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Chinas Elite-Uni Beida Dozent auf Heiligem Boden Von Hélia Paukner
Auf dem Weg zu einer der weltweit anerkanntesten Lehranstalten ist die Universität Peking auch eine Art Abtei von Thélème: ein chinesisches Bildungsparadies im Reich der Mitte. Das traditionelle Eingangstor - gewölbtes Dach, blau und grün bemalt und teilweise vergoldet - trägt vier vom Großen Vorsitzenden Mao eigenhändig gemalte Ideogramme: Běi Jīng Dà Xué - Hochschule der nordischen Hauptstadt oder, für die Eingeweihten, kurz: Beida. Zwei majestätische Löwen und ein Wachsoldat, der sich auch durch das fortwährende Blitzen der Fotoapparate nicht aus der Ruhe bringen lässt, flankieren diesen Haupteingang der berühmten Alma Mater: Für die Chinesen ist sie ein Wallfahrtsort. Denn Beida ist nicht nur ein Symbol der Hoffnung für die junge Generation, es ist nach Auskunft von Studenten Heiliger Boden, ein Ort der Erinnerung an die Geschichte des Landes. Mao war hier Hilfsbibliothekar Die Pekinger Universität wurde 1898 von einer Handvoll hochstehender reformwilliger Beamter der Qing-Dynastie gegründet. Als Kaiserliche Universität wurde sie zum prestigeträchtigen Ort der Ausbildung der fähigsten Köpfe Chinas und war zugleich Sitz eines Teils der kaiserlichen Verwaltung. Sie ist in einem Bezirk der ehemaligen Gärten des imperialen Sommerpalastes gelegen, künstlerisch gestaltet von den besten Landschaftsarchitekten des 18. Jahrhunderts. Die Studenten können hier am Ufer des Namenlosen Sees unter Trauerweiden und im Schatten einer authentischen Pagode auftanken. Sonntags wird Beida zum Ziel von Familienausflüglern, die vorzugsweise ihren Einzelnachwuchs vor dem idyllischen Hintergrund ablichten. Aber selbst dieser paradiesische Platz erfuhr zum Ende des Qing-Reiches bittere Zeiten: Während des Boxeraufstandes 1901/02 wurde die Universität geschlossen und 1912 anlässlich der Proklamation der chinesischen Republik in Universität Peking umgetauft. Seitdem sah sich diese Uni bald als Motor und Ausgangspunkt, bald als Zielscheibe revolutionärer Ereignisse. Von hier aus wurde 1919 die Bewegung des 4. Mai von einigen progressiven Intellektuellen wie Chen Duxiu, Li Dazhao und Lu Xun eingeleitet. Sie agitierten gegen den traditionellen kaiserlichen Staat, wollten China modernisieren, verbreiteten die neuen kommunistischen Ideen und erzeugten im Widerstand gegen den Versailler Vertrag ein erneuertes chinesisches Nationalbewusstsein. Heute wird der 4. Mai als Gründungsdatum der modernen Peking-Universität begriffen und jährlich gefeiert. Auch Mao hatte hier einen Posten als Hilfsbibliothekar und fühlte sich bald durch die Eminenz der alten Professorenschaft gedemütigt. Schließlich hat er es veranlasst, dass Beida ein vorrangiges Ziel der Säuberungen der großen Kulturrevolution Ende der sechziger Jahre wurde. Und es war in Beida, wo die studentischen Demonstrationen begannen, die im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit dem Einsatz von Panzern der Volksbefreiungsarmee endeten. (Siehe auch: Der Pekinger Frühling 1989 und das Massaker auf Tiananmen) Was soll man erwidern? So wundert es nicht, dass immer noch militärische Wachen rund um die Uhr auf dem Campus präsent sind. Auch sind alle Studenten verpflichtet, wöchentlich zwei Stunden Politikunterricht zu besuchen, der von einem Beauftragten der Kommunistischen Partei abgehalten wird. Alle erleben dieses Pensum als langweilige Qual, aber niemand stellt es in Frage: Die meisten Studenten, traumatisiert vom brutalen Tod ihrer Kommilitonen, geben sich apolitisch oder flüchten ins Private. So sind auch die jährlichen Prüfungen für die Aufnahme in die Partei nicht gerade überlaufen. Einige Überzeugte nehmen daran teil und viele zynische Geister, die wissen, dass für den Eintritt in höhere Sphären von Wirtschaft und Politik kein Weg an der Partei vorbei führt. Wer Studenten herausfordernd auf Zensur, Menschenrechtsverletzungen oder die eingeschränkte Informations- und Meinungsfreiheit anspricht, muss mit deprimierenden Reaktionen rechnen: Die Klarsichtigsten lachen ohnmächtig, spaßen gar und amüsieren sich über die Westler, die immer wieder als vergeblich erachtete Fragen stellen. Die Übrigen bestätigen: Die gegenwärtige Regierung ist eine gute Regierung, die China schon weit vorangebracht hat. Sie ist die Hoffnung unseres Vaterlandes. Wenn die Regierung Zensur übt, ist es für das Wohl des Volkes, für die Harmonie der Gesellschaft. Was soll man darauf erwidern? Ein Studentenausweis ersetzt den Personalausweis Weil die Liberalisierung der Politik aber vorerst auf sich warten lässt, versuchen die Studenten, sich auf die ökonomische Öffnung vorzubereiten. Damit sind sie auf dem richtigen Weg, denn das Ansehen der Pekinger Universität eröffnet ihnen in der Arbeitswelt alle Türen. In China ist Beida so bekannt, dass ein Studentenausweis von hier sogar den amtlichen Personalausweis ersetzen könnte sagt Frau Lee (Name geändert), Professorin am Institut für ausländische Sprachen. Nur der Nachbarcampus von Tsinghua, der einen ausgezeichneten Ruf bei den Naturwissenschaften hat, kommt als Rivale in Betracht. Und auch im Ausland wächst Beidas Ansehen stetig. Die Universität ist an einer Ausweitung der Kontakte zum Ausland sehr interessiert. So publiziert sie in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut eine deutsch-chinesische Zeitung, und auch die französische Abteilung kooperiert regelmäßig mit französischen Botschaftsstellen, um Vorträge und Treffen zu organisieren. Das Büro für internationale Beziehungen bemüht sich, möglichst viele Austauschverbindungen mit Hochschulen im Ausland zu knüpfen. Jedes Jahr verbringen hunderte Studenten aus Deutschland, Frankreich, Österreich, der Schweiz oder den Vereinigten Staaten ein Gastsemester in Beida, während hunderte Chinesen im Ausland ihre Sprach- und Fachkenntnisse verbessern. Um die gute Reputation der Universität zu begünstigen, befolgt der Lehrkörper bestimmte Grundsätze bei der Benotung studentischer Leistungen: Auf der Basis einer maximalen Punktezahl von 100 liegen die Bewertungen selten unter 60 Punkten - eine bedenkliche Einstellung, weil viele Studenten nach ihrem Eintritt in Beida in ihrer Arbeitshaltung nachlassen, können sie doch später ohnehin mit einer guten Anstellung rechnen. Um jedoch ein seriöses Notenniveau zu wahren, dürfen Benotungen über 85 Punkte höchstens bei 40 Prozent der Probanden vorkommen. Die Auserwählten von Beida Um von diesem System von Privilegien profitieren zu können und um auch als Student den uneingeschränkten Zugang zu Asiens größter Bibliothek zu haben, muss man Leistungsnachweise vorlegen: Bei relativ geringen Studiengebühren beruht der Eintritt in Beida natürlich auf einer drastischen Auslese und ist den besten Abiturienten vorbehalten. Diese werden auf dem Campus unter gewöhnlichen chinesischen Verhältnissen untergebracht. Nach Geschlechtern getrennt teilen sich vier Kommilitonen aus derselben Provinz einen kleinen Raum. Häufig ergeben sich zwischen den Zimmergenossen enge Freundschaften, es kommt mitunter aber auch zu dramatischen Spannungen. Tatsächlich findet man auf dem Campus alle Bequemlichkeiten: Supermarkt, Postamt, Reisebüro, Sportstätten. Möglichkeiten zu einer Flucht in die Privatsphäre gibt es aber kaum. Sogar die abgelegenen Alleen des Parks sind Tag und Nacht von Pärchen frequentiert, die sich nach romantischen Spaziergängen sehnen. Die Lebensbedingungen sind nicht ganz einfach: Um 23 Uhr wird der Strom abgeschaltet, Duschen befinden sich in einem separaten Gebäude, trotz der großen Sommerhitze gibt es keine Klimaanlagen. Trotzdem sind die Studenten offenbar zu allem bereit, um sich hier ausbilden zu lassen. Kritik an der Auslese Die Auslese wird in den Abschlussklassen der Gymnasien vorgenommen. Gemäß ihrer Noten werden die Abiturienten auf verschieden eingestufte Universitäten verteilt. Soweit gibt es daran nichts auszusetzen. Bedenkt man aber, wie unterschiedlich schwierig die Abiturprüfungen in den verschiedenen Provinzen sind, verdunkelt sich das Bild. Nach offizieller Verlautbarung sollen diese Unterschiede die westlichen Provinzen begünstigen, die aufgrund ihrer Rückständigkeit und mangelnder Ressourcen mit den entwickelten Zentren wie Schanghai oder Peking nicht mithalten können. Trotzdem regt sich Kritik: Die Aufnahme an eine Universität sei für Schüler aus den östlichen Großstädten leichter. Ist das eine falsche Einschätzung? Oder begünstigt das System gar die Reproduktion sozialer Unterschiede? Denn ganz natürlich finden sich die Kinder der Führungsschichten in der Mehrzahl in den großen Zentren des Nordens und Ostens. Es fällt schwer, das Bildungssystem abschließend zu beurteilen. Gewiss ist aber: Der fundamentale Unterschied zwischen unserem westlichen - durch das athenische Bürgerbefinden begründeten und in der französischen Revolution vertieften - individuellen Gleichheitsbegriff und dem chinesischen, der vom taoistischen Harmoniegedanken dominiert wird. Aber vielleicht liegt gerade hierin der Schlüssel für die faszinierende Fremdheit, die das Reich der Mitte weiterhin auf uns ausübt. Hélia Paukner besitzt die französische Agrégation in Germanistik und studiert an der École Normale Supérieure Lettres et Sciences Humaines in Lyon. Sie hat 2007 ein halbes Jahr lang als Dozentin an der Universität Peking Französisch unterrichtet. Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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