Von Insa Schiffmann
24. November 2008Die Zeichen verschwimmen vor Katja Steinkis Augen. 20 Reihen mit "q" und "p" hat die 18 Jahre alte Abiturientin schon bearbeitet, doch die Flut der Buchstaben will nicht enden. Ihr Schädel dröhnt. Die anderen scheinen weniger Probleme mit dem Untertest Konzentrationsvermögen zu haben. "Vielleicht kennen sie ja irgendwelche Tricks?", fragt sich die Abiturientin. Sie selbst hat nur eine Informationsbroschüre durchgelesen. Hätte ihr ein Vorbereitungskurs geholfen?
Die junge Frau aus Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart gehört zu den 6000 Studienanfängern, die in diesem Jahr am Test für Medizinische Studiengänge (TMS) teilgenommen haben. Zwischen 1986 und 1996 war der Eignungstest für jeden angehenden Medizinstudenten in Deutschland Pflicht. 2007 hat ihn das Land Baden-Württemberg wiedereingeführt, im Gegensatz zu früher ist er heute freiwillig. Außer Heidelberg, Freiburg, Mannheim, Ulm und Tübingen im Südwesten baut auch die medizinische Fakultät in Lübeck auf den Test; andere Hochschulen setzen auf eigene Aufnahmeprüfungen.
Ein gutes Ergebnis im wiederbelebten TMS verspricht zusammengenommen bessere Aussichten auf die 1100 im Auswahlverfahren dieser sechs Hochschulen vergebenen Medizin-Studienplätze. Insgesamt gibt es in Deutschland 8500 Medizin-Studienplätze, 30.000 Bewerber reißen sich um sie. Einige sind bereit, für bessere Chancen auf einen Platz viel Geld zu zahlen.
Etwa fünf Prozent der TMS-Teilnehmer entscheiden sich vor dem Test für einen Vorbereitungskurs, schätzt Klaus Gabnach, der Geschäftsführer von Meditrain in Köln. Sein Institut für Testforschung und Testtraining habe schon 1984 mit der Entwicklung solcher Kurse begonnen und seitdem 17.000 Teilnehmer gehabt. Einigen Konkurrenten fehle diese Erfahrung, kritisiert Gabnach. "Die Entwicklung fundierter Kurse dauert mindestens vier Jahre." Immer mehr Neuanbieter arbeiteten jedoch mit Billigangeboten, unerfahrenen Trainern und qualitativ minderwertigem Material. Sein Institut dagegen biete Einzeltraining und Seminare an, in denen die Kursteilnehmer "allumfassend" vorbereitet werden sollen - mit Lösungsstrategien, Motivationstraining und Ratschlägen für den Stressabbau. Für ein fünftägiges Übungsseminar zahlen die Teilnehmer 760 Euro. Die Gegenleistung? "Etwa 89 Prozent unserer Seminarteilnehmer erhielten aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Leistung im TMS einen Studienplatz", sagt Gabnach.
Den Medizinertest selbst koordiniert die Uni Heidelberg, auf eines ihrer Konten überweisen Bewerber deshalb eine Gebühr von 50 Euro. Entwickelt aber hat den Test das Bonner Unternehmen ITB Consulting. Dessen Mitgründer Günter Trost rät von teuren Vorbereitungskursen nachdrücklich ab. "Der TMS wurde zusammen mit Fachleuten, Befragungsinstituten, studierenden, lehrenden und praktizierenden Medizinern erstellt", berichtet er. "Er ist darauf ausgerichtet, nicht Kenntnisse, sondern über Jahre erlernte Fähigkeiten zu prüfen. Es ist nicht möglich, dies in kurzer Zeit nachzuholen." In sechs Stunden stelle der TMS Konzentrationsvermögen, Textverständnis, räumliches Denken und Auffassungsgabe auf die Probe. Als "Miniatursimulation des künftigen Studiums" beschreibt der Psychologe Trost dies. Dass sich der Erfolg durch Vorbereitungskurse steigern lasse, sei "empirisch widerlegt". Davon ist auch Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) überzeugt. Der TMS könne nicht kurzfristig geübt werden, da er das Resultat langjähriger Lern- und Entwicklungsprozesse messe. "Die Korrelation ,Je mehr Übung, desto größer der Erfolg' gilt also nur in sehr geringem Maße. Die beste Vorbereitung ist die Eignung zum Medizinstudium und -beruf."
ITB Consulting selbst verkauft allerdings zur Vorbereitung alte Originalversionen des Tests; manche Seminarveranstalter sehen darin den wahren Grund für die Skepsis ihren eigenen Angeboten gegenüber. Trost widerspricht dieser Vermutung vehement. Schon als der TMS für alle Medizinbewerber verbindlich und vom Staat finanziert worden sei, habe er diese Meinung vertreten. Die Einnahmen aus Gebühren und Buchverkauf deckten überdies die Kosten für den Test nicht. Deshalb hofft Trost auf Aufträge aus anderen Bundesländern, Nordrhein-Westfalen habe schon Interesse signalisiert, die Alternative seien höhere Teilnahmegebühren.
Hätte es sich für Katja Steinki gelohnt, ein paar Hunderter mehr auszugeben, um ein besseres Ergebnis zu erreichen? Die Frage ist hypothetisch. Laut ITB haben Studien gezeigt, dass die Lektüre der Informationsbroschüre allein dieselbe Wirkung hat wie ein zweitägiges Vorbereitungsseminar - um 8 Prozent haben sie in der Vergangenheit die TMS-Ergebnisse verbessert. Wer zusätzlich zur Broschüre auf ein Seminar zurückgegriffen hatte, schnitt noch einmal um 4 Prozent besser ab. Vor allem in den Untertests "Konzentration", "Muster zuordnen" und "Schlauchfiguren" zahlte sich das Training demnach aus.
Vielleicht genügt es aber auch, einfach in der Schule aufzupassen. Dies jedenfalls ist der Eindruck von Natalia Merkurieva, die in Ulm am TMS teilgenommen hat. "In der Schule hat man Jahre Zeit, um all das zu lernen. Ich glaube nicht, dass man es in so kurzer Zeit nachholen kann." Wer Textverständnis und mathematisches Grundwissen mitbringe, sei im Vorteil; wessen Abiturprüfungen schon länger zurücklägen, dem helfe aber womöglich die Auffrischung in einem Seminar. "Trainierbar sind zudem die Merkaufgaben", sagt Merkurieva. "Dazu braucht man aber kaum kommerzielle Hilfsmittel. Sich zeilenweise Informationen aufschreiben zu lassen und sie sich zu merken hilft genauso gut."
Text: F.A.Z.
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