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Turbo-Studenten

Auf der Überholspur zum Examen

Von Nina Brodbeck

Auf die Plätze, Prüfung, los!

Auf die Plätze, Prüfung, los!

06. Dezember 2007 

Ginge es um Autos, wäre er ein Prototyp für das Topmodell, das mit dem Turbo. Andreas Bodmeier weiß genau, was er werden will: Investmentbanker. Schon mit 16 Jahren hat er mit Aktien gehandelt, und während sich viele seiner Altersgenossen durch die Wirrungen der Pubertät kämpften, lernte er in Praktika die Welt der Börse kennen. Heute ist er 19 Jahre alt und sich nicht nur über seinen Berufswunsch im Klaren - er weiß auch genau, wie er sein Ziel erreichen will. Seit drei Semestern studiert der in den Vereinigten Staaten geborene Deutsche an der Freien Universität Berlin Physik und parallel dazu an der Fernuniversität Hagen Wirtschaftswissenschaften. "Mit dieser Kombination kann man fast alles machen - auch in der freien Wirtschaft", sagt er. Das Fernstudium hat für ihn den Vorteil, dass er das Lehrmaterial zugeschickt bekommt und sich deshalb die Lernzeiten frei einteilen kann. Lediglich am Ende des Semesters gibt es fixe Klausurtermine.

Zeitmanagement ist Bodmeier wichtig, schließlich will er die beiden Bachelor-Studiengänge in zweieinhalb Jahren abschließen statt in drei, wie es die Regelstudienzeit vorsieht. Das gewonnene halbe Jahr vor dem Master-Studium will er nutzen, um noch ein paar Praktika zu machen oder seine Firma auszubauen. Denn der umtriebige Student ist unter die Gründer gegangen. T-Shirt-Druck im großen Stil lautet die Geschäftsidee, die er bereits zu Schulzeiten hatte und die er nun mit vier Kommilitonen verfolgt. Kennengelernt haben sich die fünf bei "Profund", der Gründungsförderung der FU.

Schon während der Schulzeit anfangen

Klaus Hurrelmann spricht von der “pragmatischen Generation“

Klaus Hurrelmann spricht von der "pragmatischen Generation"

Doppelstudium, Auslandspraktika, Firmengründung - Turbo-Student Bodmeier hat seinen Weg in die Zukunft minutiös geplant und scheint damit ein typischer Vertreter jener Jugendlichen zu sein, die der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann in der Shell-Jugendstudie als die "pragmatische Generation" bezeichnet. Wie der Jugendforscher erklärt, sind sich diese 12- bis 25-Jährigen "sehr bewusst, dass die Einmündung in die Ausbildung und in die Berufswelt heute für viele äußerst schwierig und unsicher ist". Gerade wegen dieser ungünstigen Ausgangssituation seien sie sehr leistungsorientiert. "Die große Mehrheit ist der Auffassung, in ihre eigene Bildung zu investieren lohne sich", sagt Hurrelmann. "Sie hoffen, so eine Chance zu haben und trotz der von ihnen gefühlten Grundunsicherheit durchzukommen."

Das Spitzentuning fängt bereits am Ende der Schulzeit an. So wählen viele Abiturienten das Studienfach nicht nach ihren Neigungen aus, sondern weil sie sich damit die größten Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechnen. Die Schattenseiten dieser "Durchhaltementalität", wie Hurrelmann sie nennt, sind Leistungsdruck und Ängste. So klagt bereits jeder siebte Student über Burn-out-Symptome wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Versagensängste und Depressionen. Unipsychologen verzeichnen einen erhöhten Beratungsbedarf, und die studentischen Sozialberater der Berliner Humboldt-Universität (HU) haben ihre Sprechstunde intern gar in "allgemeine Überforderungsberatung" umgetauft. Vor allem viele Bachelor-Studenten fühlen sich offenbar durch die zeitlichen Anforderungen des Studiums so überlastet, dass sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. "Bei denen geht nichts mehr", berichtet Kolja Fuchslocher, der seit 2000 in der HU-Sozialberatung arbeitet.

Doktorarbeit und Habilitation in sieben Jahren

Zu dem hohen Arbeitspensum geselle sich vielfach die Unsicherheit darüber, welche Kriterien später bei der Zulassung zum Master-Studium gelten, erklärt Kolja Fuchslocher. "Immer wieder ist zu hören, dass es nur so wenige Master-Studienplätze geben wird und die Konkurrenz groß ist. Also sagen sich die Studenten: Ich muss der Beste sein, ich muss ganz schnell sein, ich muss meinen Professoren gefallen." Gelebt werde dann quasi nur noch für den Lebenslauf.

Eine "Kurzschlusseinschätzung" nennt Jugendforscher Hurrelmann dieses Verhalten. Denn zahlreiche Studien belegen: Wenn strategische Überlegungen zur Wahl des Studienfaches geführt haben, überstehen Studenten Durststrecken nur schwer, die Abbrecherquote ist hoch. Dagegen sind sie in den Fächern am stärksten, die ganz ihren Interessen und Wünschen entsprechen. Doch das allein reicht längst nicht. "Das Umfeld muss stimmen", weiß Franziska Völckner - mit nur 30 Jahren Deutschlands jüngste Wirtschaftsprofessorin am neuen Kölner Lehrstuhl für "Marketing und Markenmanagement" - aus eigener Erfahrung. Die Betriebswirtschaftlerin fühlte sich in jeder Hinsicht gefördert, als sie am "Lehrstuhl für Marketing und Branding" an der Uni Hamburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitete. "Ich konnte Netzwerke knüpfen, im Ausland forschen, mein eigenes Lehr- und Forschungsprofil aufbauen und wurde von meinem damaligen Professor immer voll unterstützt." In nur sieben Jahren brachte sie Doktorarbeit und Habilitation hinter sich.

Ausgleich ist wichtig, wenn es sonst schnell gehen muss

Wer einen derart rasanten Aufstieg in den Olymp der Wissenschaften vorhat, braucht wie Völckner Begeisterung fürs Fach, Zielstrebigkeit, Selbstmarketing, eine gehörige Portion Ehrgeiz und muss außerdem bereit sein, viel Freizeit der Karriere zu opfern. 70- bis 80-Stunden-Wochen waren für die Hamburgerin keine Seltenheit. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außerhalb der Uni? "Auf jeden Fall", sagt Völkckner, "das ist als Ausgleich auch unbedingt nötig." Ihr Hobby ist das Zaubern vor Freunden und Kollegen. Sage noch einer, Geschwindigkeit sei keine Hexerei!

Holger Walther, seit 13 Jahren psychologischer Berater an der Humboldt-Universität, würde Völckner vermutlich zustimmen. Wer im Studium ein hohes Arbeitspensum zu bewältigen hat, soll sich seiner Meinung nach nämlich unbedingt Zeit nehmen - Freizeit. Um Freunde zu treffen, Sport zu treiben, Musik zu hören, den Kopf frei zu bekommen. "Manchmal wollen Studenten, dass ich ihnen Entspannungstechniken zeige, oder sie fragen, welche Musik sie hören sollen, um runterzukommen", berichtet der Psychologe. "Ich sage dann: Sie hören doch Musik! Nehmen Sie einfach die!" Denn das, woran man Freude habe, sei der beste Ausgleich für Körper und Seele. Besonders dann, wenn es mal wieder schnell gehen muss.

Im Schnelldurchgang:

- Wer schnell sein will, muss sein Studium in weniger als zwölf Fachsemestern zu Ende bringen - so lange brauchen deutsche Uni-Studenten laut Hochschul-Informations-System durchschnittlich bis zum Abschluss. Der Wert hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum geändert, durch die Einführung der Bachelor- und Master-Struktur soll er sinken.

- Die Beratungsstellen des Studentenwerks helfen bei Prüfungsdruck und Versagensangst - nicht nur, wenn der Zeitplan zu eng gesteckt war. Informationen im Internet unter: www.studentenwerke.de

- Mit einem Stipendium studiert sich's leichter. Mehr über die Arbeit der deutschen Begabtenförderungswerke unter: www.stipendiumplus.de

Text: F.A.Z., 01.12.2007, Nr. 280 / Seite C8
Bildmaterial: Fotolia, picture-alliance/ dpa

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