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| Klarheit gesucht - doch der Zeitdruck ist groß |
07. Januar 2009
Ein diesiger Wintermorgen in Stuttgart. In einem schmucklosen Seminarraum steht Jutta Gentsch vor 16 jungen Frauen und Männern. Herzlichen Glückwunsch, dass Sie den Weg hierher gefunden haben“, begrüßt sie die Akademikerberaterin der Agentur für Arbeit. Die Studenten schauen überrascht. Sie sind hierhergekommen“, lobt Gentsch sie. Sie gehören nicht zu denen, die das Problem aussitzen.“ Genau das tun nämlich viele: Rund 75.000 Studenten haben 2007 ihr Studium abgebrochen, die meisten davon schweigend. Sie gehen einfach nicht mehr an die Uni, machen keine Prüfungen, werden irgendwann exmatrikuliert. Den Seminarteilnehmern gibt Jutta Gentsch zusammen mit dem Psychologen Rainer Sturm vom Studentenwerk Stuttgart und der Studienberaterin Irmgard Rieder von der Uni Hohenheim einen Tag lang Hilfe zur Selbsthilfe. Vieles kommt zur Sprache: die Gründe für die oft falsche Studienwahl, die Arbeitsmoral, der Studienort, die falschen oder enttäuschten Erwartungen, die Alternativen, die eigenen Fähigkeiten, die Informationsquellen.
9.20 Uhr – 18 ernste Gesichter. Studenten der Agrarwissenschaft, Maschinenbauer, Sozial- und Kommunikationswissenschaftler, Politologen, Philosophen, Lebensmitteltechniker, Anglisten, ein paar Betriebswirte, Wirtschaftswissenschaftler, Physiker, Luft- und Raumfahrttechniker, Verwaltungswirte. Erstes bis elftes Semester, 21 bis 28 Jahre alt. Manche haben sich selbst exmatrikuliert, andere die Prüfungen nicht geschafft. Einige wollen nur den Studienschwerpunkt verschieben, manche etwas komplett anderes machen. Sie fühlen sich überfordert und unterfordert, gelangweilt, verloren, hin- und hergerissen, unsicher, unter Druck, enttäuscht, frustriert, hilflos.
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| Seminarleiterin Jutta Gentsch gibt Hilfe zur Selbsthilfe |
10.30 Uhr – Problemdarstellung. Die Studenten stellen sich gegenseitig vor. Sebastian studiert Lebensmitteltechnologie im dritten Semester. Ziel? Eine Karriere, gutes Geld mit was Technischem verdienen.“ Doch der Einundzwanzigjährige interessiert sich eigentlich nicht für Technik, sondern für Psychologie. Das studiert aber schon sein Bruder, da konnte er das doch nicht auch noch machen, oder? Sebastian hat alle Prüfungen geschafft, obwohl er, wie er sagt, nur minimalen Aufwand betreibt. Auch Thomas, fünftes Semester Luft- und Raumfahrttechnik, hat seine Studienwahl durch den Bruder beeinflussen lassen, der dasselbe Fach belegte. Doch Thomas behagt das kleinteilige Konstruieren nicht. Die Motivation sank von Semester zu Semester. Inzwischen fängt er viel zu spät an, sich auf Klausuren vorzubereiten, die Leistungen reichen nicht mehr aus.
Immer wieder die Familie
Immer wieder die Familie: Sina studiert Public Management an einer Hochschule für Verwaltung. Da ist man gleich Beamtin und bekommt Geld.“ Das fand die Familie gut. Aber Sina langweilte sich schon im Praxissemester, das dem eigentlichen Studium vorausgeht. Auch Markus riet die Familie zu. Er studiert an der Berufsakademie mit Richtung Bank. Ein sicherer Job würde schnell winken, doch Markus sieht sich überhaupt nicht als Verkäufer, die ganze Materie ödet ihn an. Eigentlich interessiert er sich für alles rund um Sport. Doch davon könne man nicht leben, hieß es. Nun hat er Skrupel, mittendrin aufzuhören.
Ich bin da so reingerutscht“, diese Formulierung wiederholt sich. Der Zufall hat oft mitgemischt bei der Studienwahl. Beispiel Nicola, Studentin der Sozialwissenschaften: Sie wollte halt Akademikerin“ werden, schrieb ein Dutzend Bewerbungen, zu diesem Studiengang gab es eine schnelle Zusage. Für Design, was sie auch interessiert hätte, war ihr der Aufwand für eine Bewerbungsmappe zu groß. Aus Unschlüssigkeit und Mangel an Alternativen blieben eine ganze Reihe der Seminarteilnehmer am erst- oder zweitbesten Fach hängen, für das sie sich beworben hatten. Christina, zu Studienbeginn knappe 19 Jahre alt, fühlte sich außerdem eigentlich viel zu jung“ für die Entscheidung. Und jetzt, nach fünf Semestern, meint sie manchmal, schon zu alt“ zu sein, um etwas Neues anfangen zu können. Schließlich lese man allenthalben, die Wirtschaft stelle bevorzugt junge Menschen ein.
Andere scheitern, obwohl sie sicher waren, dass sie das Richtige taten: Simone, die Physikerin, schmiss nach sechs Semestern. Es hakt an einem einzigen Fach fürs Vordiplom, trotz einer 1,6 im Abi und Spitzennoten in Mathe und Physik. Alle dachten, ich schaff das. Ich glaubte das auch.“ Doch die Lehre sei mies an ihrer Uni, sie fühlte sich schlecht beraten, niemand bemerkte ihre Schwierigkeiten. Jetzt ist es vorbei, sie ist 23 Jahre alt und hat keinen Plan. Ich bin festgefahren auf Physik.“
Noch ein Grund fürs Scheitern: Der Effizienzgedanke, der jeden Studieninhalt auf Verwertbarkeit für einen zukünftigen Job hin überprüft. Christina, Studentin der Anglistik und Politik, blockiert vor streng getakteten Bachelor-Lernplänen, die ihr Shakespeares Dramen vorschreiben, in denen sie aber keinen Sinn für später“ sieht. Ich muss doch wissen, wozu ich das mache“, kritisiert auch Melanie, drittes Semester Kommunikationswissenschaft. Das ist mir alles zu schwammig.“ Was es heißt, an einer Universität zu studieren, ist vielen im Seminar unverständlich. Der zukünftige Akademiker wird zum Löser für Probleme ausgebildet, die sich heute so noch gar nicht stellen“, erklärt es Jutta Gentsch ihnen. Wer nur schnelle Abschlüsse vor Augen hat, kann daran verzweifeln.
Es geht ans Grundsätzliche
11.15 Uhr – Aufbauphase. Es ist schade, dass die Hochschulen es nicht geschafft haben, Ihr Potential abzurufen“, bedauert Gentsch. Dann geht es ans Grundsätzliche: Welche Berufsfelder gibt es in meinem Neigungsfach, wo sind die Unterschiede zwischen FHs und Unis? Wo gibt es welche Beratung, wie können Stellenbeschreibungen bei der Berufswahl helfen, wie viel Begeisterung braucht es für einen Beruf – und wie viel wird immer Schwarzbrot sein? Was bringen Netzwerke, wie organisiere ich mich? Welche Bedeutung haben Schlüsselqualifikationen? Irmgard Rieder lässt die Studenten zuerst ihre Hobbys analysieren, dann ihre Fähigkeiten. Klaglos, gewissenhaft arbeiten sie alle Vorlagen durch, schreiben Listen, notieren Adressen.
15 Uhr – Fehleranalyse. Konzentriert beraten sich die Studenten gegenseitig in Kleingruppen. Immer noch erkennen viele nicht den Balken vor dem eigenen Auge, aber dafür die Splitter in denen der anderen. Simone bekommt die Anregung, mal bei der Geophysik oder Vermessungsinformatik reinzuschauen. Christina will das Studium doch noch beenden, aber die Uni wechseln. Sebastian begeistert Sina für die Lebensmitteltechnik und will jetzt mit seinem Bruder über Psychologie reden. Hans bekommt Tipps, wie er seinen Nebenerwerb, die Fotografie, zum Beruf machen könnte.
16 Uhr – Mehrwertanalyse. Einige Teilnehmer sind enttäuscht, sie hatten sich konkretere Handlungsanweisungen erhofft. Die Seminarleiter überrascht das nicht. Die Studenten müssten erst wieder Selbstvertrauen gewinnen, um selbständig neue Entscheidungen treffen zu können, sagt Jutta Gentsch. Eigentlich wollen die alle.“ Gescheitert seien sie zwar sicher auch an der individuellen Leistungsbereitschaft und Frustrationsintoleranz, aber vor allem an der Qualität der Lehre, an mangelnder Betreuung und Motivation. Und an dem Anspruch, den die Bildungsgesellschaft an sie heranträgt. Sie suchen Klarheit über ihren weiteren Weg und brauchen dafür Zeit, die sie nicht bekommen. Der Druck, schnell zu einem Abschluss zu kommen, der dann aber auch erstklassig sein und einen gutbezahlten Arbeitsplatz versprechen soll, ist enorm. Umwege sind da nicht vorgesehen. Von diesem Anspruch müssen sich Abbrecher erst frei machen, um für sich den richtigen Weg zu finden.