Studiengebühren

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Von Nina Trentmann

500 Euro kostet das Studium, 500 Euro bringt das Stipendium

500 Euro kostet das Studium, 500 Euro bringt das Stipendium

13. September 2008 

Inga Winkel kann ihren Stolz nicht verbergen. „Ich habe viel dafür getan. Da sollen mich die anderen ruhig für eine Streberin halten,“ sagt die 25 Jahre alte Studentin. Wegen ihrer guten Noten hat sie ein Stipendium bekommen. Jetzt ist sie im dritten Semester, die restlichen fünf Semester bis zum Bachelor-Abschluss im Fach „Soziale Arbeit“ sind für sie kostenlos. Aber ihr Stipendium kommt weder von einer politischen noch konfessionellen Stiftung und auch nicht von der Stiftung des Deutschen Volkes, sondern von ihrer eigenen Hochschule, der FH in Münster.

Dort wurde im Herbst 2007 eine Stiftung gegründet, in der ein Teil der Studienbeiträge angelegt wird. Von den Erträgen werden unter anderem besonders gute Studenten wie Inga Winkel gefördert. Die ersten 100 Stipendien sind inzwischen schon vergeben. Auch die Universität Duisburg-Essen hat eine ähnliche Stiftung gegründet. Die Idee hat Charme: Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, der die FH Münster in der Sache beraten hat, rechnet damit, dass in Zukunft noch mehr Hochschulen folgen.

Der Asta klagt gegen das Stipendienmodell

Für gute Studenten ist Münster billiger

Für gute Studenten ist Münster billiger

Damit die Stiftung in Münster gegründet werden konnte, musste allerddings erst das nordrhein-westfälische Studienbeitragsgesetz geändert werden. Die ursprüngliche Fassung erwähnte diesen Verwendungszweck der Beiträge nicht. Um ganz sicher zu gehen, dass die Stiftungen auch dem Gesetz entsprechen, machte sich der Rektor der FH Münster, Klaus Niederdrenk, für eine explizite Nennung im Gesetz stark – mit Erfolg. Das Gesetz wurde zum 1. Januar 2007 geändert, der Gründung der Stiftung stand nichts mehr im Wege. „Mit der Stiftung wollen wir einen Teil der Beiträge dem Zugriff des Landes entziehen“, erläutert Niederdrenk, der wie viele andere Hochschulrektoren glaubt, dass die Landesregierung auf kurz oder lang die Mittel für die Hochschulen kürzen wird, das Stiftungsmodell. Zwei Millionen Euro sollen bald eingezahlt sein. So will Niederdrenk sicher stellen, dass von den Studienbeiträgen langfristig etwas bleibt. „Der Gedanke ist, mehr finanzielle Autonomie für eine möglichst nachhaltige Förderung der Lehre zu gewinnen“, sagt Stefan Stolte, der Leiter der Abteilung Hochschulstiftungen im Stiftverband.

Sowohl die Hochschulleitung als auch die studentischen Vertreter gaben ihre Zustimmung zur Gründung der Stiftung im Münsteraner Senat. Dennoch kritisiert der Asta die Stiftung heute: „Das Geld ist für die meisten Studenten weg. Davon hat nur eine kleine Gruppe etwas“, sagt zum Beispiel der Asta-Vorsitzende Altan Ari. Deshalb klagt der Asta jetzt gegen die Verwendung von Studienbeiträgen für die Stiftung. Der „Freie Zusammenschluss der Studentinnenschaften“ kritisiert die Stipendien aus Studiengebühren seinerseits als „Pervertierung hoch zehn.“

Gute Noten und soziales Engagement

Auch Inga Winkel hat ihre Probleme mit der Stiftung, obwohl sie persönlich davon profitiert. Viele ihrer Kommilitonen müssten neben dem Studium viel arbeiten, um die Studiengebühren zahlen zu können und hätten deshalb oftmals nur durchschnittliche Noten. „Die haben ja gar keine Chance, das Stipendium zu bekommen“, sagt Winkel. Rektor Niederdrenk weist diese Kritik von sich. „Es waren ganz klar die beteiligten Studenten, die den Fokus auf Leistung wollten“, sagt er. „Außerdem heißt überdurchschnittlich ja nicht, dass nur die Spitze etwas bekommt.“

Tatsächlich gibt es in Münster keinen festgelegten Notendurchschnitt, der für ein Stipendium gefordert wird. Je nach Fachbereich sind die Anforderungen unterschiedlich hoch. Auch hat nicht jeder Fachbereich gleich viele Stipendien zu vergeben. Wer sich neben dem Studium sozial engagiert, kann damit sogar etwas schlechtere Noten ausgleichen. Bei Inga Winkel stimmten beide Kriterien, sie hatte gute Noten und arbeitet daneben für ein Kinder-und Jugendtheater.

Neben den Leistungsstipendien werden so genannte Schwerpunktstipendien vergeben, deren Schwerpunkt jährlich geändert werden kann. In diesem Jahr konnten sich Nicht-EU-Ausländer bewerben. „Sie sind besonders benachteiligt: Sie müssen Studiengebühren bezahlen, können aber kein Darlehen der NRW-Bank bekommen“, sagt Klaus Niederdrenk. Die Förderung gleiche also Ungerechtigkeiten des Gesetzes aus. Nächstes Jahr könnten weibliche Studenten in technischen Fächern profitieren, die Entscheidung darüber steht aber noch aus.

Studenten und Professoren treffen die Vorauswahl

In jedem Fachbereich trifft ein Vierergremium aus zwei Professoren und zwei Studenten eine Vorauswahl der künftigen Stipendiaten. Die Bewerbungen werden entweder als „förderungswürdig“ oder als „besonders förderungswürdig“ eingestuft; wer tatsächlich ein Stipendium bekommt, das hängt von der Abstimmung im Stiftungsrat ab. Dort sitzen vier Studenten, zwei Hochschulvertreter und zwei Externe. „Einer der Externen fehlt bislang noch, die Studenten sind also in der Überzahl“, präzisiert Klaus Niederdrenk. Zahlen müssen die Stipendiaten übrigens trotzdem: den Semesterbeitrag und die Studiengebühren, die Hochschule überweist ihnen erst anschließend 500 Euro zurück.

Die Idee, die in Münster und an der Universität Duisburg-Essen bundesweit erstmals umgesetzt wird, stößt auch in anderen Bundesländern auf Interesse. Klaus Niederdrenk berichtet von vielen Nachfragen, bei Stefan Stolte rufen ebenfalls viele Rektoren an. „Ich weiß von zahlreichen Universitäten, die gerne eine solche Stiftung einrichten würden“, sagt er. In Niedersachsen arbeite der Verband gerade auf eine ähnliche Änderung des Studienbeitragsgesetzes wie in Nordrhein-Westfalen hin. Fünf Hochschul-Stiftungen könnte es bald in Niedersachsen geben, schätzt Stolte, und in Nordrhein-Westfalen wird die Technische Universität Dortmund vermutlich die nächste Hochschule mit Stipendienstiftung sein, jedenfalls wird dort schon seit Monaten intensiv darüber diskutiert.

Zwei Millionen Euro bis Ende des Jahres

Knapp drei bis fünf Monate braucht die Stiftungsaufsicht aus dem Wissenschafts- und Innenministerium in Nordrhein-Westfalen für die Prüfung der Satzung. Aus ihr muss ersichtlich werden, dass die Hochschule und die Studenten maßgeblichen Einfluss auf die Stiftung ausüben, um den Missbrauch der Gelder zu vermeiden. Die Verwaltung übernimmt im Münsteraner Fall derzeit der Stifterverband. Gegen ein Entgelt erledigt die Tochterfirma des Verbands, das Deutsche Stiftungszentrum, die Buchhaltung und die Ausschreibung der Stipendien. Wie viel die FH dafür zahlt, will sie nicht bekanntgeben; der Betrag sei aber nicht geeignet, um große Gewinne damit zu machen, beruhigt der Stiftverband.

Sowohl die FH Münster als auch die Universität Duisburg-Essen sind noch dabei, den Grundstock für ihre Stiftung zu legen. Deshalb sind in Duisburg-Essen bislang noch keine Stipendien vergeben worden. Ende des Jahres sollen aber auch hier zwei Millionen Euro eingezahlt sein. „Dann wollen wir auch die ersten Ausschüttungen tätigen“, sagt Ingrid Lotz-Ahrens, die Prorektorin für Ressourcenplanung. Fünf Prozent der Einnahmen aus Studienbeiträgen gehen in die Stiftung, bei 30 000 Studenten sind das immerhin knapp 750 000 Euro. Die FH Münster kann schon jetzt Stipendien vergeben, weil laut Gesetz dürfen bis zu 15 Prozent aus dem Stiftungskapital entnommen werden dürfen – vorausgesetzt, sie werdens päter zurückgezahlt. Maximal 20 Prozent ihrer Einnahmen aus Studiengebühren dürfte die Fachhochschule insgesamt in der Stiftung einlagern.

Alternative aus Offenburg

Dass es auch ohne Stiftung geht, zeigt derweil die Hochschule Offenburg. Dort werden etwa 30 bis 40 Hochbegabte von Studiengebühren befreit, ab einem Abi-Schnitt von 1,3 gibt es das Grundstudium umsonst. Für das kostenlose Hauptstudium verlangt die Hochschule eine 1,3 in der Zwischenprüfung. Der Vorschlag stammt von der Arbeitsgemeinschaft zur Verwendung der Studiengebühren. Auch einige hessische Universitäten befreien besonders gute Studenten von den Gebühren, rückwirkend für die vergangenen beiden Semester – inzwischen sind die Gebühren dort ja komplett gekippt. In Marburg sollen zum Beispiel zehn Prozent aller Studenten ihr Geld zurückbekommen. Die Asta-Vorsitzende Julia Flechtner kritisiert dies jedoch als „Umverteilung von unten nach oben“.

An einem Punkt treffen sich Förderer und Kritiker in Münster: Beide Seiten wünschen, dass sich regionale Unternehmen an der Stiftung beteiligen. Geld von außen anzuziehen sei ein wichtiges Ziel der beiden Hochschulen, sagt Stefan Stolte vom Stiftverband. „Wenn der Grundstock erreicht ist, zieht das hoffentlich privates Kapital an.“ Vielleicht freundet sich dann ja sogar der Asta mit den Stipendien an.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Fotolia

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