Von Anna Loll
12. Oktober 2006 Das Abitur in der Tasche, Orientierungslosigkeit im Kopf: Mit dieser Erfahrung sind viele konfrontiert, wenn es um die Wahl des Studienfaches geht. Nach der Schule habe ich diese ganze Beratungsliteratur durchgeforstet, vom Internet bis zu der dicken Informationsbroschüre vom Arbeitsamt, sagt Clemens Paschke aus Kiel. Geholfen hat es ihm kaum. Denn zu der Entscheidung, ob Architektur oder Jura, Medizin oder doch lieber Philosophie, gehört mehr, als sich einen Überblick über die verschiedenen Studieninhalte zu verschaffen.
Viele Abiturienten haben vor allem deshalb Schwierigkeiten, weil sie ihre Interessen nicht benennen können und keinen eindeutigen Berufswunsch haben. Doch selbst wenn das nicht der Fall ist und die Vorstellungen klar sind: Was hilft es, wenn der Arbeitsmarkt vielleicht gerade in dem Traumberuf kaum Chancen bietet? Die zukünftigen Akademiker sehen sich bei der Studienwahl vielfältigen Problemen gegenüber.
Pragmatismus gefragt
So ist Pragmatismus gefragt, wenn es um die Studien- und damit um die Lebensplanung geht. Schließlich kommt nach der Universität noch ein Berufsleben von rund vierzig Jahren. Nichtsdestotrotz entscheiden sich die meisten aus reinem Interesse für ihr Studium: 88 Prozent der Studienanfänger zum Wintersemester 2004/2005 haben sich laut einer Studie der Hochschul-Informations-System GmbH, der HIS, aus Neigung ihr Fach ausgesucht. Die Möglichkeiten nach dem Studium spielen dagegen für die meisten eine geringere Rolle.
Die Entwicklungen am Arbeitsmarkt haben nur bei 43 Prozent die Entscheidung beeinflußt. Das Fach muß mich schon richtig interessieren, damit ich Höchstleistungen erbringen kann, sagt Jan Fichtner, Student der internationalen Beziehung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Zeit nach dem Studium habe ich zwar im Hinterkopf gehabt, aber ausschlaggebend war das Interesse, erklärt er seine Wahl. Ein möglicher Arbeitsplatz wäre für ihn das Auswärtige Amt. Lieber würde Fichtner aber noch in den politisch-wissenschaftlichen Think Tanks arbeiten oder sogar selbst eine Nicht-Regierungs-Organisation, eine NGO, gründen.
Wesentlich pragmatischer ist Clemens Paschke vorgegangen. Nach der fruchtlosen Odyssee durch das breite Informationsmaterial vor fünf Jahren hat er sich für Betriebswirtschaft an der privaten Universität WHU - Otto Beisheim School of Management in Vallendar entschieden. Nur auf Grund seiner Neigung das Studienfach auszuwählen, erscheint ihm nicht der beste Weg.
Ein Mittel zum Zweck
Das Studium ist ein Mittel zum Zweck für das, was man später machen will, ist der Fünfundzwanzigjährige überzeugt, der inzwischen an der WHU am Lehrstuhl für Unternehmensfinanzierung angestellt ist. Am Ende der Suche hatte ich mir damals einfach überlegt: Was interessiert mich wirklich? Da bin ich dann recht schnell auf Wirtschaft gekommen, daß mich Jobs mit Führungsverantwortung interessieren und auch das Materielle wichtig ist.
Pragmatismus spielt genauso wie Idealismus bei vielen Studenten eine Rolle, jedoch mit unterschiedlichem Gewicht, sagt Diplom-Soziologe Tino Bargel, Leiter des Projekts Studierendensurvey an der Universität Konstanz. Nach einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, für die Bargel verantwortlich zeichnet, sind die Erwartungen der Studienanfänger an ein höheres Einkommen zwar im Vergleich zu den Achtziger Jahren in der Bundesrepublik von 26 auf 43 Prozent gestiegen. Doch im gleichen Maße hätten auch sozial-altruistische Haltungen zugenommen. Zwischen Idealismus und Pragmatismus beobachtet Bargel deswegen kein Nullsummenspiel: Gründe wie die individuelle Neigung und das Fachinteresse hätten nach wie vor bei den Entscheidungen der Studienanfänger die wichtigste Bedeutung, gleichzeitig habe ein gewisser Pragmatismus zugenommen.
Die neue Art des Studierens
Verändert habe sich vor allem die Art des Studierens: Effektiver, schneller, praxisbezogener lautet der Tenor. Die Studenten wissen, daß sie viel leisten müssen, wenn sie später für den Arbeitsmarkt interessant sein wollen. Dazu gehören Praktika genauso wie die zweite oder dritte Fremdsprache. Daß im zukünftigen Berufsleben nur wenig Freizeit übrig bleiben wird, stört bei der HIS-Befragung aber auch nur 19 Prozent der Erstsemestler - fast 10 Prozent weniger als 1993. Die Welt fordert diesen Pragmatismus, erklärt Bargel die Entwicklung.
Allerdings lassen sich zwischen den Studienrichtungen Unterschiede feststellen. Ganz wie man es erwarten mag, gehen Geisteswissenschaftler bei ihrer Studienwahl tendenziell idealistischer vor, Studenten der Rechts-, Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaften pragmatischer. Das Interesse von Juristen an einem guten Einkommen ist besonders hoch, Sprach-, Kultur- und Sportwissenschaftlern schätzen dagegen persönliche Entfaltung. Mathematikern und Naturwissenschaftlern geben wissenschaftliches Interesse als Hauptmotiv für ihre Studienfachentscheidung an, Mediziner vor allem soziale Gründe. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern ist es insbesondere wichtig, verschiedene Berufsmöglichkeiten nach dem Abschluß zu haben.
Bei der Studienwahl muß man Idealismus und Pragmatismus ein stückweit verbinden, sagt Ulrike Luz von Karriere Kompass. Sie berät deutschlandweit Abiturienten, wenn es um den Eintritt in das akademische Leben geht. Aber Idealismus hat seine Grenzen. Will man seine Ziele erreichen, dann muß man mit seinen Neigungen pragmatisch umgehen. Bei Botanik rate ich zum Beispiel vehement ab. Nur drei Prozent der Studienabgänger haben Chancen als Botaniker eine Anstellung zu finden. So einen Beruf anzugehen, das ist einfach nicht klug, sagt sie.
Klare Vorstellung von den eigenen Vorstellungen
Nicht nur eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten ist für die richtige Fachentscheidung notwendig. Voraussetzung ist vor allem eine klare Vorstellung von den eigenen Vorstellungen. Wenn zum Beispiel ein hoher Lebensstandard gewünscht wird, dann sollte der Abiturient schon bei der Studienwahl überprüfen, welche Ausbildung sich auf dem Gehaltskonto rentieren kann.
Doch einen Garantieschein gibt natürlich kein Studienfach und wo die Neigung stark ist, liegt Talent häufig nicht weit entfernt. So können auch die gefürchteten brotlosen Künste wie Kunst- oder Philosophiestudiengänge ein gutes Auskommen ermöglichen.
Beim eigenen Interesse sollte man nur überprüfen, ob es zum Beruf gemacht werden muß. Wenn jemand gerne malt und Kleidung spannend findet, dann schaue ich ganz genau hin, wie die Zeichnungen aussehen, sagt die Beraterin Luz. Da sehe man schnell den Unterschied zwischen dem Hobby-Zeichner und dem zukünftigen Modedesigner. Das muß über das normale Maß hinausgehen, wenn jemand so einen Beruf ergreifen will. Idealismus in Hinblick auf die Neigungen dürfe man allerdings trotz aller Anforderungen nicht aus dem Auge verlieren. Schließlich will man ja auch in seinem Beruf glücklich werden, sagt Ulrike Luz.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Radu Razvan - FOTOLIA