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Jung-Akademiker

„Oft stimmen die Prioritäten nicht“

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel

Rihanna hat ihre Beine für 1 Million Dollar versichert, aber was ist mit Haftpflicht?

Rihanna hat ihre Beine für 1 Million Dollar versichert, aber was ist mit Haftpflicht?

18. Oktober 2007 Ob ich gegen Berufsunfähigkeit versichert bin?“ Der junge Mann, der an der TU München Maschinenbau studiert, lacht und sagt: „Also, da hätte ich dann doch gerne zuerst einmal einen Beruf.“ Ob er denn wenigstens eine Haftpflichtversicherung hat? „Keine Ahnung, bislang ist nichts passiert.“ Ob man ihn mit diesen Aussagen denn zitieren darf? „Nee, wirklich nicht, da gibt es echt dringendere Themen für Studenten. Beispielsweise, wo das Geld für die Versicherungen überhaupt herkommen soll.“ Zwei Mädchen, die neben ihn in der Mensa Kaffee trinken, nicken. „Stimmt.“

Studenten und Versicherungsschutz – das ist ein Thema für sich, weiß nicht nur Hedwig Telkamp, Versicherungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Bayern. Bei vielen gilt das Motto: Alles wird gut. Doch ganz so leicht, findet nicht nur Telkamp, sollten gerade Studenten das Thema Versicherungen nicht nehmen. Und auch Thomas Dambier, der sich für die Stiftung Warentest mit dem optimalen Versicherungsschutz in jeder Lebensphase befasst, stimmt ihr zu. Natürlich bräuchten Hochschüler keine so umfangreiche Absicherung wie beispielsweise Familien oder Häuslebauer. Dennoch, sagt der Experte, gelte auch für sie, dass mindestens drei Dinge unabdingbar sind: eine Haftpflicht, die Dambier als „Mutter aller Versicherungen“ bezeichnet, eine Berufsunfähigkeitsversicherung und ein optimaler Schutz bei Krankheit, der auch im Ausland gilt.

Rechtsschutz- oder Kapitallebensversicherung müssen nicht sein

Rechtsschutz- oder Kapitallebensversicherung müssen nicht sein

Rechtsschutzpolicen oder gar Kapitallebensversicherungen dagegen – auch darin sind sich die Experten einig – brauchen Studenten nicht. Wer wirklich Geld übrig hat, um fürs Alter zu sparen, der ist mit einem Fonds-Sparplan allemal besser bedient. Altersvorsorge ist grundsätzlich kein Thema für Versicherungen, das findet nicht nur Dambier. Auch zu Hausratversicherungen sei bestenfalls dann anzuraten, wenn es wirklich Werte im Haushalt gibt. Sind der einzige Besitz Laptop und Fernseher, dann lohnt sich das nach Ansicht des Experten nicht.

Haftpflicht ist ein Muss

Während jedoch gerade Kapitallebensversicherungen und Hausratpolicen noch relativ häufig von Stundeten abgeschlossen werden, gehen sie mit dem Thema Haftpflicht zumeist ziemlich locker um. Telkamp sagt: „Da stimmen einfach die Prioritäten nicht.“ Denn die Gesetzeslage ist eindeutig. Fügt jemand einem anderen einen Schaden zu, dann haftet er dafür mit seinem gesamten Vermögen. Und ein solcher Schaden kann auch im Studentenleben schnell entstehen, beispielsweise auf Partys, beim Sport oder als Radfahrer im Straßenverkehr.

Theoretisch, erläutert Katrin Rüter de Escobar vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV), seien Studenten zwar, was die Haftung betrifft, oftmals noch bei ihren Eltern versichert. Dennoch sei es wichtig, die Situation genau zu hinterfragen. Erstens haben – auch zum Entsetzen von Verbraucherschützern – überhaupt nur rund zwei Drittel aller Haushalte eine solche Police. Zweitens schlummern in vielen Haushalten Verträge, deren Bedingungen überholt sind. Moderne Tarife gehen von einer Mindestversicherungssumme von drei Millionen Euro aus. In alten Verträgen stehen aber mitunter noch Beträge um 100.000 Mark.

Hinzu kommt, dass auch der Einschluss von Studenten durchaus unterschiedlich geregelt sein kann. Zwar empfiehlt der GDV ein Vertragswerk, nach dem der Nachwuchs so lange mitversichert ist, bis nach der Ausbildung wirklich eine Berufstätigkeit aufgenommen wird. Nicht wenige Gesellschaften fassen dies jedoch enger und gewähren den Schutz nur bis zum Abschluss der ersten Ausbildung – oder überhaupt nur für eine Ausbildung. Wer eine Lehre abbricht und ein Studium aufnimmt, muss sich in diesen Fällen selbst versichern. Dies ist jedoch für einen Jahresbeitrag von 70 Euro möglich.

Was passiert bei Berufsunfähigkeit?

Deutlich teurer wird es, für den Fall der Berufsunfähigkeit vorzusorgen – denn da fließen zwischen 40 und 50 Euro monatlich. Dennoch, betont Bianca Höwe vom Bund der Versicherten, sollten sich gerade Studenten nicht vorschnell aus finanziellen Gründen von dieser wichtigen Sicherheit verabschieden. Viele Menschen, so ihre Erfahrung, machten sich erstmals mit 30 Jahren Gedanken darüber, was passiert, wenn sie irgendwann einmal nicht mehr arbeiten können. Zu diesem Zeitpunkt sei es aber oft schon zu spät. Treten die ersten körperlichen Beschwerden auf, lässt die Assekuranz niemanden mehr rein. Selbst wer beispielsweise wegen Prüfungsangst psychologische Unterstützung in Anspruch genommen hat, muss demnach damit rechnen, keine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) mehr zu bekommen. Klappt es doch, wird es deutlich teurer als ein paar Jahre zuvor.

Doch Vorsicht: Die meisten Versicherer bieten Studenten keine wirkliche Absicherung bei Berufsunfähigkeit, sondern nur bei Erwerbsunfähigkeit. Hier ist genaue Recherche nötig, denn es gibt auch Anbieter, die gleich richtig einsteigen. Auch die Höhe der gewährten Rente schwankt erheblich. 1000 Euro sollten es laut Höwe jedoch sein. Darüber hinaus ist darauf zu achten, dass der Vertrag eine Nachversicherungsgarantie enthält, die Summe also später ohne erneute Gesundheitsprüfung aufgestockt werden kann

Versicherungsvertreter raten gerade jungen Menschen mit wenig Geld oft dazu, statt der BU eine Unfallversicherung abzuschließen. Dies ist jedoch – da sind sich die Experten einig – keine Alternative. Zwar kann bei Studenten, die sportlich aktiv sind und viel Auto fahren, der Abschluss einer solchen Police durchaus sinnvoll sein – aber nur zusätzlich zur BU. „Eine Unfallversicherung zahlt, wie der Name schon sagt, nur bei Unfall“, stellt Höwe klar. „Berufsunfähig werden die weitaus meisten Menschen jedoch aufgrund einer Krankheit.“

Genaue Recherche vor der Unterschrift

Unstrittig ist es dagegen auch unter Studenten, dass man eine Krankenversicherung braucht. „Dennoch“, berichtet Verbraucherschützerin Hedwig Telkamp aus ihrer Beratungspraxis, „läuft auch hier einiges schief.“ Grundsätzlich gilt: Wer mehr als 25 Jahre alt ist oder mehr als 400 Euro monatlich verdient, ist nicht mehr bei den Eltern versichert. Doch welche Police ist dann die richtige? Das ist eine Frage, die angesichts der laufenden Diskussion um die Gesundheitsreform tatsächlich schwer zu beantworten ist. Das geben auch die Fachleute zu. Grundsätzlich gibt es im Moment eine Tendenz, die private Krankenversicherung zu empfehlen, da diese während des Studiums mit niedrigen Beiträgen und besten Bedingungen aufwarten kann. Telkamp warnt allerdings: Wer nach dem Examen nicht sofort einen Job hat, wird von der privaten Krankenkasse auch noch mit hohen Beiträgen gestraft. Der Studentenbonus erlischt, eine Rückkehr in die gesetzliche Kasse ist jedoch nicht möglich.

Und noch einen Aspekt gilt es bei der Krankenversicherung zu bedenken: den Schutz im Ausland. Für gesetzlich Versicherte gibt es zwar die europäische Versichertenkarte, doch die alleine reicht bei Wochenendurlauben aus. Wer länger ins Ausland geht, vielleicht sogar dort studiert oder ein Praktikum macht, braucht unbedingt auch im europäischen Ausland eine Auslandskrankenversicherung. Und auch Privatpatienten müssen aufpassen, weiß Dr. Harald David, der seit Jahren beim Akademischen Auslandsamt München Studenten berät, aus eigener Erfahrung. Als er Ende der 90er Jahre für Recherchen zu seiner Doktorarbeit nach Singapur flog, entging er nur knapp einer privaten Katastrophe. Zwar hatte er eine private Krankenversicherung in der Tasche, die grundsätzlich weltweit galt. Einen Blick ins Kleingedruckte aber hatte er sich vor dem Abflug geschenkt.

Kreislaufkollaps in Singapur

Den holte er erst nach, als er sich drei Tage nach seiner Ankunft mit einem Kreislaufkollaps in einer Privatklinik wiederfand. Noch heute, erzählt David, sei er angesichts der Rechnung, die ihm dafür später präsentiert wurde, dankbar – und zwar dafür, dass er schon nach drei Tagen und nicht erst nach drei Monaten zusammengebrochen ist. Dann nämlich hätte ein Versicherungsschutz schlicht nicht mehr bestanden. Wie die meisten privaten Versicherer hatte auch sein Vertragspartner die Frist für Auslandsaufenthalte begrenzt. Davids Empfehlung an Ratsuchende seitdem: „Genau hinschauen.“

Und noch einen Rat gibt er Studenten mit auf den Weg: Auch bei einer Auslandskrankenversicherung sollten sie nicht sparen. Viele, die für ein Praktikumsjahr ins Ausland gehen, tun dies mit einer einfachen Reisekrankenversicherung. Die nämlich ist schon für 8 Euro im Jahr zu bekommen, während richtige Auslandskrankenversicherungen im Schnitt 40 Euro im Monat kosten. Doch Reisekrankenversicherungen sind immer zeitlich begrenzt, zumeist auf sechs Wochen. „Gerade Studenten, deren Praktikum gerade einmal ein paar Wochen länger dauern, nehmen diese Einschränkung oft nicht ernst“, berichtet David. Die Versicherer dagegen schon. Im Zweifel werden die Reisedaten kontrolliert. Ist die Zeit überschritten, ist auch der Schutz obsolet.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, obs

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