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Diplom-Ingenieur

Abschied im Spagat

Von Sebastian Balzter



Der Ingenieur, eine deutsche Ikone: Carl Benz gehört dazu
19. September 2007 
Sogar München macht mit. Aber der Abschied vom Titel "Diplom-Ingenieur", wie er im Zuge der Vereinheitlichung der europäischen Hochschullandschaft - Stichwort: Bologna-Prozess - beschlossen worden ist, fiel der Technischen Universität der Bayern-Kapitale besonders schwer. "Es ist grober Unfug, dieses Markenzeichen ohne Not aufzugeben", poltert Ernst Rank, der Vizepräsident der TU - und betont fast im gleichen Atemzug, dass auch seine Hochschule "voll und ganz hinter" dem Wechsel zum System aus Bachelor- und Master-Studiengängen stehe, der bis 2010 deutschlandweit abgeschlossen sein soll. Das geht nur im Spagat: Die TU München verleiht ihren ingenieurwissenschaftlichen Absolventen künftig einen Bologna-konformen "Master of Science" und versieht ihn mit dem Zusatz: "Äquivalent zum Diplom-Ingenieur" (lesen Sie unseren Überblick: Die besten Studienorte für Ingenieure)

Rückzugsgefechte wie diese zeigen vor allem eins: Bologna ist nicht mehr aufzuhalten, auch nicht von den stolzen deutschen Fahrzeugbauern, denen das Diplom "made in Germany" besonders am Herzen liegt (lesen Sie dazu Das Ende des Dipl. -Ing.). Wie sehr, das zeigt eine Zahl von der Uni Karlsruhe, wo Maschinenbau zum Wintersemester letztmals als Diplom-Studiengang angeboten wird; parallel dazu kann man das Fach auch schon im neuen Bachelor/Master-Programm belegen, künftig die einzige Möglichkeit. Rund drei Viertel der Erstsemester haben sich für den Diplom-Studiengang entschieden, berichtet Frank Gauterin, der das Institut für Fahrzeugtechnik und Mobile Arbeitsmaschinen leitet.

Leichter als in Bayern und Baden tut man sich in Südhessen mit den 1999 formulierten Bologna-Ideen. Die TU Darmstadt, wie Karlsruhe und München Mitglied im "TU9" genannten Kreis der neun führenden technischen Universitäten in Deutschland, nahm schon zum Wintersemester 2000/2001 die ersten Bachelor-Studenten auf. Mittlerweile haben viele von ihnen den Master in der Tasche - aber haben sie damit auch das gleiche Ansehen wie die renommierten Diplom-Ingenieure erworben (lesen Sie, was unsere Umfrage ergeben hat - Umfrage: „Der Dipl.-Ing. wird fehlen“ )?

"Die Reputation hängt nicht am Diplom, sondern an der Qualität der Schule, an der ein Student seinen Abschluss erwirbt", entgegnet Hermann Winner, Lehrstuhlinhaber für Fahrzeugtechnik in Darmstadt, den Kritikern. Er unterstreicht die Vorteile des neuen Systems: "Uns gefällt sehr gut, dass wir mit dem Bachelor jetzt eine Drehscheibe mit breiter Basis haben, auf die sich eine Vielzahl spezialisierter Master aufsetzen lässt."

Zudem sei das Studium unter immensem Verwaltungsaufwand entrümpelt und den heutigen Ansprüchen an Ingenieure angepasst worden. Unter dem Stichwort "Professional Skills" zählt Winner die neuen Inhalte auf: Präsentationstechnik, Team- und Forschungsfähigkeit. "Das zehnsemestrige Master-Programm ist jetzt mindestens so viel wert wie ein elfsemestriger Diplom-Studiengang", sagt Winner. Schon seit dem Wintersemester 2005/2006 wird Erstsemestern in Darmstadt das Diplomstudium nicht mehr angeboten.

Druck auf Mediziner und Juristen

Winners Kollege Burkhard Rauhut, Rektor der RWTH Aachen, hat vor allem die befürchtete Fixierung des Bachelor-Studiums auf die Bedürfnisse der Wirtschaft und die vermeintliche Nivellierung von Universitäts- und Fachhochschulstudium kritisiert. Jetzt fordert er medizinische und juristische Fakultäten auf, sich ebenfalls von ihren traditionellen Abschlüssen zu verabschieden (RWTH-Rektor Rauhut: „Einen Master können Sie auch in Papua-Neuguinea machen“). Denn auch in Aachen werden die ingenieurwissenschaftlichen Fächer vom kommenden Semester an nur noch in der Bachelor/Master-Struktur angeboten. "Man kann nicht in ein und demselben Hochschulsystem zwei- oder mehrspurig fahren", beschreibt Rauhut den Anpassungsdruck, der sich in den mehr als 3000 Bachelor- und 2000 Master-Studiengängen dokumentiert, die in Deutschland zugelassen sind.

Aus dem Diplom-Ingenieur wird der "Master of Science in Mechanical and Process Engineering" - oder wie die neuen Studiengänge sonst etikettiert werden. Und dahinter werden die Hochschulen, die auf sich halten, ihren eigenen Namen setzen. In Klammern, als letzten Rest des alten Widerstands.

Text: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite C5
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Bachelor-Mediziner: das fehlte noch ... 19.09.2007, 19:24
 

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