FAZ.NET-Glosse „Unzensiert“

Die Wahrheit gehört uns

„Unzensiert” - Die FAZ.NET-Olympia-Glosse

„Unzensiert” - Die FAZ.NET-Olympia-Glosse

25. August 2008 Wir von der Volkszensurbehörde haben es satt, ständig diese Boshaftigkeiten lesen zu müssen. Wer will denn schon wissen, dass zwei Omas ein Jahr lang umerzogen werden müssen, weil sie demonstrieren wollten. Und dass das Wasser knapp wird, weil die olympischen Blumen und Bäume ein bisschen zu ausgiebig gegossen werden, interessiert doch niemanden. Vielleicht hätten wir die Reporter nicht gleich verprügeln lassen müssen. Aber was recherchieren sie denn auch, wir sagen ihnen doch, was sie denken sollen.

So funktioniert das hier in China, und alle sind glücklich. Und wer nicht glücklich ist, dem geben wir ganz viel Zeit zur inneren Einkehr. So wird jeder früher oder später erkennen: Die Olympischen Spiele waren ein Meilenstein auf dem Weg der großartigen Wiedererstarkung der chinesischen Nation. Das chinesische Volk kann jetzt stolz der Welt verkünden: Wir haben das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft und des Internationalen Olympischen Komitees erfüllt.

So einfach ist die Wahrheit

Die Journalisten aus dem Westen sollten sich einmal ein Beispiel an unserer Zeitung „China Daily“ nehmen. Da sind die Leistungen von Michael Phelps und Usain Bolt großartig, nicht zweifelhaft. Und die jamaikanischen Sprinterinnen tragen nicht etwa Zahnspangen, um die Folgen der Einnahme des Wachstumshormons in den Griff zu bekommen. Nein, sie wollen schöne Zähne haben. So einfach ist die Wahrheit.

Bald sind sie ja wieder weg, die Herren und Damen Reporter, dann jammert auch niemand mehr über gesperrte Internetseiten oder verspätet ausgelieferte Zeitungen. Ach ja, schönen Dank auch an das amerikanische Volk, das uns so wunderbar beim Aufbau unseres Internetüberwachungsapparats geholfen hat. Damit konnten wir auch die völlig ungerechtfertigte Kritik einiger verwirrter Mitbürger in volkseigenen Internetforen an den kleinen Vereinfachungen in der Eröffnungsfeier schnell unterbinden.

Es geht doch um den schönen Schein

Warum müssen Minderheitenkinder aus Minderheiten stammen? Hauptsache, sie haben das richtige Kostüm an. Es geht doch um den schönen Schein. Was hinter der Fassade ist, hat das Volk nichts anzugehen. Vor komplizierteren Zusammenhängen müssen wir es schützen. Vielleicht werden wir die Gedanken einiger Bürger nun ein wenig korrigieren müssen.

Aber das machen wir erst, wenn alle Gäste wieder weg sind. Es stimmt mich traurig, dass meine 30.000 fleißigen Kollegen bei Ihnen ein schlechtes Image haben. Wir haben schließlich Peking auf Hochglanz gebracht, da ist doch Hochglanz-Berichterstattung das Mindeste, was wir verlangen können. Es grüßt: der Zensor.

Abgehört von Cai Tore Philippsen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET - Bernd Helfert

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