Von Nina Rehfeld, Santa Fe
16. Januar 2008Das St. John's College ist eine der bemerkenswertesten Bildungseinrichtungen der Vereinigten Staaten. Auf den zwei Campi in Annapolis und Santa Fe gibt es keine Vorlesungen und keine Wahlfächer, keine Lehrbücher oder Examina. Hier soll das kritische Denken gelernt werden, und zwar unter Anleitung der herausragendsten Intellektuellen der vergangenen drei Jahrtausende.
In einer akademischen Interpretation des lutherischen Ideals beschränkt sich der Lehrplan auf die Werke der prägenden Denker der westlichen Zivilisation. Vier Jahre lang arbeiten sich die 450 Studenten durch 2500 Jahre Geistesgeschichte, von Platons Politeia bis Tolstois Krieg und Frieden, von Bachs Matthäuspassion bis Einsteins Relativitätstheorie, von der Bibel bis zu den Arbeiten von Watson und Crick. Sekundärliteratur ist verpönt, hier lernt man Griechisch und Französisch, mitunter auch Latein und Deutsch, um sich aus erster Hand mit den Werken zu beschäftigen.
In Amerika ist dieser Bildungsansatz unerhört. Höhere Bildung ist teuer, die meisten Eltern sparen seit der Geburt ihrer Kinder aufs College, und das Studium wird als Mittel zu einem lukrativen Job betrachtet, die hohen Investitionen sollen sich lohnen.
Bildung um ihrer selbst willen gilt bestenfalls als dekadenter Luxus. Das schlägt sich nicht zuletzt in den schwachen Bildungsstandards des öffentlichen amerikanischen Schulsystems nieder, in dem es, wenn man den jüngsten politischen Bildungsinitiativen folgt, vor allem um internationale wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit geht.
In St. John's dagegen werden die mathematischen Beweise von Euklid zu dem Zweck auf ihre Standfestigkeit abgeklopft, die Grundpfeiler des modernen Denkens selbst zu erkunden - wenn auch auf amerikanisch-lockere Art. Auf den ersten Blick wirkt es fast absurd: Schüler, die zumeist aus einem allenfalls mediokren Bildungssystem entlassen wurden, lesen mit notdürftiger Sprachausbildung Griechisch und Französisch, diskutieren Plato und Einstein, analysieren Bach und da Vinci - und zwar mehr oder minder ohne jegliche akademische Anleitung. Denn die Dozenten, die sich hier bescheiden Tutoren nennen und über ihre akademische Spezialisierung hinaus Philosophie, Mathematik und Sprachen unterrichten, begreifen sich selbst als Lernende.
Das Resultat ist bisweilen beeindruckend. So stehen die Studenten des Junior Laboratory bei der Diskussion von Huygens' Abhandlung über das Licht plötzlich vor dem Problem, Licht als Wellen oder Teilchen zu begreifen. Mit Skizzen an der Tafel und engagierten Debatten versuchen sie wechselseitig, ein lästiges intellektuelles Hindernis sauber zu überwinden. Manchmal ist es weniger berückend - wenn etwa im Renaissance-Seminar zwei Stunden lang ziellos über die Diskrepanzen zwischen Leonardo da Vincis Anmerkungen über die Malerei und einigen seiner Werke diskutiert wird. Der Tutor lenkt die Diskussion nicht, auf die Frage, ob das Gemälde des heiligen Jerome unvollendet sei, antwortet er: Könnte sein. Was meint ihr? Am Ende bleiben die Anmerkungen bloß unschlüssig im Raum stehen.
Doch man setzt in St. John's ungeniert auf die Fähigkeit des Einzelnen, auch große Probleme der westlichen Geistesgeschichte eigenständig zu durchdringen. Gemeinsam vollziehen Studenten und Tutoren an der Tafel Euklids mathematische Beweise nach und lesen beim Hören von Bachs Matthäuspassion die Partitur mit. Noch nach Seminarschluss wird an der Tafel in der Cafeteria weiter nachgedacht.
Was hier passiert, ist freilich kein verspieltes Bildungsexperiment. St. John's ist eine der teuersten Universitäten des Landes - 45.000 Dollar im Jahr müssen die Studenten inklusive Kost und Logis für ein Studium generale ohne fachliche Spezialisierung aufbringen. Auf die Frage nach dem Warum bekommt man hier wieder und wieder dieselbe Antwort: aus Lust an einer intellektuellen Grundausbildung.
Was wir hier machen, ist eigentlich humanistisches Gymnasium aus dem neunzehnten Jahrhundert, sagt Ingo Farin, der einzige Deutsche der Fakultät. Seit sechs Jahren lehrt der gebürtige Angermünder in Santa Fe. Farin ist Doktor der Philosophie, doch derzeit sitzt er über einer Vielzahl mathematischer Probleme. Wie alle Dozenten in St. John's unterrichtet er ungeachtet seiner akademischen Spezialisierung Philosophie, Mathematik und Sprachen. Mit allen Konsequenzen.
Wenn ich abends zwei Stunden über einer Differentialgleichung brüte und weiß, dass mindestens zwei meiner Studenten das in zehn Minuten schaffen, ist das frustrierend. Trotzdem nennt Farin das Lernen mit den Studenten eines der besten pädagogischen Konzepte, die er kennt.
Für Menschen wie Farin, die vorab über eine solide Bildung verfügten, gilt das sicher ebenso wie für jene jungen intellektuell Neugierigen, die das College anzuziehen hofft. Doch nicht wenige Studenten scheitern an dem Programm, das einen hohen individuellen Tribut fordert und eine Lerneinstellung voraussetzt, wie sie heute kaum noch gepflegt wird.
Trotz der Abwesenheit von Zensuren und herkömmlicher Leistungsüberprüfungen werden zehn bis fünfzehn Prozent eines Jahrgangs zu Beginn des zweiten Jahres wegen Nichteignung vom Campus verwiesen. Dies ist eine kommunale, auf Diskurs basierende Lernerfahrung, erklärt Victoria Mora, Yale-Absolventin und Dekanin von St. John's. Wer mit dem Lesestoff in Verzug gerät, kann kaum aufholen, und wer die Diskussionen, mit denen wir uns das Material erschließen, nicht bereichern kann, ist hier fehl am Platz. Auch in dieser Hinsicht dürfte St. John's unter den Privatuniversitäten Amerikas, die immerhin auf die Gelder ihrer Studenten angewiesen sind, ein Unikum sein.
Es ist nicht ohne Ironie, dass das Great Books Curriculum 1937 eingeführt wurde, weil das 1784 gegründete College in Annapolis vor dem finanziellen Ruin stand. Der Historiker Stringfellow Barr und der Philosoph Scott Buchanan entwarfen das rettende Konzept, das auch deswegen großen Anklang fand, weil es der Antike auf ähnliche Weise huldigt wie die Architektur von Washingtons Regierungsgebäuden - man probte den direkten Rückbezug auf die Grundpfeiler der westlichen Zivilisation. Bis heute wird das Great Books Curriculum, seit 1964 auch in Santa Fe, fast unverändert gelehrt. Manche Johnnies sehen sich deshalb als intellektuelle Elite, den Faktenfressern aus Yale und Harvard an geistiger Tiefe, aber auch an Diskursfähigkeit überlegen.
Man verlässt das College nicht mit der Fähigkeit, Brücken oder Straßen zu bauen, sagt Steve Bohlin, der 1982 seinen Bachelor of Arts in St. John's erhielt und anschließend als Investment-Banker an der Wall Street Karriere machte. Man verlässt es mit der Fähigkeit zu lernen. Zu den Absolventen des College zählen unter anderen Kongressabgeordne, Unternehmer, Komponisten. Der Gründer von Atlantic Records, Ahmed Ertegün, studierte hier ebenso wie der berühmte Quizshow-Betrüger Charles van Doren, den Robert Redford 1994 in seinem Film Quiz Show verewigte.
Doch elitär ist St. John's allenfalls dem Ansinnen nach. In der Fakultät finden sich mit einem ehemaligen Cowboy, einem vormaligen Model, einer Ex-Bankangestellten sowie einem Dichter erstaunlich unterschiedliche Biographien. Der Präsident Michael Peters machte eine mehr als fünfunddreißigjährige Militärkarriere, bevor er seinen Job in St. John's antrat, und die Dekanin Victoria Mora ist die erste Akdemikerin in ihrer mexikanischstämmigen Familie.
Auch unter den Studenten finden sich die verschiedensten sozialen Hintergründe. Manche haben einige Semester an renommierten Universitäten studiert, andere kommen direkt von der Highschool, wieder andere haben nach der Heimschulung einen Ersatz-Schulabschluss, das sogenannte General Educational Diploma, abgelegt. St. John's beurteilt seine Studenten nicht nach akademischer Vorleistung. Die Ergebnisse der scholastic aptitude tests, sonst Grundlage für die Uni-Zulassung, interessieren hier ebensowenig wie Zensurenschnitte oder Referenzschreiben. Stattdessen wird die Eignung der Bewerber anhand von drei Aufsätzen beurteilt, die sie verfassen müssen - unter anderem über die Stärken und Schwächen ihrer bisherigen Bildung.
In diesem Gesamtrahmen muss man wohl auch den Bildungsanspruch von St. John's sehen. Bisweilen wirkt es, als wolle man hier wettmachen, was das öffentliche amerikanische Schulsystem seinen Schülern an humanistischer Bildung versagte. Doch am Ende streift man am St. John's College auch nur die Kernpunkte.
Text: F.A.Z., 16.01.2008, Nr. 13 / Seite 40
Bildmaterial: Christopher Quinn