Wie China sich feiert

Olympische Macht

Von Mark Siemons, Peking

Die Eröffnungsfeier fand international viel Anerkennung und überzeugte chinesische Kritiker

Die Eröffnungsfeier fand international viel Anerkennung und überzeugte chinesische Kritiker

10. August 2008 Das Feuerwerk der ästhetischen Reize bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele fand international viel Anerkennung und hat auch chinesische Skeptiker überrascht. Zhang Yimou, der Zeremonienmeister, stellte eine unglaubliche Fähigkeit unter Beweis, Konzepte in Bilder und Töne zu übersetzen, die auch in der Stadiondimension nicht ihre Poesie verloren. Aber man würde das Schauspiel verharmlosen, sähe man es bloß als Folkloredarbietung oder gar als Darstellung „der Kultur“ an, die mit Politik nichts zu tun hat; es gibt ohnehin keine einheitliche chinesische Kultur. Der Aspekt, der ausgewählt wurde, war vielmehr der denkbar größte: das Verhältnis Chinas zur Welt; es ging darum, wie sich China unser aller Zukunft vorstellt.

Das hat einiges mit einer traditionellen Form des chinesischen Selbstbewusstseins zu tun, das ursprünglich nicht das einer speziellen Nation unter anderen ist, sondern eher das einer Art Dachverband aller bekannten Staaten. Der Begriff „Alles unter dem Himmel“, den das alte China für sich gebrauchte, meinte eigentlich die ganze Welt; beides fiel im Altertum zusammen, da die bekannten Grenzen der zivilisierten Welt damals durch das gemeinsame chinesische Schriftsystem markiert wurden, während sich an den Rändern bloß mehr oder weniger schriftlose Barbaren zu tummeln schienen. Eine solche Vorstellung hat heute natürlich niemand mehr, längst versteht sich auch China als Nation, aber das Verhältnis zur Welt wird doch weit verflochtener gedacht als im Westen üblich.

Globales Action-Painting

Das zentrale Symbol für diese Durchdringung war bei der Olympiafeier das Gemälde, das die schwarzgekleideten Tänzer mit ihren Bewegungen über die entfaltete Bildrolle schufen: ein einfaches Bild mit Bergen und Sonne im Geist der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei. Dieses ganz und gar chinesische Motiv, bei dem sich uralte Muster mit neuester Technik verbinden, wurde am Ende dann zu einem universellen Bild, als die zehntausend einziehenden Athleten aus aller Welt darüberliefen und es durch die unter dem Papier verborgenen Farben zu einem globalen Action-Painting machten. Die ganze Welt soll in der chinesischen Landschaft ihr Zuhause finden können.

Der Schlüssel des Zusammenlebens entstammt ebenfalls der chinesischen Tradition: Es ist die Harmonie, ein konfuzianischer Begriff, zufällig auch das Leitmotto der gegenwärtigen chinesischen Regierung, das bei der Vorstellung der Druckkunst als eine der „vier Erfindungen Chinas“ aus den Tiefen eines Druckkastens in dreifacher Schriftzeichenversion hervortrat. Später vollzogen 2008 Tänzer ihre Taichi-Übungen innerhalb eines Kreises, der um ein Rechteck in der Mitte gezogen war: Das symbolisierte die Einheit der Gegensätze, die im Taoismus die Grundlage für das Verständnis von Harmonie zwischen Einheit und Vielfalt herstellt.

Universelle Botschaft

Ansonsten war die Zeremonie durchsetzt von kosmischen Phantasien. Zhang Yimous Schauspiel präsentierte damit das Selbstbewusstsein einer Kultur, die für das Ganze denkt. Die Botschaft war: Die chinesische Kultur ist nicht weniger universell als die westliche. Die ganze Welt kann ihren Platz in der chinesischen Kultur finden, so wie sie ihn bis jetzt in der westlichen gefunden hat. Das enthält eine Voraussage: Die Welt wird künftig auch durch China geprägt sein, aber jeder soll in ihr seinen Platz finden. Das ist eine Vorstellung, die man als Vereinnahmung verstehen und entsprechend gruselig finden kann. Aber so hatte es das traditionelle Konzept nicht gemeint.

In der politischen Praxis stellt sich allerdings die Frage, wie das Verhältnis von Einheit und Vielfalt, Staat und Diversität konkret aussehen soll. Das ist heute nicht nur außenpolitisch uneindeutig, sondern auch im Umgang der Volksrepublik mit ihren Nationalitäten, Religionen und Dissidenten. Schon die Entscheidung, wer die Definitionen vornimmt, ist eine Machtfrage. Anders als in seinem Film „Hero“, der den Ersten Kaiser Qin Shihuangdi, der China gewaltsam einte, rechtfertigte, gab Zhang Yimou an diesem Abend darauf keine Antwort. Eine Demonstration der nationalen Stärke führte er nur zu Beginn vor, als 2008 Trommler den Takt zum Eröffnungs-Countdown schlugen: Das sollte wohl die machtpolitische Voraussetzung dafür darstellen, dass sich die chinesischen Konzepte überhaupt wieder zur Geltung bringen können. Im weiteren Verlauf des Abends ließ er solche Machtsignale nicht mehr in das Spiel der Gegensätze eingreifen.

Die Geschichte wird zeigen, wie diese Zurückhaltung zu interpretieren ist. Der Universalismus, den China beansprucht, beruht, anders als der westliche, nicht auf Aussagen über den Menschen, sondern auf einer Lehre der Beziehungen. Theoretisch könnten sich die beiden Universalismen also komplementär zueinander verhalten und ihre jeweiligen Leerstellen gegenseitig füllen. Praktisch wird es darauf ankommen, inwiefern die Machtpolitik diesen Überbauten tatsächlich entspricht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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