Mindestens eine der frischen Ideen könnte einst ein helles Licht auf die Veranstaltung werfen. In einer Sommerschule, irgendwo zwischen Hof, Budapest und Frankfurt am Main, so könnten die Zeitungen schreiben, ist 2007 ein entscheidender Gedanke gefasst worden, der die Misere der Sockelarbeitslosigkeit beendet hat. Nichts weniger als das. Die Bühnenpräsentation vor Fachleuten am letzten der neun arbeitsreichen Tage hat jedenfalls gesessen. Arbeit für die Arbeitsagentur Es heißt, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, habe seine Mitarbeiter beauftragt, den Einfall zu durchdenken: Kann mit einem Niedriglohn-Zertifikat ein Unternehmen dazu gebracht werden, mit jedem Arbeitsplatz für Hochqualifizierte auch einen für weniger gut qualifizierte Menschen zu schaffen – oder eben ein Zertifikat von einem anderen Unternehmen zu kaufen, das mit dem Geld Stellen schafft? Arbeitslosigkeit als externer Effekt, eingerechnet in die Kosten der Firma? Der Einfall lässt sich spontan nicht entkräften. Ein schöner Erfolg – nicht nur für die studentischen Urheber. Denn genauso hatten sie sich das ja vorgestellt: die Commerzbank, die ihren Kunden eine Plattform schaffen wollte, der wissenschaftliche Beirat, der für die Qualität der Arbeit und ein Exkursionsprogramm mit hochkarätigen Gesprächspartnern bürgen sollte, die 43 Mittelständler, die für die Teilnahme 10.000 Euro oder mehr bezahlt hatten, um an die talentierten Fachkräfte von morgen heranzukommen. Bei der Bearbeitung der drei Leitthemen Wissen, Werte und Arbeit wollten sie keine Vorgaben machen, aber doch bitte schön am Ende Ergebnisse sehen. Meine Privat-Uni, mein Cambridge, meine goldene Zukunft Elitenetzwerk für den Mittelstand“, so wurde der Campus“ etwas hochtrabend genannt. Nun ja, Marketing. Doch einige der 55 Studenten, die sich mit erstklassigen Leistungen und einem Motivationsschreiben bewerben mussten, nahmen’s wörtlich und setzten sich unter den Gleichaltrigen mächtig in Szene: meine Privat-Uni, mein Cambridge, meine goldene Zukunft. Aber das Geplustere hat sich in Warschau gelegt“, erzählt die 26 Jahre alte Politik-Studentin Friederike Hoffmann aus Berlin, die sich durch ihre Aufenthalte in Amerika und der Türkei sowie ihre Arbeit bei internationalen Organisationen in Bosnien empfohlen hatte. Ich hatte nicht das Gefühl, neun Tage auf einem Assessment-Center zu sein.“ Zwar sei die Binnendynamik der Gruppe nicht so ohne gewesen – manche hätte sicher gerne gleich einen Job bekommen“ –, doch es bleibe ein gutes Grundgefühl“. Das sagt auch Thorsten Dietrich, 23 Jahre alter CDU-Kommunalpolitiker aus dem hessischen Büttelborn, der in Mainz Politik, VWL und nordeuropäische Sprachen studiert: Toll, wie man als Gruppe zusammenarbeitet, trotz der vielen Häuptlinge; wie wir uns selbst geführt haben, um zu Ergebnissen zu kommen: Soft Skills erlebt und trainiert.“ Ganz erleichtert ist Christina Kehl, 23 Jahre alte Jura-Studentin aus Würzburg, die ihre eigene Agentur mit 35 Mitarbeitern leitet, um Abiturienten Orientierung bei der Berufswahl zu bieten. Am ersten Tag, auf dem Golfplatz, habe ich einen Idealisten getroffen. Ich dachte, der spinnt, weil ich glaubte, dass wir permanent irgendwelchen Firmen vorgestellt würden, wie ich das schon bei McKinsey erlebt hatte.“ Doch nichts von alledem. Heute freut sie sich nicht nur über die vielen Kontakte zu netten Menschen“, sondern sagt auch, der Mittelstand, der ihr zuvor unbekannt erschien, habe sich definitiv als berufliche Option herausgestellt“. Preiswürdige Praktikanten Andere hatten das kurz zuvor schon während ihrer Praktika erfahren. Wie viel Kamillentee trinkt der Mexikaner? Das hat Christian Einicke, 25, Wirtschaftsinformatiker von der TU Ilmenau, für die Martin Bauer GmbH + Co. KG in Vestenbergsgreuth analysiert, um neue Kunden für neue Produkte zu gewinnen. Oder Ulrike Karmann, Joachim Rodriguez und Sebastian Bannert, die der Rehau AG, einem Hersteller für Kunststoffe in der Möbel- und Autoindustrie, kurzerhand ein neues Logistikkonzept geschrieben haben. Martin Kreuzer, Produktionsleiter der Zwiesel Kristallglas AG, hat einen Chemiker, eine Europarechtlerin und einen Betriebswirt recherchieren lassen, wie sich die Firma auf die seit Juni gültige EU-Chemikalienrichtlinie Reach“ einzustellen hat – ob Glas als eigene Substanz“ oder als Präparat“ zu sehen ist. Das ist für die Niederbayern von großer Bedeutung im internationalen Wettbewerb. Für beide Fälle liegen nun Konzepte in der Schublade. Die drei haben super gearbeitet“, lobt der 40-jährige Ingenieur, der mit nach Budapest reiste, ohne seine Praktikanten, die nicht eingeladen waren. Die hätten das als i-Tüpfelchen empfunden“, kritisiert er, das wäre auch fürs Recruiting gut gewesen.“ Der Erfahrungsaustausch geht weiter – 2008.
Bildmaterial: Axel Baumhöfner, F.A.Z. - Tresckow, Hans-Peter Schwarzenbach, Wolf-Dietrich Weissbach
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