erderwärmung hinmalen? Ist das nun Good Will oder Zynismus oder verlogen oder gute alte Selbstkritik und ein Besserungsgelöbnis angesichts der für die Dauer der Olympischen Spiele abgeschalteten Dreckschleudern in Peking und Umgebung? Es ist ein zu buntem Kitsch gewordener Mischmasch von alledem. Schade, dass Sarkozy ohne seine Carla da war. Die hat auch was von einer kitschigen Gipselfe und hätte von daher gut hierher gepasst. Vogelnest ist übrigens ein euphemistischer Ausdruck. Das Stadion voller Menschen wirkt doch eher wie ein riesiger ovaler, gut organisierter Ameisenhaufen.
Etwas zu kühl
Sandra Maischberger komentierte zusammen mit Ralf Scholt die ARD-Übertragung unsichtbar – mit mehr Distanz zum Spektakel hätte es mir besser gefallen, aber man kann sich schlecht stundenlang ein Ereignis übertragen und sich gleichzeitig darüber mokieren. Sie bezeichnete die Stimmung bei der Feier als etwas kühl. Das kam auch beim Fernsehen so rüber. Kühler bunter Kitsch, der nicht wenige Besucher etwas ratlos zu lassen schien. Aber besser so, als überschwappende Euphorie. 91 Tausend vor Begeisterung hysterisch kreischende Stadionbesucher sind ja auch nicht das, was man sehen will.
Immerhin war alles sehr zivil. Die paar Soldaten, die sich im Stechschritt zum Hissen der Fahne bewegten, wirkten eher albern. Die Sportler marschierten nicht ein, die schlenderten, knipsten mit kleinen Digitalkameras und telefonierten, offenbar unzensiert, mit ihren Handies. Nur die Finnen hielten sich zurück und wollten nicht mit ihren Nokias prahlen. Über zwei Stunden dauerte der Einzug der 204 Nationen. Deutschland war fast Schlusslicht – weil ganz hinten im chinesischen Alphabet.
Gute Nachhilfestunde in Sachen Geografie, so ein Einlauf der Nationen. Die kleinsten Länder haben die schönsten Sportlerinnen. Gerechter Ausgleich. Eine Läuferin aus Gambia und eine jordanische Tischtennisspielerin sind zwei von einem Dutzend Schönheiten, in die ich mich unsterblich verliebt habe. Gerne würde ich auf die Wettkämpfe lauern, bei denen sie mitmachen, und ihnen die Daumen drücken. Leider keine Zeit mehr: Die Eröffnung war einfach zu lang.
Noch mehr Bilder von der Eröffnungsfeier:
Massenspektakel zum Auftakt: Die Spiele sind eröffnet.
Der Autor ist Schriftsteller. Zuletzt erschien Die Memoiren meiner Frau (btb 2006)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa