Die älteste deutsche Privatuniversität hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Zum ersten Mal veranstalten in diesem Frühsommer alle Fakultäten der vor 27 Jahren als Pionier- und Reformprojekt gegründeten Uni Witten/Herdecke gemeinsam einen Tag der offenen Tür. Der Andrang ist groß: An die 800 Interessenten drängen sich am Sonntagvormittag vor den Info-Ständen auf dem Campus. Mit viel Aufwand wollen Studenten und Dozenten sie von ihrer mitten im Ruhrgebiet gelegenen Hochschule überzeugen, die jüngst vor allem durch ihre Beinahe-Pleite Schlagzeilen gemacht hat.
In der Zahnklinik werden Behandlungen demonstriert, bei den Wirtschaftswissenschaftlern findet eine Probevorlesung über die Bankenkrise statt, dazu gibt es Informationen zur Studienfinanzierung, zu Auslandsaufenthalten und zur Alumni-Initiative. Martin Butzlaff, der wissenschaftliche Geschäftsführer der Universität, ist zufrieden mit dem ersten großen öffentlichen Auftritt der Hochschule seit der existenzbedrohenden Krise zum Jahreswechsel. Wir sind begeistert von dem Auftrieb, sagt er. Mit so vielen Besuchern habe er nicht gerechnet. Und für die potentiellen Studenten sei die notorische Geldnot der Uni erfreulicherweise kein großes Thema. Es sind eher die Eltern, die auf die finanzielle Situation der Hochschule schauen, sagt Butzlaff.
Mit Hochdruck arbeitet die seit 1982 staatlich anerkannte Hochschule seit dem Winter daran, ihr Image aufzupolieren. Die Finanzmisere hat die inhaltlichen Vorzüge des Studiums à la Witten in den Hintergrund rücken lassen. Wir waren die Krisen-Uni, räumt Geschäftsführer Michael Anders ein. Auch Studentensprecher Jakob Kloß stellt fest: Das Ansehen der Uni hat durch die verschiedenen Krisen gelitten. Die wiederkehrende Finanznot und die Querelen mit dem Wissenschaftsrat führten kurz vor Weihnachten fast zum Gau: Quasi über Nacht fror der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) die öffentlichen Fördermittel ein, die seit Jahren das Defizit der Uni decken. Das Ministerium bemängelte eine nicht ordnungsgemäße Geschäftsführung und einen unzureichenden Wirtschaftsplan. Witten/Herdecke, einst als Prestigeprojekt mit ganzheitlichem Bildungsanspruch allseits bewundert, stand kurz vor der Insolvenz. Präsident Birger Priddat und sein Vize Maxim Nohroudi traten zurück.
Inzwischen habe die Privatuniversität wieder festen Boden unter den Füßen, betont der seit Ende Dezember amtierende Geschäftsführer Anders. Die Uni ist gerettet und neu positioniert. Mit einem neuen Geschäftsmodell sei es gelungen, das Vertrauen des Landes zurückzugewinnen. Anfang Mai gab das Wissenschaftsministerium 13,5 Millionen Euro für 2009 und 2010 frei. Die Hausaufgaben seien erledigt worden, gab Minister Pinkwart zu Protokoll.
Wie vom Land schon länger gefordert, wurde zum Beispiel der Gesellschafterkreis neu formiert. Der neue Hauptinvestor, die Stiftung der Software AG, steigt mit 4 Millionen Euro ein und bürgt für weitere 10 Millionen Euro. Rund 3 Millionen Euro haben 3000 Ehemalige über die Alumni-Initiative gesammelt. Das Kuratorium der Hochschule stellt weitere 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Insgesamt wurden so innerhalb von drei Monaten zusätzliche Finanzmittel von 12 Millionen Euro eingetrieben. Über weitere 3,5 Millionen Euro verhandelt Anders noch mit potentiellen Geldgebern.
In fünf Jahren, so sieht es sein Sanierungsplan vor, soll die Uni eine schwarze Null schreiben. Überflüssige Beraterverträge wurden dafür schon gekappt, jetzt stehen auch Stellenstreichungen in der Verwaltung an. Zudem soll die Zahl der Studenten in den Fachrichtungen Medizin, Wirtschaft und Kultur bis zum Jahr 2013 von derzeit 1200 auf 1500 steigen. Das Konzept der kleinen Gruppen, das Witten/Herdecke bekannt gemacht hat, soll dafür jedoch nicht geopfert werden.
Einer Erhöhung der Studiengebühren hat die Studierendengesellschaft dagegen schon zugestimmt. So verteuert sich das Zahnmedizinstudium von 40.000 auf 48.000 Euro, das Wirtschaftsstudium von 23.000 auf 28 000 Euro. Der Anteil der Studiengebühren an den Gesamteinnahmen soll so von 7 auf 20 Prozent steigen. Nach wie vor gilt für die Gebühren der umgekehrte Generationenvertrag: Die Studenten können sie nachträglich während ihres Berufslebens zahlen.
Geplant sind außerdem neue interdisziplinäre Studiengänge wie Gesundheitsökonomie; außerdem beteiligt sich die Uni am neuen Demenzzentrum der Helmholtz-Gemeinschaft. Michael Anders, der sich selbst als konservativen Rechner bezeichnet, arbeitet zudem an einer besseren Auslastung des Campus während der vorlesungsfreien Zeit. Wir wollen in den Markt der Weiterbildung reingehen, kündigt er an. Geplant ist ein Gästehaus, um attraktiver für Seminar- und Kongress-veranstalter zu werden.
Der schwierigen Zeit gewinnt der Geschäftsführer auch Positives ab. Wir haben gezeigt, welche Netzwerke wir aufgebaut und mobilisiert haben, sagt er. So seien fast alle Ehemaligen aktiviert worden. Die erfolgreiche Bewältigung der Krise werde dem Ansehen der Hochschule auf lange Sicht sogar guttun, hofft Anders. Zudem sichere die von der Stiftung der Software AG gestellte Ausfallbürgschaft den Hochschulbetrieb. Wer einen Studienplatz bekommt, hat ihn auch bis zum Ende des Studiums sicher. Dass der eine oder andere Abiturient nach den vielen Schlagzeilen vorerst lieber an eine andere Hochschule gehe, räumt er jedoch ein. Dennoch sei die Bewerberlage gut. Für das Sommersemester etwa seien alle 42 Medizin-Plätze mit geeigneten Kandidaten besetzt worden. Schwieriger könnte sich im Herbst das Auswahlverfahren für die Wirtschaftswissenschaften gestalten. Der Markt ist breiter geworden, stellt Anders fest. So bieten immer mehr private Fachhochschulen Wirtschaftsstudiengänge an, zum Beispiel in den nahe gelegenen Städten Monheim und Neuss.
Auch deshalb stellt Witten/Herdecke nun umso mehr seine Besonderheiten heraus: Die Medizinstudenten etwa lernen hier vom ersten Tag an die Berufspraxis im Krankenhaus kennen. Ihre BWL-Kommilitonen absolvieren unterdessen Praktika in Unternehmen der Region. Ein Markenzeichen ist neben den kleinen Lerngruppen vor allem das Studium fundamentale, das einen Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin gewähren soll. Immer donnerstags beschäftigen sich die angehenden Kaufleute und Mediziner mit fachfremden Gebieten wie Philosophie, Kunst und Musik. Die diskutierten ethischen und moralischen Grundsätze sollen sie mit ins Berufsleben nehmen.
Noch aber haben die Studenten ihre Sorgen aus der Zeit der Existenznot nicht ganz abgelegt. Es herrscht immer noch eine gewisse Anspannung und Unruhe, berichtet etwa Studentensprecher Jakob Kloß. Die neuen Gesellschafter und die Finanzierungszusage aus dem Ministerium hätten aber für Zuversicht gesorgt. Jetzt müsse das neue Konzept umgesetzt und endlich wieder inhaltlich gearbeitet werden, fordert der 24 Jahre alte Medizinstudent. Witten/Herdecke hat ein großes Potential. Die Lehre ist nach wie vor gut und einzigartig, sagt Kloß. Geschäftsführer Anders setzt noch einen drauf. Das hier ist eine Perle, schwärmt er. Es klingt fast schon wieder so wie früher, als auch das ausgeprägte Selbstbewusstsein typisch war für Witten/Herdecke.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Edgar Schoepal / F.A.Z.