Olympia aus Amerikas Sicht

Wer sagt, China sei die erfolgreichste Nation?

Von Jürgen Kalwa, New York

8 von 36: Was wäre, wenn Phelps achtmal Bronze gewonnen hätte?

8 von 36: Was wäre, wenn Phelps achtmal Bronze gewonnen hätte?

26. August 2008 Der gegenwärtige Bewohner des Weißen Hauses hat eine Eigenschaft kultiviert, mit der er seinen Landsleuten eine besondere Kraft seines Amtes vermittelt: Er bringt gerne bei öffentlichen Auftritten selbst widersprüchliche Sachverhalte auf einen einfachen gedanklichen Nenner. Weshalb die Fragen von Sportfernsehmoderator Bob Costas vor einer Woche ausgesprochen hartnäckig wirkten.

Die beiden saßen im Studio in Peking zusammen, und der Mann von NBC fragte George Bush nicht nur, wie man sich als amerikanischer Präsident fühlt, wenn man mit einem tagelangen fröhlichen Ausflug zu den Olympischen Spielen nach Peking die größte Diktatur der Welt adelt. „Denn das ist noch immer ein autoritärer Staat“ - so Costas. Er wollte auch noch wissen, was denn bei dem offiziellen Gespräch herausgekommen sei, das Bush mit seinem chinesischen Amtskollegen geführt hatte. „Wie viel Wirkung und Einfluss haben die Vereinigten Staaten hier angesichts der wachsenden Stärke Chinas und Amerikas eigener Probleme?“, bohrte er. Und: „Ist Staatschef Hu Jintao aufgeschlossen? Sehen Sie irgendeine Bewegung?“

„Ich sehe nicht, dass Amerika Probleme hat“

Bush, dessen Regierung enorme Haushaltsdefizite produziert und mit Schuldverschreibungen finanziert, von denen China allein mehr als 500 Milliarden Dollar hält, wischte den Hinweis auf die Schwierigkeiten zu Hause vom Tisch: „Ich sehe nicht, dass Amerika Probleme hat“, sagte er. Die Vereinigten Staaten seien „Weltführer“ und hätten „großartige Werte und Einfluss“, betonte er, nachdem er mehrere Tage lang fröhlich grinsend seine Landsleute beim Basketball, beim Beach-Volleyball, Softball und Schwimmen angefeuert hatte.

Ein paar Tage später, nachdem der Rausch der Phelps-Rekorde verflogen war, spiegelte sich dieses Denken wieder einmal auf den Sportseiten amerikanischer Zeitungen wider. „USA führten in der Medaillenwertung“ schrieb der „Kansas City Star“ und untermauerte damit nicht als einziges Blatt ungetrübt den Anspruch auf den Spitzenplatz im nationalen Vergleich. Selbst konziliantere Versionen klangen nach Schönfärberei im Vergleich mit China:. „Beide Nationen können für sich in Anspruch nehmen, die Nummer 1 zu sein“, schrieb das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ im Internet. Selten einmal, dass Leser solche Deutungsversuche kritisierten. So bemängelte einer auf der Website der „Los Angeles Times“: „Bitte sagt nicht, Bronze ist das Gleiche wie Gold. Was denkt ihr, wenn Phelps achtmal Bronze gewinnt?“

„Mehr amerikanische Gewinner als andere Teilnehmer“

„China erfüllt sich den Wunsch nach olympischer Vorherrschaft“, lautete am Montag die Schlagzeile der „New York Times“, die mit einer halben Hundertschaft an Reportern, Kolumnisten, Fotografen und Redakteuren in den Fernen Osten gereist war. Niemand mochte die amerikanische Niederlage auf dem Medaillenspiegel offen eingestehen. Am krassesten klitterte der Geschäftsführer des Nationalen Olympischen Komitees der Vereinigten Staaten.

„Es gibt mehr US-Sportler als Teilnehmer von anderen Nationen, die eine Goldmedaille um den Hals tragen, wenn sie nach Hause kommen“, hatte Jim Scherr ausgerechnet, nachdem er die Medaillen aus den Mannschaftswettbewerben mit der Zahl der Teammitglieder multipliziert hatte und so auf 125 Mal Gold (statt tatsächlich 36) für die Vereinigten Staaten gekommen war. Dagegen wirkten die 74 (51) für China bescheiden.

Einschaltquoten sinken stetig - nicht für die TV-Macher

Zahlenspiele zum Auffrisieren der Bilanzen gehören auch für NBC zum Repertoire, das für die exklusiven Übertragungsrechte an das Internationale Olympische Komitee die Rekordsumme von 894 Millionen Dollar bezahlt hatte. Der Fernsehsender, eine Tochter des Gemischtwarenkonzerns General Electric, schiebt dieser Tage vor allem die Gesamtzahl der Fernsehzuschauer in den Vordergrund, die das Ereignis verfolgt haben. Sie übertraf sogar die Bilanz der Spiele von 1996 im eigenen Land. Tatsächlich gehen die Einschaltquoten für Olympia seit Jahren konstant nach unten. Wie passt das zusammen? Das Einwanderungsland Vereinigte Staaten hat heute weit mehr Einwohner als vor zwölf Jahren.

Es gab allerdings die eine oder andere auflagenstarke Zeitung, in der man ein fast schon resignatives Fazit formulierte: „China hat sich auf weit mehr Feldern durchgesetzt als bei der Zahl der Goldmedaillen. Sehr wenige der Versuche der Außenwelt, die Pekinger Spiele zu formen, haben etwas an der Regierung geändert, die sie ausgerichtet hat. Falls die chinesische Regierung je einen Zweifel daran gehabt haben sollte, dass ihre Mischung aus autoritärer Politik und Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert auf Akzeptanz stoßen würde: Mehr als 80 Staatschefs gaben ihr mit ihren Besuchen ihre Zustimmung.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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