Bilanz bei Deutschlands Nachbarn

Sogar noch hinter Teppichland

Von Christian Eichler

„Unsere Frauen retten die belgische Ehre”: Belgiens einzige Olympiasiegerin Tia Hellebaut

„Unsere Frauen retten die belgische Ehre”: Belgiens einzige Olympiasiegerin Tia Hellebaut

26. August 2008 Europa - ein Gewinner von Peking. Die Starter der EU-Staaten gewannen 87 Goldmedaillen, exakt so viele wie China und die Vereinigten Staaten zusammen. Europa gewann das erste Gold der Spiele (durch die tschechische Schützin Katerina Emmons) und das letzte (durch die französischen Handballspieler). Doch die individuellen Bilanzen fielen zwiespältig aus, vor allem bei vielen deutschen Nachbarn.

Belgien: „Was läuft hier falsch?“

„Was läuft hier falsch?“ Die aktuelle Standardfrage über den Zustand Belgiens stellte die Zeitung „Standaard“ auch für den Sport. Vor dem Schlusswochenende drohte die Blamage, völlig ohne Medaille zu bleiben - bis die Sprintstaffel der Frauen sensationell Platz zwei belegte und von „Le Soir“ als „unsere vier Silberpfeile“ gefeiert wurde. Und dann gewann Tia Hellebaut am Samstag auch noch Gold im Hochsprung. „Unsere Frauen retten die belgische Ehre“, fand „de Zondag“.

Die Männer hatten dagegen ein schwaches Bild abgegeben - besonders die, die gar nicht als Sportler angereist waren. IOC-Präsident Jacques Rogge zeigte eine blasse Vorstellung, er schien nur nicht auffallen zu wollen. Das Gegenteil dazu der wallonische Sportminister Michel Daerden: Er fiel als offenbar volltrunkener Zuschauer beim Tennis so störend auf, dass der Argentinier David Nalbandian sein Spiel unterbrach und Daerden lautstark zur Ordnung rief. Dessen flämischer Amtskollege Bert Anciaux bemerkte dazu hämisch: „Daerden hat ein echtes Alkoholproblem, das weiß jeder.“ Der aktuelle Lieblingssport der Belgier, leider noch nicht olympisch: das Ziehen und Zerren zwischen Flamen und Wallonen.

Niederlande: „Feminisierung des niederländischen Sports“

Noch ein Nachbar, der seine Frauen bestaunte: die Niederlande. 13 von 16 niederländischen Medaillen, sechs von sieben goldenen der Holländer gewannen Holländerinnen. Am spektakulärsten taten das die Schwimmstaffel und das Hockey-Team. Die Zeitung „Volkskrant“ feierte die „Feminisierung des niederländischen Sports“, inspiriert durch die legendäre Fanny Blankers Koen. Die „fliegende Holländerin“ war bei ihren vier Leichtathletik-Olympiasiegen 1948 als 31 Jahre alte Mutter bewundert worden - 2008 gab es mehr Mütter denn je im holländischen Team.

Die weltweit meistbeachtete Geschichte bot dann aber doch der einzige männliche Olympiasieger der Niederlande, der 2,07 Meter große Langstreckenschwimmer Maarten van der Weijden, der vor sieben Jahren eine Leukämieerkrankung durch eine Stammzellentransplantation überwunden hatte. Seine Wettkampfvorbereitung: angeblich acht Monate lang täglich 15 Stunden in einem Zelt mit verringertem Sauerstoffgehalt als simuliertes Höhentraining. Zu seinen Gunsten einmal angenommen, dass das der wahre Grund für die gute Olympiaform seiner roten Blutkörperchen war - dann gewann van der Weijden dank der genialen Kombination zweier nationaler Hobbys: Bergluft und Zelten. Und beides, ohne von zu Hause wegzumüssen.

Österreich: „Wir sind keine Sommersport-Nation“

Die großen Deutschen hatten noch nichts gewonnen, da glänzte am ersten Tag der Spiele bei den Österreichern schon eine Silbermedaille, und der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees jubelte: „Wir sind keine Sommersport-Nation, deshalb zählt eine Medaille bei Sommerspielen doppelt.“ Aber selbst solch plumpe Medaillenspiegel-Kosmetik hätte nicht viel bewirkt. Denn das Silber des Judo kämpfenden Korporals Ludwig Paischer, trainiert vom Deutschen Udo Quellmalz, blieb das Beste, das Österreich erlebte in Peking. Man wurde das einzige deutsche Nachbarland neben Luxemburg ohne Olympiasieger.

Dabei gab es auch einen waschechten Wiener mit Gold um den Hals: Gewichtheber Matthias Steiner. Er war nach Deutschland gewechselt im Ärger über den „amateurhaften“ österreichischen Verband, und der hatte ihm nachgerufen, es sei „egal, ob Steiner für Schweden, Deutschland, Kasachstan oder Teppichland startet“. (Teppichland läge in letzterem Fall allerdings nun vor Österreich im Medaillenspiegel.) Steiner startete und gewann für Deutschland, und die Wiener „Presse“ nannte es „eine Niederlage für Österreichs Funktionäre“ - kleine Ärgernisse im kleinen olympischen Grenzverkehr.

Frankreich: „Es fehlte ein wenig an Gold“

Auch Frankreichs Funktionäre waren nicht ganz zufrieden. Sportstaatssekretär Bernard Laporte, zuvor Trainer der nationalen Rugby-Auswahl, forderte „Lösungen, um eine bessere Leistung in London 2012 zu erreichen“. Peking brachte zwar eine „schöne“ Zahl an Medaillen, wie er fand (vierzig, nur eine weniger als Deutschland). Und doch sei man etwas enttäuscht, es fehle „ein wenig an Gold“. Es gab nur sieben französische Olympiasiege und nur einen davon in einem Wettbewerb, der weltweit Beachtung fand: den des schwimmenden Muskelberges Alain Bernard im Kraulsprint.

An dessen Erfolg konnte man sich - nach dem Abtauchen der entnervten Star-Schwimmerin Laure Manaudou - aber nicht ganz unbefangen erfreuen. Bernards auffällig rasch ins Kolossale gewachsene Leistung ließ ihn wie ein Abbild dessen dastehen, was in der beispiellosen Rekordflut des Schwimmens verdächtig geworden ist.

Tibet: War da nicht was?

Zugleich ließen sich die Franzosen auch während des großen China-Spektakels nicht von ihrer Linie in Minderheits- und Menschenrechtsfragen abbringen. Am Freitag traf sich Außenminister Bernard Kouchner in einem buddhistischen Tempel in Frankreich mit dem Dalai Lama, auch die Präsidentengattin Carla Bruni war da. Der Dalai Lama klagte die „extrem brutale Repression“ Tibets durch die Chinesen während der Spiele an.

Tibet? War da nicht was? Stimmt, ein weltweit gutes Thema während des olympischen Fackellaufs. Während der Spiele fast vergessen. Nun, da die China-Show vorbei ist, wird es spannend sein, zu verfolgen, ob sich auch außerhalb Frankreichs beim Olympia-Gewinner Europa noch jemand an die Verlierer Olympias erinnern wird.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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