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Längere Vorlesungszeit

Die Kalenderreform der Universitäten

Von Jürgen Kaube



Geht es nach der HRK soll die Vorlesungszeit künftig einen Monat länger dauern
13. März 2008 
Die Bezeichnung „Semesterferien“ gefällt vielen Hochschullehrern nicht. Denn die vorlesungsfreie Zeit bedeutet für viele von ihnen alles andere als Urlaub: Prüfungen, Gutachten, Lektüre von Qualifikationsarbeiten, Tagungsbesuche, von Forschung ganz zu schweigen. Zu ihr, der Forschung, zu kommen, ist besonders unter den Umständen von Exzellenzinitiative und Studienreform schwieriger geworden. Oft geht es nur noch in den Semesterferien. Das klingt paradox. Forschungsförderung erschwert Forschung?

Nur ein Beleg: Auf einer Tagung am Wissenschaftszentrum Berlin über Forschen und Publizieren im „Zeitalter der Exzellenz“ hat aber dieser Tage der „Principal Investigator“ - was es alles gibt! - des Konstanzer Exzellenz-Clusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“, der Germanist Albrecht Koschorke, berichtet, dass man dort seit sechzehn Monaten überwiegend mit Personalauswahl und in Baukommissionen beschäftigt ist. An die Stelle des Lesens und Nachdenkens tritt so beispielsweise das Heraussuchen von Teppichböden für neue Büros - oder die Auswahl von Leuten, die es für einen tun sollen. Außerdem, so Koschorke, fielen beim Weg zur Exzellenz viele „Freundschaftskosten“ an. Wollte sagen: Man wird so oft begutachtet, erhält Unterstützung, bekommt Hinweise auf Personal, das man braucht, dass dann irgendwann die Rechnung fällig wird und die Freunde ihrerseits solche Freundschaftsleistungen beim Akkreditieren, Evaluieren und Gutachtenschreiben einfordern.

Semesterferien als Mobilitätshemmnis

Als würde diese Beglückung der exzellenten Forscher durch institutionalisierten Zeitfraß nicht genügen, betreibt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) seit 2006 noch ein Projekt mit ähnlicher Wirkung. Beseitigt werden sollen die laut dem amerikanischen Soziologen Daniel Bell drei besten Argumente zugunsten einer Tätigkeit an der Universität: Juli, August und September. Denn man hat festgestellt, dass Länge und Lage der deutschen Semester international ein Mobilitätshemmnis darstellen. Die Vorlesungszeiten des deutschen Wintersemesters, wie es soeben zu Ende gegangen ist, zwischen Mitte Oktober und Mitte Februar, passen nicht zu den allermeisten europäischen Nachbarn. Dort beginnt nämlich spätestens Mitte Februar schon wieder der Lehrbetrieb.

Die HRK schlägt deshalb vor, statt der Sommer- und Wintersemester bis zum Jahr 2010 Frühjahrs- und Herbstsemester einzuführen. Die Vorlesungszeit der Letzteren soll dann in der ersten Septemberwoche beginnen und spätestens Ende Januar, frühestens kurz vor Weihnachten vorüber sein. Im Frühjahrssemester soll entsprechend von Anfang März bis Ende Juni unterrichtet werden. Bislang war eine Zeit beispielsweise von Mitte April bis Mitte Juli üblich.

Eine Reform kommt selten allein

Die offizielle Begründung lautet, wie gesagt, dass sich durch einen uneinheitlichen europäischen Universitätskalender die Studiendauer derjenigen verlängere, die ins Ausland oder vom Ausland zurück nach Deutschland gewechselt haben. Das hält die HRK in ihrer Erklärung vom Mai vergangenen Jahres „für auf Dauer nicht hinnehmbar“. Sie verweist dabei auf eine Erklärung des Verbunds der Europäischen Universitäten (EUA) von 2005, in der es jedoch nur heißt, die Frage der Synchronisierung des akademischen Kalenders sei zu stellen.

Die HRK hält sie aber schon für beantwortet: Eine Kalenderreform muss her, die deutschen Hochschulen haben ja noch nicht genug Reformen zu bewältigen. Informationen darüber, wie groß diese Opfergruppe der bisherigen Semesterzeiten denn ist, werden aber genauso wenig mitgeteilt wie einst beim inzwischen wieder aus dem Verkehr gezogenen Argument, die Einführung des Bachelor erhöhe die europäische Mobilität der Studierenden.

Einen Monat länger studieren

Tatsächlich würde sich durch diese Reform die Vorlesungszeit an deutschen Hochschulen um mindestens einen Monat verlängern. Von einer Harmonisierung der Lehrdeputate, also der Pflichtstunden des wissenschaftlichen Personals an deutschen Universitäten mit dem restlichen Europa ist allerdings in den Erklärungen der HRK bislang nicht die Rede gewesen. Die Rektoren wissen wohl, dass die deutschen Lehrdeputate weltweit zu den höchsten gehören. Durch den neuen Semesterkalender steigen sie weiter. Hat man sich schon einmal gefragt, ob die vielbeklagte Reserviertheit ausländischer Wissenschaftler, an eine hiesige Universität zu kommen, auch mit solchen Umständen zusammenhängt? Und die massive Abwanderung junger Forscher in andere Länder?

Die spektakuläre Absenkung der durchschnittlichen Professorengehälter im Rahmen der sogenannten „W-Besoldung“ wurde unter dem Titel „leistungsorientierte Bezahlung“ ohne jeden nennenswerten Widerstand durchgesetzt. Inzwischen aber dürften die Folgen längst auch bei Rektoren angekommen sein. Wer findet sich denn noch in Fächern, für die es andere Arbeitsmärkte als die akademischen gibt, und wählt eine wissenschaftliche Laufbahn? Warum sollten ausgerechnet die besten Begabungen in Gehalts- und Arbeitszeitfragen die naivsten Personen sein? Wir marschieren in diesem Land auf drastische Probleme bei der Rekrutierung von wissenschaftlichem Nachwuchs zu, und die selbsternannten Promotoren des Reformprozesses haben nichts Besseres zu tun, als die Lage zusätzlich zu verschärfen. Und das nur, um einem Wort wie „europäische Mobilität“ zu huldigen, von der niemand prüft, wie groß die Probleme damit eigentlich sind.

Um die Folgen einer zusätzlichen Deputatserhöhung durch den neuen Semesterkalender abzuschätzen, kann man einen Blick auf die Überlebensstrategien der sogenannten „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“ werfen, der jüngsten Innovation im Kampf um die Bewältigung der Reformen. Denn so wie diese Lehrsklaven, mit Deputaten bis zu sechzehn Stunden, wird sich auch der zusätzlich in die Pflicht genommene Hochschullehrer verhalten: Seine Lehre wird sich auf Angebote beschränken, die weniger Vorbereitung benötigen, auf das Lesen von Standardvorlesungen, auf die Lehre aus der Konservendose, die Wiederholung dessen, was ohne Aufwand an Vorbereitung mitgeteilt werden kann. Dieselben Leute, die dieses Problem durch blindes Reformieren hervorbringen, fordern dann einen Tag später eine Exzellenzinitiative für die Lehre. Man kann Wissenschaftler verstehen, die sagen: Es ist zum Davonlaufen.

Text: F.A.Z., 13.03.2008, Nr. 62 / Seite 37
Bildmaterial: dpa
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [3]
Wer reformiert die Reformer? 14.03.2008, 12:02
Mobilität oder Ausbeutung? 13.03.2008, 17:01
Schritte hin zur (weiteren) Provinzialisierung der deutschen Wissenschaft 13.03.2008, 16:22
 

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