Deutsche Studenten nutzen die Chancen der Globalisierung bislang zu wenig. Die Zahl derer, die ein Praktikum im Ausland macht, geht einer repräsentativen Umfrage zufolge zurück. Immer weniger sind bereit, nach dem Abschluss ins Ausland zu gehen. Die große Mehrheit der deutschen Studenten bereitet sich auf die zunehmend von Globalisierung geprägte Arbeitswelt nur unzureichend vor, lautet die Bilanz der 4. Continental Studentenumfrage, die gerade in Frankfurt vorgestellt wurde. Dafür waren mehr als 1000 Hochschulabsolventen - Ingenieure, Natur- und Wirtschaftswissenschaftler - befragt worden.
73 Prozent der Absolventen schätzen aktuell ihre Karrierechancen sehr zuversichtlich oder zuversichtlich ein, vor vier Jahren waren es nur 63 Prozent. Die Zukunftserwartung korreliert mit der weiter verbessert eingeschätzten Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen: Genau zwei Drittel der Befragten bewerteten sie als sehr gut oder gut, vor zwei Jahren war es nur jeder Zweite.
Die weitaus meisten (66,5 Prozent) streben ein deutsches Diplom statt eines internationalen Abschlusses an. Rund 14 Prozent der Studenten entschieden sich für eine Bachelor-Studiengang, kombiniert mit Berufserfahrung oder dem Masterabschluss. Der BA-Abschluss erhält nur die mäßige Note 3,5 in Deutschland, wenn es um die Karriereerwartungen der Befragten geht. Der Master wird mit einer 2,2 bewertet, das Diplom mit einer 1,7 und der PhD mit einer 1,6.
Das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest und die TU Darmstadt hatten im Auftrag des Automobilzulieferers Continental 1003 Hochschulabsolventen befragt. Globalisierung bedeutet für sie vor allem Arbeiten im Ausland (38,3 Prozent), mehr Mobilität (32,6 Prozent), die Pflicht, Sprachen zu lernen (22,5 Prozent) und mehr Zusammenarbeit (15,5 Prozent). Die Studenten erwarten andererseits aber auch mehr Konkurrenz (19,5 Prozent) und soziale Nachteile (4,9 Prozent).
Nur etwa 16 Prozent der Studenten entscheiden sich für ein Auslandssemester. Ebenfalls rund 16 Prozent machen ein Auslandspraktikum - bei der ersten Continental-Befragung 2004 waren es noch weit mehr als 20 Prozent. Fast 33 Prozent machen gar kein Praktikum - rund drei Mal so viele wie 2004. Selbst der Anteil derer, die nicht einmal im Inland ein Praktikum absolvieren, ist zurückgegangen auf 54,5 Prozent. 2004 strebten noch 70 Prozent der Jungakademiker nach praktischen Erfahrungen in einem Unternehmen. Die Gründe sind komplex: Zum einen ist der Druck gewachsen, das Studium so rasch wie möglich abzuschließen. Auf der anderen Seite sind Praktika weder vorgeschrieben noch erscheinen sie vielen Fachkräften auf dem boomenden Arbeitsmarkt als notwendig, um nach dem Examen einen Arbeitsplatz zu bekommen. Studenten sind faul, das hat sich nicht geändert, sagt Professor Uwe Kamenz, Wirtschaftswissenschaftler von der FH Dortmund, provozierend, außerdem finden alle immer leichter einen Job, das macht es noch schlimmer.
Das gilt auch als Grund dafür, warum die Studenten die Ausbildungsangebote der Hochschulen in Sachen Internationalisierung nur wenig nutzen. Berufsnahe Kompetenzen wie Projektmanagement oder Teamführung erwirbt nur eine deutliche Minderheit. Wir sollten uns mit dem Marketing der Angebote befassen, fordert deshalb Professor Reiner Anderl. Der Vizepräsident der TU Darmstadt hat festgestellt, dass an seiner Hochschule allein die Umbenennung von soft skills in professional skills die Nachfrage erhöht habe.
Als größtes Hindernis für ein Auslandsstudium oder -praktikum wird die Finanzierung (31,9 Prozent) gesehen, gefolgt von bürokratischen Hindernissen (21,9 Prozent.) Lediglich 37,3 Prozent der Befragten geben an zu wissen, wie man sich für ein internationales Praktikum erfolgreich bewirbt. Gleichzeitig bezeichnen lediglich 28 Prozent der Studentinnen und Studenten den Erwerb internationaler Kompetenz als festen Bestandteil ihrer Ausbildung. Kamenz glaubt, die besten Studenten gingen freiwillig ins Ausland, die anderen muss man zwingen, um die Qualität zu heben.
Bisher hält Kamenz Forderungen nach dem Auslandsaufenthalt für Lippenbekenntnisse. Erst raffen sich die Studenten nicht auf, und wenn doch, dann gibt es die nötigen Angebote nicht. Nicht einmal Conti bezahle das ja ohne weiteres. Conti-Personalvorstand Heinz-Gerhard Wente sagte, auch sein Unternehmen habe keine Programme, mit denen wir Studenten ins Ausland schicken, damit sie hinterher bei uns arbeiten. Die Leiterin des Recruitings im Conti-Konzern, Sehnaz Özden, glaubt aber, es sei nicht schwer, ins Ausland zu gehen, wenn auch ein Praktikum nicht als Urlaubssemester angesehen werden dürfe. Nicht nur öffentliche Träger wie die Europäische Union böten Gelder massenhaft, die nicht abgerufen werden. Die leitende Personalmanagerin rät zum Exotischen, um auf sich aufmerksam zu machen: Gehen Sie nach Sierra Leone, das ist ein Highlight in Ihrem Lebenslauf.
Kamenz bezeichnete die Haltung der Studierenden gegenüber der Globalisierung als Gefährdung des Standortes Deutschland: Die Produktivität der Akademiker muss sich verdoppeln, aber dafür bilden wir nicht aus, das ist eine Katastrophe. Schließlich seien es die jetzigen Studierenden, die in zehn bis zwanzig Jahren bei deutlich zurück gehenden Akademikerzahlen verantwortliche Positionen in den global aufgestellten deutschen Unternehmen übernehmen sollten. Wir haben kein Problem mit den Besten, ist Kamenz überzeugt, aber eins mit der Masse der Studenten: Die schleppen wir so mit, aber mit denen können Conti und andere ihre Ingenieursabteilungen nicht auffüllen. Der Ökonom sieht vor allem die Unternehmen in der Pflicht, ihre Investitionen in Hochschulen deutlich zu erhöhen: Direktes Geld wäre schön.
Zurückhaltende Erwartungen der Hochschulabsolventen an eine Zukunftsperspektiven im Ausland spiegelt sich in der Wahl eines künftigen Arbeitsplatzes: Immer weniger sind der Umfrage zufolge bereit, einen Job bei einem Unternehmen anzunehmen, wenn dieser in einem für wenig attraktiv gehaltenen Land angeboten wird: Nach dem Studium können sich nur rund je 30 Prozent vorstellen, vorübergehend in Südamerika oder Osteuropa zu arbeiten, nach China würde nur noch etwa jeder fünfte gehen, vor drei Jahren war es noch jeder dritte. Selbst die Vereinigten Staaten wären nur für gut die Hälfte denkbar.
TNS Infratest erwartet, dass die Bereitschaft, ins Ausland zu gehen, weiter zurückgehen wird, vor allem bedingt durch die robuste Konjunktur in Deutschland. Der Auslandsaufenthalt gelte als zweitbeste Lösung.
Text: tor./F.A.Z.
Bildmaterial: Continental-Studentenumfrage 2004, 2005, 2006, 2007, fotolia.com