12. August 2008 Die deutsche Wirtschaftselite tummelt sich in Peking und agiert ganz im Interesse ihrer Geschäfte. Umweltschäden? Korruption? China braucht mehr Zeit, sagt Jürgen Hambrecht, Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Wirtschaft.
Noch haben die deutschen Sportler kaum Medaillen errungen. Bescheren die Wettkämpfe wenigstens der deutschen Wirtschaft goldene Zeiten?
Olympia ist in erster Linie ein großartiges internationales Sportfest, über das wir uns alle sehr freuen. Was das Geschäft angeht, sollte man Olympia nicht überschätzen. Wenn man China als Ganzes sieht, sind die Spiele wirtschaftlich kaum von Bedeutung. Auf Peking entfallen nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 1,1 Prozent der Bevölkerung. Das sind die niedrigsten Werte unter allen Austragungsorten seit 30 Jahren. Die 35 Milliarden Dollar, die die Chinesen seit 2001 für das Projekt Olympia ausgegeben haben, entsprechen kaum zwei Prozent der Binneninvestitionen.
Dafür macht die deutsche Wirtschaft aber relativ viel Wind während der Spiele.
Natürlich profitieren wir davon. Über die Sponsoren wird Olympia mit deutschen Unternehmen verbunden - im Ausland, aber vor allem im immer wichtiger werdenden chinesischen Binnenmarkt. Für Volkswagen ist China schon jetzt einer der größten Absatzmärkte; der Umsatz der Adidas-Gruppe ist hier im ersten Halbjahr um 60 Prozent gestiegen. Wir als BASF haben zum Beispiel Betonadditive für das Olympiastadion und Akustik-Dämmstoffe für das Wassersportzentrum geliefert. In den Katalysatoren der neuen Stadtbusse, in jedem Sportschuh stecken Produkte von uns. Olympia, China und die deutsche Wirtschaft sind gute und verlässliche Partner. Und das wird auch so bleiben.
Die Politik scheint das nicht zu honorieren. Chinas mächtigster Kritiker, der amerikanische Präsident George Bush, war auf der Eröffnungsfeier, nicht aber der Bundespräsident oder die Kanzlerin.
Das hat nichts zu sagen und war in der Vergangenheit immer so. Die Spiele sind keine politische Veranstaltung. Und die Wirtschaft hat ja massiv Flagge gezeigt. Herr Ackermann von der Deutschen Bank, Herr Löscher von Siemens, Herr Zetsche von Daimler, Herr Winterkorn von VW, wir waren alle hier und haben die Eröffnungszeremonie außerordentlich genossen.
Die Chinesen reden von grünen Spielen. Dabei ist der Blick aus Ihrem Hotel wie überall in Peking verhangen. Geht Olympia im Smog unter?
Das ist weniger Luftverschmutzung als eine typische Inversionswetterlage. Natürlich hat China mit der Herausforderung zu kämpfen, sein enormes Wirtschaftswachstum und den Umweltschutz in Einklang zu bringen. Doch dabei wurden deutliche Fortschritte gemacht. Mittlerweile hat man die Stadt begrünt, U-Bahnen gebaut und vor der Wüste Bäume gepflanzt, so dass die Sandstürme weniger zu spüren sind. Ich halte die Spiele tatsächlich für relativ grün.
Aber nur, weil die Behörden Betriebe stillgelegt, Bauarbeiten ausgesetzt und Teile des Verkehrs verboten haben. Die Leute sagen, so leer waren die Straßen zuletzt 2003 während der Atemwegsepidemie Sars. Es ist doch kaum anzunehmen, dass das so bleibt.
Natürlich werden die Probleme nicht durch die Spiele gelöst. Aber die Behörden zeigen sich immer entschlossener, im ganzen Land gegen die Umweltverschmutzung anzugehen, weil der Raubbau auch aus ihrer Sicht so nicht weitergehen kann. Ich bin dagegen, immer mit dem Finger auf die Chinesen zu zeigen. Einerseits sagen wir, dass die Armut in China ein Riesenproblem ist, und dann kritisieren wir, dass immer mehr Chinesen Auto fahren. Das halte ich für eine Doppelmoral.
Die Probleme bleiben ja nicht im Land. Die riesige Nachfrage treibt die Preise für Nahrungsmittel, Rohstoffe und Energie hoch, die Kohlendioxidbelastung gefährdet das Erdklima.
Dafür ist nicht allein China verantwortlich. In der ganzen Welt kommen jährlich fast 150 Millionen Menschen hinzu. Also alle drei Jahre die Bevölkerung Europas. Es muss auch in unserem Interesse sein, dass diese Menschen anständig essen, wohnen, sich kleiden, medizinisch versorgt werden und letztlich am Wohlstand teilhaben. Es wäre vollkommen unangemessen, ihnen das vorzuenthalten, was im Westen selbstverständlich ist. Die Amerikaner haben nach dem Krieg ja auch nicht das deutsche Wirtschaftswunder verboten, weil sie Angst vor unserem Wachstum gehabt hätten. Die Chinesen haben dasselbe Recht, sich zu entwickeln, wie wir...
...wenn sie sich an die Spielregeln halten, die Menschenrechte etwa oder den Patentschutz.
Beim Patentschutz tut sich einiges, darauf kann man aufbauen. Bei den Menschenrechten sollten wir anerkennen, wie viel China schon erreicht hat. Seit 1978 gibt es rund 400 Millionen Chinesen weniger, die in Armut leben. Ist Leben ohne Not nicht eines der wichtigsten Menschenrechte?
Die Freiheitsrechte aber werden nach wie vor unterdrückt. In der Welt tritt das Regime mit einer neuen fragwürdigen Ordnungspolitik auf: Früher gültige Werte spielen plötzlich keine Rolle mehr, etwa die Konditionierung von Entwicklungshilfe in Afrika an gute Regierungsführung.
Ich sehe nicht, dass diese Bedingungen des Westens viel bewirkt haben. Die Chinesen investieren stattdessen kräftig in die afrikanische Infrastruktur, bauen Rohstoffe ab, treiben Handel und mehren so den Wohlstand. Wie in China selbst könnte das zu mehr Individualität, mehr Bildung und Transparenz führen und damit die Grundlagen für eine offenere, letztlich demokratische Gesellschaft legen. Interessant ist, dass der Westen sich erst für Afrika interessiert, seit die Chinesen dort aktiv sind. So erfolglos scheint der chinesische Weg also nicht zu sein.
Das klingt fast, als herrsche in China eitel Sonnenschein.
Natürlich ist nicht alles in Ordnung hier. Die Kommunistische Partei steuert noch viel zu viel. Gesetze und Entscheidungen sind oft wenig transparent, es gibt Korruption und eine unglaubliche Arbeitslosigkeit. Aber wir sollten China Zeit lassen, sich zu entwickeln. Schritt für Schritt, wie das auch in Europa nötig war. Ich glaube, China ist auf dem richtigen Weg.
Unsere Olympioniken
BASF-Chef Jürgen Hambrecht war natürlich bei der Eröffnungsfeier am vergangenen Freitag: Wir setzen auf Dialog statt Boykott. Hambrecht wirbt seit Jahren für Investitionen in China und beschwört die Chancen auf dem Wachstumsmarkt. Die Kaufkraft in der Volksrepublik hatten wohl auch Konzerne wie Adidas und Volkswagen im Sinn, als sie sich entschlossen haben, für viel Geld als Sponsor der Spiele aufzutreten. Auch wenn sie dafür von Menschenrechtlern in der Heimat für ihr China-Engagement kritisiert wurden - der Olympia-Ausflug ist für die Vorstandsvorsitzenden jetzt Pflicht. VW-Chef Martin Winterkorn unterbricht eigens die Sommerferien, um nach Peking zu fliegen, zunächst besucht er die offizielle olympische Eröffnungsfeier, danach hat er den VW-Werbepavillon einzuweihen. Und für den Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer gehören sportliche Großereignisse sowieso zum Arbeitspensum. Die Fußball-Europameisterschaft hat er hinter sich gebracht, jetzt wirbt er für seine drei Streifen in Peking, wo vor kurzem der weltgrößte Adidas-Shop eröffnet hat.
Das Gespräch führte Christian Geinitz
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth