Von Michael Reinsch, Peking
07. August 2008 Endlich hat der olympische Drache die Stadt der Spiele erreicht, Peking. Abertausende werfen sich ihm entgegen, bedrängen ihn mit einem solchen Enthusiasmus, dass Sicherheit und Propaganda ins Wanken geraten. Die Staatsmacht hält entschlossen dagegen.
Mittwochnachmittag, das Quianmen-Tor im Süden des Tianamen-Platzes. Die beiden malerischen, wehrhaften Gebäude trotzen seit Jahrhunderten dem Wandel der Zeiten. Hoch ragen sie aus dem Verkehrsgewühl Pekings heraus. Heute sollen sie besonders mächtig wirken. Autos sind jetzt verboten, die Menschen strömen zu Fuß herbei. Die Fackel mit dem olympischen Feuer kommt. Am 24. März war sie entzündet worden und irrlichterte seitdem auf verschlungenen Wegen über die Kontinente, mal als anmaßende Geste attackiert, mal als Versprechen begrüßt.
Die Menschen sind der Pulsschlag, der Atem
Nun, kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele, soll es die chinesische Hauptstadt erleuchten, den Funken der Begeisterung am Ort der Spiele überspringen lassen. Entzünde die Leidenschaft, teile den Traum lautete das Motto des Fackellaufs, das wie so vieles in der Welt der Spiele alles zu versprechen scheint, aber zu nichts verpflichtet. Drei Tage lang sollten mehr als tausend Menschen - unter ihnen am Freitag Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees - die Fackel durch Peking und schließlich ins Nationalstadion, das schon jetzt berühmte Vogelnest, tragen.
Eine Kulisse wie das Quianmen-Tor mit dem Mao-Mausoleum und den Tempeln der kommunistischen Partei im Hintergrund ist Gold wert, schließlich werden die Bilder von den drei Tagen Staffellauf im chinesischen Fernsehen direkt übertragen und in alle Welt versandt. Noch wertvoller sind die Menschen, die zusammenkommen, um sich bei schwüler Hitze an der Flamme, dem Geist der Spiele, zu wärmen. Wie sie sich an die Barrieren drücken, die Bürgersteig von Straße trennen, wie sie sich von Verkehrspolizisten, von Einsatzstaffeln und von Spezialkommandos mal hierhin drängen, mal dorthin ziehen lassen, sorgen sie für den Pulsschlag, den Atem dieser Veranstaltung.
Gekreische wie beim westlichen Fußball
Denn weitgehend leblos ist die Maschinerie. Am Morgen hat Yang Li Wei, der erste Taikonaut der Welt, der erste chinesische Weltraumfahrer, die Flamme vor dem Tor der Verbotenen Stadt in die Hand genommen und in den Himmel gereckt. Dann ist er, hinter sich ein Auto von Sponsor Volkswagen und auf jeder Straßenseite gesichert von einer Gruppe von athletischen Männern, die im Gleichschritt joggen, gut vierhundert Meter gelaufen. Er ist stehen geblieben und hat mit seiner Fackel die des nächsten Läufers entzündet. Unglaublich, staunte ein Zuschauer aus dem Westen über den Jubel der mehr als hunderttausend chinesischen Zuschauer, wie beim Fußball! Antwortete der chinesische Gastgeber trocken: Nur, dass es mehr sind.
Als Yao Ming, der 2,29 Meter große Basketballspieler, an vierter oder fünfter Position seine Fackel entzündet, schlägt Gekreische durch. Auch die junge weibliche Zielgruppe wird erreicht. Zwischen denen, die für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement im Staate belohnt werden mit einem Platz in der Staffel, platziert die Regie immer auch Prominente: Sänger, Schauspieler, Sportler. Sie alle werfen sich dem Lindwurm, der sich 137.000 Kilometer lang von Olympia zu den Olympischen Spielen gewunden hat, in den Rachen. Ein kräftiger Offizieller zieht sie mit der Autorität eines Schülerlotsen an ihren Platz, hebt ihren Arm, wenn sie zögern, setzt sie mit einem leichten Schubs in Gang. Er schiebt sie aus dem Fernsehbild, wenn sie gelaufen sind und das Feuer weitergegeben haben. Die ausgebrannte Fackel dürfen sie behalten.
Nicht viel anders als bei der Tour de France
Nichts darf die Maschinerie ins Stocken bringen. Polizei, Fernsehen und Sponsoren sind mit einer kilometerlangen Fahrzeugkolonne den Läufern voraus und auf den Fersen. Das ist nicht viel anders als bei der Tour de France. Auch Coca-Cola, Samsung und Lenovo sind on the road, zum Teil vertreten von leicht bekleideten Tänzerinnen. Doch den größten Anspruch auf den Werbewert des Laufes erhebt China selbst. So entschlossen hat der Staat mit der Route seine territorialen und politischen Besitzstände abgesteckt, unter anderem mit der Besteigung des Mount Everest von der tibetischen Seite aus, dass jede Kritik an einer Politisierung Olympischer Spiele lächerlich wirkt. Dieser Fackellauf ist Politik.
Umso erstaunlicher, dass die Staatsmacht mit der Zuneigung und Zustimmung, die ihr auf den Straßen der Stadt entgegenschlägt, nichts anzufangen weiß. Als das Knattern des Hubschraubers über der Strecke ohrenbetäubend geworden ist, als die Zuschauer einige Meter tief gestaffelt stehen und in begeisterter Bedrängnis ihre roten Chinafähnchen und ihre Digitalkameras hoch über die Köpfe halten, rollt plötzlich eine Lastwagenkolonne weg, marschiert die Truppe in den schwarzen Uniformen ab. Der Hubschrauber verschwindet, Stille breitet sich aus, fragende Gesichter. Als Erste durchbrechen die frechen Radfahrer die Sperrung. Bald rollt der Autoverkehr wieder.
Nach den Demonstrationen einer Handvoll Free-Tibet-Aktivisten am Morgen und am Vormittag hatten die chinesischen Sicherheitsbehörden wohl auch eine Aktion beim Fackellauf erwartet. Kurzfristig, so stellte sich heraus, verlegten sie die Strecke weg vom Quianmen-Tor durch eine hermetisch abgeriegelte Fußgängerzone. Auf Publikum und damit auf die Zustimmung der Bürger Pekings verzichteten sie an dieser Stelle. Der Drache, der so mächtig wirken will, ist offenbar nervös.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
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