Von Anna Loll
05. Januar 2007Im Internet-Forum gibt sich der Teilnehmer Hilfebedürftiger leicht verzweifelt. Hallo, also ich hab‘ dieses Jahr mein Abi gemacht und will unbedingt studieren, sehr wahrscheinlich BWL; nun kommen von allen Seiten die besten Ratschläge wie: Was willst du an einer FH? Dann hättest du ja gar kein Abi machen müssen und degradierst dich. Oder: Wenn du an einer FH BWL studierst, hast du es nicht nur auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer, sondern auch kaum Aufstiegschancen!“, schreibt er bei Studis Online und schließt mit: Ist da wirklich was dran? Bitte, bitte helft mir!
Ein Schreiber mit dem Pseudonym Aufwecker berichtet daraufhin, dass sein künftiger Arbeitsplatz bei einem großen Verlagshaus mit einem Fachhochschulabschluss beinahe unmöglich gewesen sei. Nina“ dagegen hält von den Vorbehalten gegen Fachhochschulen gar nichts. Viele Unternehmen bevorzugen sogar FH-Absolventen, weil das Studium viel praktischer ist und die Absolventen so einen einfacheren Einstieg ins Berufsleben haben, sagt sie.
Tatsächlich sprechen die statistischen Zahlen für gute Arbeitsmarktaussichten von FH-Studenten. Eine Absolventenbefragung der Hochschul-Informations-System GmbH zeigt, dass zwölf Monate nach Studiumende fast 30 Prozent Fachhochschulabsolventen häufiger eine reguläre Stelle gefunden haben als die frischgebackenen Akademiker von den Universitäten. Der Unterschied erscheint selbst dann noch frappierend, wenn sich der Abstand durch die Tatsache relativieren mag, dass viele Universitätsabsolventen nach zwölf Monaten noch aufgrund von Staatsexamensstudiengängen in zweiten Ausbildungsphasen beschäftigt sind.
Abseits der Statistik ist das Bild jedoch gemischter, als die Zahlen vermuten lassen. Auch wenn die Fachhochschulen rechtlich mit den Universitäten auf einer Stufe im Bildungsmodell der Bundesrepublik stehen, haben viele der 170 deutschen Fachhochschulen mit ihren fast 570000 Studierenden mit Vorurteilen und Gehaltsunterschieden zu kämpfen. So erhalten nach einer Studie der IG Metall Uni-Absolventen mit einem Abschluss in BWL oder VWL rund 10 Prozent mehr Geld als ehemalige Wirtschaftsstudenten von Fachhochschulen. Manche Unternehmen laden sogar nur Bewerber mit Universitätszeugnis zu den Vorstellungsgesprächen ein, wie zum Beispiel die Unternehmensberatung McKinsey bis noch vor kurzem. Besonders deutlich ist die Bevorzugung der Uni-Akademiker im öffentlichen Dienst: Wollen Bewerber mit einem Master von der Universität in der öffentlichen Verwaltung arbeiten, werden sie in den höheren Dienst gehoben – die Absolventen der Fachhochschulen bis auf Ausnahmen nur in den gehobenen Dienst.
30 Jahre Vorurteile kann man eben nicht von heute auf morgen ändern, sagt Andreas Geiger, Rektor der Hochschule Magdeburg/Stendal und Sprecher der Hochschulrektorenkonferenz-Mitgliedergruppe Fachhochschulen. Trotzdem meint er, dass die FH-Absolventen in der Regel die gleiche Behandlung wie diejenigen von der Universität erführen. Vielleicht gibt es einige elitär denkende Institutionen, aber das entspricht nicht mehr dem Zeitgeist, sagt er. Die zunehmende Nachfrage nach anwendungsorientiert ausgebildetem Nachwuchs von Seiten der Wirtschaft wirke auf die Fachhochschulen gleichermaßen wie auf die Universitäten. Sie führe in vielem zu einer Angleichung der beiden Institutionen. Auch wenn es natürlich grundlegende Unterschiede gibt, geht die Entwicklung aufeinander zu, beobachtet der FH-Rektor.
Da gibt es schon eine kleine Tendenz der Annäherung, sagt die Pressereferentin des Bundesforschungsministeriums Katrin Hagedorn. Nichtsdestoweniger setzt die Bundesregierung auf Beibehaltung der institutionellen Unterschiede. Die Aufgabe der Universitäten liege bei der Grundlagenforschung, Fachhochschulen seien unverzichtbar bei der anwendungsorientierten Forschung und der praxisorientierten Lehre. Bis 2008 sollen deswegen die öffentlichen Ausgaben für die Forschung an den Fachhochschulen auf 30 Millionen Euro steigen. 2005 gab die Bundesregierung nur ein Drittel von diesem Betrag aus.
Ein Problem sei allerdings nach wie vor der unterschiedliche Wert, der den Abschlüssen in der Praxis beigemessen werde: Das deutsche Hochschulwesen leidet an einer Überprofilierung der institutionellen Differenzierung“, sagt Hagedorn. Es sei sehr wichtig, dass der Wettbewerb über die Angebote an den einzelnen Hochschulen geschehe und nicht aufgrund von Hochschultypen.
Franz Ziegele, Professor für Hochschul- und Wissenschaftsmanagement an der Fachhochschule Osnabrück und Projektleiter für Hochschulentwicklung am gleichnamigen Centrum für Hochschulentwicklung, ist zuversichtlich: In Zukunft wird die Unterscheidung Fachhochschule und Universität nicht mehr so bedeutend sein.“ Im Zuge der Umstellung der deutschen Studiengänge auf Bachelor und Master unterschieden sich die Masterangebote der Fachhochschulen kaum von denen an den Universitäten. Ziegele beobachtet bei einigen Fachhochschulen dabei die Tendenz, zu einer Art Universität light“ zu werden. Doch Fachhochschulen müssen bei ihren Stärken bleiben und nicht nur kopieren, was die Universitäten machen“, findet er.
Denn für manche können gerade diese Stärken genau das Richtige sein. Wie für Helena Maretis. Das Praktische liegt mir einfach mehr, ich muss nicht unbedingt jede Formel auseinandernehmen“, sagt die Sechsundzwanzigjährige. Nach ihrem Abitur hatte sie ein Praktikum im PR-Bereich gemacht und war begeistert. Dann habe ich mir überlegt, wie ich da am besten hinkomme, und habe mich für BWL an der FH Osnabrück entschieden.“ Bereut hat sie das nie. Da ging niemand verloren, man kannte jeden Dozenten. Vieles von dem, was ich im Studium gelernt habe, konnte ich direkt anwenden“, sagt Maretis. Nach ihrem Abschluss fing sie gleich bei dem PR-Unternehmen Edelman an und betreut jetzt große Kunden wie Shell und das Spirituosenunternehmen Johnnie Walker. Gefragt, warum sie nicht an der Universität BWL studiert hat, hat sie bisher niemand. Das war nie ein Problem“, sagt sie.
Text: F.A.Z.
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