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Imagekampagne

Sachsen wirbt um Studenten - und trifft auf Ressentiments

Von Reiner Burger, Dresden



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11. März 2008 
Die Rechnung ist ganz einfach. Damit, wie im vergangenen Sommer von Bund und Ländern beschlossen, bis 2010 rund 90.000 zusätzliche Studienanfänger von den deutschen Hochschulen aufgenommen werden können, sollen im Westen neue Studienplätze geschaffen werden, im Osten, der stark unter dem demographischen Wandel leidet, soll das bisherige Niveau gehalten werden. 565 Millionen Euro stellt der Bund den Ländern im Rahmen des Hochschulpakts zur Verfügung. Das bevölkerungsreichste ostdeutsche Bundesland Sachsen bekommt rund 27 Millionen Euro, damit die Hochschulen des Freistaats nicht, wie eigentlich vorgesehen, Stellen und Studienplätze abbauen, sondern weiterhin jährlich rund 20.000 Studienanfänger anziehen.

Wegen des Bevölkerungsrückgangs ist das ein ehrgeiziges Ziel, das nur dann zu erreichen ist, wenn in Sachsen in Zukunft nicht nur erheblich mehr Landeskinder als bisher zu einem Studium motiviert werden können. Vor allem von außerhalb muss der Freistaat künftig kräftig um angehende Akademiker werben, wenn die Bundesmittel wie vorgesehen fließen sollen. Die Staatsregierung hat deshalb insgesamt 2,5 Millionen Euro für die Imagekampagne "Studieren in Sachsen" bereitgestellt. Ziel der Kampagne, mit der schon für das kommende Wintersemester junge Leute gelockt werden sollen, ist es nach den Worten von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD), Sachsen als besonders attraktiven Studienort darzustellen und für die einzelnen Studiengänge informativ zu werben.

„Überrascht über das Ausmaß des Nichtwissens“

Die analytischen Vorarbeiten für die PR-Aktion sind mittlerweile abgeschlossen. Sie machen deutlich, mit welchen erheblichen Schwierigkeiten der Freistaat in seinem Werben vor allem bei jungen Westdeutschen rechnen muss. Eine Imageanalyse des Hochschulstandorts Sachsen bei künftigen Studenten ist zugleich ein Zeugnis über den Stand der inneren Einheit im 18. Jahr nach der Wende. "Ich war schon überrascht über das Ausmaß des Nichtwissens", sagt Frau Stange. In Berlin und Nürnberg ließ das sächsische Wissenschaftsministerium jeweils eine Gruppe von 17 bis 23 Jahre alten Männern und Frauen, die in absehbarer Zeit ein Studium aufnehmen wollen, befragen und unter Beobachtung miteinander diskutieren.

Die Vorstellung, ein Studium in Sachsen aufzunehmen, rief in beiden Gruppen "spontan überhebliche Ablehnung" hervor, heißt es in der Studie. Viele der jungen Leute bezeichneten den Freistaat wegen des Dialekts der Einwohner und wegen der regionalen Probleme mit Rechtsradikalen als "No-go-Area". Die Vorstellung eines Studiums in Sachsen wirke auf die Teilnehmer im ersten Moment oft abwegig oder belustigend, manchmal auch bedrückend, schreiben die Forscher. In Berlin gab ein Student den angeblichen Zustand der Städte in den neuen Ländern als Grund für seine Ablehnung an: "Nur Plattenbauten, das ging echt nur als Allerletztes." In Nürnberg protokollierten die Wissenschaftler: "Ich kann da nur lachen. Mein Vater hat einen Kollegen aus dem Eck, dem kann ich kaum zuhören." Sowohl aus Berlin als auch aus Nürnberg blicken die befragten jungen Leute auf die Provinz herab. Die Berliner fühlen sich "als wer", weil sie aus der Hauptstadt kommen, die Bayern attestieren sich selbst das "beste Abitur" und die Aussicht, sowieso überall gerne genommen zu werden.

Desinteresse und Ablehnung

Nach Einschätzung der Forscher verfügen die Befragten nur "über rudimentäre Kenntnisse" über die neuen Länder. Obwohl sie ganz nah an der früheren Grenze (Nürnberg) oder gar mitten im Osten (Berlin) leben, sei ihre Sicht geprägt "von Unwissen und klischeehaften Vorurteilen". Fakten über das Studieren im Osten, etwa zu Studienangeboten oder Betreuungsquoten, seien kaum bekannt. Allerdings: "Die Befragten wissen selbst, dass sie aufgrund äußerst geringer Kenntnisse urteilen und sich besser informieren müssten."

Die vom Freistaat geplante Werbekampagne im Westen müsse sich also gegen Desinteresse und Ablehnung durchsetzen. Doch gewinne Sachsen, wenn es zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Land komme. Je länger die Diskussion anhielt, desto häufiger spielten in den Gruppen auch positive Aspekte eine Rolle. Etwa das Image Dresdens als Hightech-Standort, die relativ günstigen Mieten oder dass der Freistaat keine Studiengebühren verlangt. Ein Teilnehmer aus Nürnberg gab zu bedenken: "Wir Bayern waren ja auch mal die Deppen in Deutschland."

„Auf jeden Fall wird es eine Road-Show geben“

Die Forscher schlagen dem Wissenschaftsministerium vor, das "Imagepotential" Sachsen zu nutzen. Deshalb will die Ministerin nun gezielt darüber informieren, wie viel im Freistaat in den vergangenen Jahren erreicht wurde. "Auch die Bundesexzellenzinitiative hat bestätigt, welche ungeheure Entwicklung Sachsen bei Forschung und Lehre zurückgelegt hat. Wer hierherkommt, findet modernste Studienbedingungen vor." Mit der Werbekampagne werde man versuchen, ganz dicht an junge Leute heranzukommen. "Auf jeden Fall wird es eine Road-Show vor allem in Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen geben, in denen es durch die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre bald doppelte Abiturjahrgänge gibt." Ob die sozialdemokratische Ministerin Stange allerdings die Anregung aufgreift, Sachsen als das "neue Bayern" des Ostens zu präsentieren, scheint fraglich. Augenzwinkernd weist sie darauf hin, dass Sachsen nicht wie Bayern 30 Jahre brauche, um vom Agrar- zum Industrieland zu werden. Schließlich sei Sachsen im 19. Jahrhundert als erste deutsche Region industrialisiert worden. "Sachsen kann sich als Sachsen vermarkten", meint die Ministerin.

Dringend rät die Studie jedenfalls davon ab, Provinzialität zu leugnen, denn bis zu einem gewissen Grad mache sie den Charme aus und könne Grundlage für Fortschritt und Entwicklung sein. Auch das Musterländle Baden-Württemberg setze mit seiner Kampagne "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" auf eine produktive Verbindung von Provinzialität und Weltläufigkeit. Vor ein paar Jahren war der saloppe Spruch übrigens zunächst für Sachsen vorgesehen gewesen. Doch damals entschied sich der Freistaat dagegen. Nun sieht Ministerin Stange die Zeit nicht nur für eine Werbeaktion für Studenten, sondern auch für eine allgemeine Landeskampagne gekommen. Gegen das Phänomen Rechtsextremismus, das das Image Sachsen vielerorts präge, helfe freilich nur der lange Atem. "Aber wir müssen auch deutlich machen, dass es eine starke demokratische Gegenbewegung gibt, die in den Regionen das Problem bei den Wurzeln angeht."

Text: F.A.Z., 11.03.2008, Nr. 60 / Seite 4
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
 
 
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