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Pendelbeziehungen

Teilzeitsingles unter Glücksdruck

Von Ursula Kals

Pendelbeziehungen: Teilzeitsingles unter Glücksdruck
17. Januar 2007 

Sebastian Kramer und Laura Schumann haben sich während der Abiturzeit verliebt. Kennengelernt haben sie sich "ganz banal in einer Kölner Disco". Aus der Discobekanntschaft ist eine Partnerschaft geworden, die seit drei Jahren hält und aushält, dass die beiden Zweiundzwanzigjährigen sich nur ein-, zweimal im Monat sehen. So wie ihnen geht es in Deutschland jeder achten Liebesbeziehung - die Zahl unter Studenten dürfte durch Studienwahl und Praktika um einiges höher sein.

Laura hat einen der begehrten Studienplätze für Tiermedizin in Gießen bekommen, Sebastian studiert Volkswirtschaft in Hamburg. Die Bahnfahrten sind langwierig, die Fahrkarten teuer. Ein Dauerzustand soll das nicht werden, aber im Augenblick halt nicht zu ändern. Halbherzig habe er versucht, an die Frankfurter Uni zu wechseln, sagt der Wirtschaftsstudent, "aber wirklich nur halbherzig". Denn der Rheinländer wollte immer schon gerne in Hamburg leben, hat den Segelschein und liebt das nahe Meer. "Nach Gießen zieht mich nichts. Wäre da nicht Laura." Seine Freundin hat mit der Entfernung sichtlich mehr zu kämpfen, "mir fehlt er schon sehr, und die Abschiede Sonntagabend auf dem Bahnhof finde ich jedes Mal schrecklich". Irgendwann mal wollen sie natürlich an einem Ort zusammenleben. Wo der sein soll, wann das sein wird - Sebastian zuckt unentschlossen die Schultern, "schau'n wir mal".

Kochen, Freunde treffen - und Sex

Angela Beckmann hat geschaut. "Vielleicht zu lange", sagt die Münchener Sprachenstudentin nachdenklich. Fünf Jahre lang haben sie und ihr Freund eine Fernbeziehung aufrechterhalten. "Am Ende war das dann doch mühselig, obwohl wir nur zwischen München und Karlsruhe gependelt sind." Die erste Zeit sei es noch irgendwie reizvoll gewesen, unter der Woche "ein so ganz anderes Leben zu führen", sagt die 24 Jahre alte Bayerin. "Ich wollte bloß nicht zu Hause sitzen und Trübsal blasen, habe viel unternommen, bin ständig ins Theater, das wird einem in München ja leichtgemacht." Die Wochenenden waren für ihren Tom reserviert und wurden regelrecht inszeniert. Das Paar tappte in die klassische Falle vieler Pendlerpaare: Es setzte sich unter 48-Stunden-Glücksdruck. Zwischen Freitag- und Sonntagabend sollte all das nachgeholt werden, was unter der Woche vermisst wird. Vom gemeinsamen Kochen über Freunde treffen bis hin zum rauschenden Sex. "Der musste natürlich super sein, auch wenn wir gar keine richtige Lust hatten. Aber die Zeit lief ja", sagt eine Frankfurter Juristin, die zwei Jahre lang zu ihrem Freund nach London gependelt ist und im Rückblick sagt: "Wir haben uns beide richtig unter Druck gesetzt und uns erst nach Monaten gestanden, dass wir an manchen Wochenenden einfach nur Kuscheln wollten und Sex fast eine Pflichtübung war." Was für Außenstehende oft so exotisch-toll klingt - übers Wochenende an die Themse zu jetten -, sei in Wirklichkeit eine Strapaze gewesen. "Ich habe angefangen, diese Reiserei zu hassen und Zeit auf kalten Flughäfen zu verplempern. Und ich war heilfroh, als mein Freund wieder zurück nach Frankfurt gezogen ist", sagt die Sechsundzwanzigjährige.

Angela Beckmanns Partnerschaft scheiterte schließlich, versandete zwischen abgesagten Treffen. "Wann das anfing zu bröckeln, kann ich gar nicht mehr richtig sagen. Ich hatte schöne Einladungen in München und immer öfter keine Lust, nach Karlsruhe zu fahren, Tom musste aber für eine Maschinenbauklausur lernen. Irgendwann haben wir festgestellt, dass wir gar nicht mehr groß das Bedürfnis hatten, uns zu sehen." Andere Partner, so betont die angehende Romanistin, "waren aber nicht im Spiel". Beim nächsten Mann, seufzt sie, solle vor allem eines anders werden: "Ob blond, ob braun, das ist mir egal. Aber er soll bitte, bitte in München leben!"

Arbeitsmarkt zwingt zu diesem Lebensmodell

Freiwillig entscheiden sich die wenigsten für eine Fernbeziehung - der Arbeitsmarkt zwingt sie zu diesem Lebensmodell. Seit 1985 hat sich die Zahl der Distanzpaare in etwa verdoppelt, schreibt Alexandra Berger in ihrem Buch "Liebe aus dem Koffer". Kühle Karrieristen, denen der Erfolg über alles andere geht, seien das keineswegs, meint die Buchautorin, die selbst seit fünfeinhalb Jahren zwischen München und Hamburg reist: "Kaum ein Mobiler ist bereit, die räumliche Trennung länger als notwendig aufrechtzuerhalten und dadurch womöglich seine Partnerschaft aufs Spiel zu setzen."

Eine Gefahr der Dauerpendelei: Gemeinsamen Alltag gibt es nicht. Und damit auch keinen richtigen Testlauf, ob die Beziehung wirklich alltagskompatibel ist. Am Wochenende kommt ein lieber Gast, und in der anderen Stadt hat man sozusagen noch ein Feriendomizil. Die Sehnsucht wird auf kleiner Flamme gezündelt und wach gehalten. Aber das reale Leben des anderen rückt in weite Ferne. Gut beraten ist, wer den anderen, so gut es eben geht, in seinen Alltag mit einbindet, gemeinsame Rituale entwickelt und regelmäßig telefoniert. Damit tun sich viele Männer oft schwer. Teilen sie sich nicht mit, dann erwarten sie am Wochenende oft die Generalabrechnung und der Horrorsatz: "Liebling, wir müssen reden ..." Denn das ist eine Herausforderung für Fernliebende: ständig miteinander im Austausch bleiben. "Das Wichtigste ist Kommunikation, möglichst viel miteinander reden, sich auszutauschen über alles, sonst gibt es Missverständnisse. Was hört sie gerade für Musik? Ist er gut drauf? Was isst er gerne? Gerade Kleinigkeiten schaffen Intimität, Nähe und Vertrauen", sagt Alexandra Berger.

„Das kann seelisch überfordern“

"An zwei Orten leben zu müssen, sich doppelt zu Hause zu fühlen stellt schon eine ziemliche Anforderung dar und kann seelisch überfordern", sagt Gerhild von Müller. Die Kölner Paartherapeutin empfiehlt "kreative Lösungen". Wenn es sich um "eine Partnerschaft und nicht um eine Liebschaft" handele, sei es zum Beispiel "sinnvoll, das halbe Badezimmerschränkchen zu füllen". Es seien die Kleinigkeiten, die eine Wohnung gemütlich erscheinen lassen, das Lieblingskissen, das Paar Pantoffeln, Milch zum Frühstück - auch in der zweiten Wohnung. "Diese Details zeigen: Ich bin hier auch zu Hause, ich bin hier willkommen." Die Tipps der Psychotherapeutin sind praxiserprobt: Ihr Partner lebt in Bremen. Sie hat sich damit ganz gut eingerichtet und pflegt auch intensiv den Kölner Freundeskreis. Denn natürlich biete diese Lebensform auch Vorteile.

Zeit, sich dem Solo-Blues hinzugeben, hat auch Sofia Neubauer nicht. Die 27 Jahre alte Berliner Journalistin und ihr Freund, ein Ingenieur, pendeln seit neun Jahren durch halb Deutschland zueinander. "Ein Vorteil besteht darin, dass ich unter der Woche nicht unter Zeitstress gerate und den Arbeitsalltag nach Belieben gestalten kann. Als Berufsanfängerin kann ich mich voll auf die Arbeit konzentrieren. Wenn es abends spät wird, dann macht das nichts. Zu Hause wartet ja keiner." Die Nachteile wiege das aber bei weitem nicht auf. Den Alltag alleine zu stemmen findet die Historikerin "richtig blöd. Man muss alles selbst machen, Einkäufe, manchmal auch Umzüge." Und die Wer-fährt-zu-wem-Logistik nerve. "Er ist in A., ich bin in B., eingeladen sind wir in C. Dann wird überlegt, wo treffen wir uns. Das gleiche gilt für die Urlaubs- oder Weihnachtsplanung. Wenn man in unterschiedlichen Welten wohnt, kostet das doppelt so viel Kraft, zu planen."

Eindeutig "zu viel Kraft, Zeit und Geld" kostet es Judith Braun, jedes Wochenende die Strecke Hannover-Bamberg zu überwinden. Trotzdem guckt die Medizinstudentin jede Woche mit ihrem Freund gemeinsam den "Tatort". Die beiden telefonieren und kommentieren live die Krimiszenen. "Dazu gemeinsam auf dem Sofa zu kuscheln wäre natürlich schöner, aber unser Telefon-TV ist besser als nichts. Der Flatrate sei Dank."

Folgende Bücher sind informativ, unterhaltsam und kenntnisreich, denn die Autoren pflegen selbst Pendelbeziehungen:

- Alexandra Berger: Liebe aus dem Koffer.

- Lust und Frust in der Wochenendbeziehung. Kreuz-Verlag.

- Karin Freymeyer, Manfred Otzelberger: In der Ferne so nah. Lust und Last der Wochenendbeziehungen. Ch.-Links-Verlag.

Text: F.A.Z., 13.01.2007, Nr. 11 / Seite C6
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow

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