Wer mit 20 Jahren nicht links ist, der hat keine Seele, so heißt einer der Slogans aus dem Dunstkreis der Achtundsechziger. Wer mit 20 Jahren auf keinen Fall selbständig sein will, der gehört zu einer Minderheit - das ist das Ergebnis einer Studie des Trierer Instituts für Mittelstandsökonomie: Nur ein Viertel der 15.000 befragten Studenten an 37 deutschen Hochschulen zeigte demnach kein Interesse an einer eigenen Gründung. Für 74,8 Prozent dagegen belegte die Befragung im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) Gründungspotenzial im weitesten Sinn. Was Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) an den Ergebnissen der Studie besonders positiv auffällt: Studentinnen sind genauso offen für den Sprung in die Selbständigkeit wie ihre männlichen Kommilitonen, Gründungen könnten demnach also schon bald keine typische Männersache mehr sein.
Zwischen jenem Gründungspotenzial, das die Studie feststellt, und der Wirklichkeit der Existenzgründung liegen allerdings Welten. Nicht allein, dass schon die unverbindliche Aussage Ich schließe Selbständigkeit nicht aus auf der Habenseite gebucht wird und dort zahlenmäßig den Löwenanteil ausmacht, während als Gründungsentschlossene und Gründungsaktive nur 7,3 beziehungsweise 5,7 Prozent der Befragten gezählt wurden. Auch in der Geschlechterfrage liefert die Statistik ernüchternde Befunde: Im Jahr 2006 standen nur hinter 31 Prozent aller Gründungen in Deutschland Frauen. Das Bildungsministerium will daran mit mehr als 40 Einzelprojekten etwas ändern, aus dem 12,5-Millionen-Euro-Etat seines Programms Mehr Power für Gründerinnen wurde nun auch die Studentenbefragung bezahlt.
Eines ihrer interessantesten Ergebnisse ist, dass die Gründungsneigung unter jenen Studenten am größten ist, die Medizin und Gesundheitswesen studieren - das mag man als Indikator für künftige Geschäftsfelder interpretieren oder als Ausweis der gesunkenen Attraktivität von Angestelltenverhältnissen aller Art in diesem Sektor. Außerdem zeigt sich, dass Mehrheit Mut macht - in den Fächern, in denen es mehr Studentinnen gibt als Studenten, sind die Frauen auch stärker an einer Existenzgründung interessiert als die Männer, zum Beispiel in den Sprach- und Kulturwissenschaften. In der Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften, der zurzeit gemeinhin die besten ökonomischen Zukunftsaussichten attestiert werden, sieht das gerade umgekehrt aus.
Schließlich stützt die Studie die taschenphilosophische Weisheit, dass Frauen weniger risikobereit sind als Männer: Studentinnen bekundeten deutlich häufiger als ihre männlichen Kommilitonen Bedarf an Unterstützungs- und Qualifizierungsangeboten zum Thema Selbstständigkeit seitens der Hochschulen. Vor allem rechtliche, steuerliche und finanzielle Fragen brennen ihnen unter den Nägeln; sie machten sich auch mehr Sorgen darüber, ob sie über genug Praxiserfahrung und Menschenkenntnis für eine Existenzgründung verfügen. Konsequenterweise ist auch ihre Bereitschaft zur Aufnahme von Krediten deutlich geringer als unter Männern. Zudem spielt unter Frauen die Aussicht auf flexible Arbeitszeiten eine besonders wichtige Rolle, wenn es um die erhofften Vorteile der Selbständigkeit geht - Männer hingegen setzen auf ein höheres Einkommen.
Links und Downloads
Die Gründerinnenagentur hilft Frauen bei der Existenzgründung
Die Ergebnisse der Studierendenbefragung über die Gründungspotenziale
Mehr Informationen zu Existenzgründungen von Frauen auf der Webseite des Bundeministeriums für Bildung und Forschung
Text: lzt., F.A.Z.
Bildmaterial: dpa