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Jobs der Woche

FH oder Uni

Gleich nur auf den ersten Blick

Von Anna Weiland




26. April 2008 
Die Sonne scheint durch die Fensterfront in die Halle, in der warmen Luft liegt der Geruch von verbranntem Gummi. Neben Motoren in einer Vitrine, Kabeln und Maschinen steht ein gelb-schwarzes Motorrad. Mit breiten Bändern am Boden befestigt und durch Stromkabel mit einem Messgerät verbunden, fällt seine Farbe auf im Labor für Verbrennungsmotoren der Fachhochschule Gießen-Friedberg. Neben dem Motorrad sitzt an einem Tisch ein junger Mann in grauem Kapuzenpulli. Daniel Brech studiert Maschinenbau im sechsten Semester in Friedberg, für seine Studienarbeit führt er Messungen und Versuchsauswertungen durch. "Das Labor finde ich toll. Hier können wir das umsetzen, was wir in der Theorie gelernt haben", sagt er - und schließt ein Plädoyer für die Fachhochschule an: "Es geht schneller, und der praktische Bezug ist gegeben. An der Uni ist es zu theoretisch."

Der Achtundzwanzigjährige hat Erfahrung mit beiden Systemen. Vor seinem Wechsel nach Friedberg war er ein Semester an der Technischen Universität Darmstadt für Wirtschaftsingenieurwesen eingeschrieben. "Die Klausuren waren zwar in Ordnung, die Inhalte aber zu abstrakt", urteilt er. In Friedberg hat Brech nun den Schwerpunkt Energie- und Antriebstechnik gewählt, im nächsten Semester steht ein Berufspraktikum an. "Ich bin dann im Kraftwerksbereich bei der Inbetriebnahme von Dampfmaschinen tätig", erzählt er. Wenn er sich nicht dumm anstelle, so drückt er selbst es aus, werde er in dem Unternehmen auch seine Abschlussarbeit schreiben.

Auf dem Papier derselbe Abschluss


Auf dem Papier wird er dann denselben Abschluss haben wie seine einstigen Darmstädter Kommilitonen. Dafür sorgt der Bologna-Prozess, der einen europaweit vergleichbaren Rahmen für das Hochschulstudium schaffen soll und die Diplomstudiengänge mit Bachelor- und Master-Programmen ersetzt: Früher war der an einer Fachhochschule erlangte Abschluss mit dem Zusatz "FH" bestückt, das ist nun nicht mehr der Fall. "Die formale Gleichstellung erhöht unseren Anspruch, ähnliche Dinge abzudecken wie die Universitäten", sagt Professor Claus Breuer, der Dekan des Fachbereichs Maschinenbau, Mechatronik, Materialtechnologie in Friedberg. Zum Beispiel wolle die Fachhochschule sich stärker in der Forschung engagieren. "Damit knabbern wir ein Gebiet der Universitäten an", räumt er ein. Daran führe kein Weg vorbei. "Durch die Umstellung sind beide Institutionen gezwungen, alles zu bieten."

Auf den ersten Blick sind sich beide tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Auch 100 Kilometer südlich, an der Technischen Universität Darmstadt, scheint die Sonne durch die Fenster. Auch hier, in der zweigeteilten Halle der Prozesslernwerkstatt am Standort Lichtwiese, wo Studenten modulare Forschungsabläufe simulieren und deren Effizienz testen, riecht es nach Verbranntem. Auch hier arbeitet neben Maschinen und Regalen voller Kisten mit Schrauben, Metallblättchen und Kabeln ein Mann, mit einem grünen Bohrer steht er vor einer Metallplatte.

Knackige Stofffülle

Professor Hermann Winner, der Dekan des Fachbereichs Maschinenbau in Darmstadt, bestärkt diesen Eindruck zunächst. "Die Ausbildung an Fachhochschulen und Universitäten ist inhaltlich dieselbe", sagt er. Erst danach weist er auf einen wichtigen Unterschied hin: "Unser Schwerpunkt liegt jedoch in der Forschung." Die Universität bilde im Gegensatz zur Fachhochschule keine Spezialisten, sondern Generalisten aus. In den sechs Semestern des Bachelor-Studiums werden allgemeine Grundlagen in Mathematik, Mechanik und Statik, Thermodynamik und Werkstoffkunde vermittelt. Zusätzlich werden Tutorien angeboten, ein sechswöchiges Grundpraktikum in einem Unternehmen ist vorgesehen. Im Master, der vier Semester dauert, steht dann die Spezialisierung an.

Noch ein Unterschied zwischen den beiden Hochschulen: Während es in Gießen-Friedberg außer der Hochschulreife, ersatzweise einem Meisterabschluss, keine Zulassungsbeschränkung gibt, steht in Darmstadt vor der ersten Vorlesung eine Aufnahmeprozedur. Die Abiturnote spielt dafür eine Rolle, außerdem werden Auswahlgespräche geführt. "Wir wollen so die Eignung und Fähigkeiten der jungen Menschen einschätzen und ihre Motivation für den Ingenieurberuf ermitteln", sagt Hermann Winner. Die Abbrecherquote, die in den ersten Semestern zurzeit bei 40 Prozent liegt, soll dadurch halbiert werden. 30 Minuten lang werden die Studieninteressierten von zwei Professoren und einem Mitarbeiter befragt. Die 400 Plätze werden dann anhand einer Gesamtnote vergeben, die sich zu 60 Prozent aus der Note, zu 40 Prozent aus der Gesprächsbewertung errechnet. Wer zugelassen wird, belegt zunächst Veranstaltungen in den Hörsälen in der Innenstadt, vom sechsten Semester an haben die Maschinenbauer ihre Kurse draußen auf der Lichtwiese.

„Bloßes Auswendiglernen hilft nichts

"Die Stofffülle ist knackig", sagt Martin Bentz, der im vierten Semester Maschinenbau an der TU studiert. "Besonders in der Mathematik gibt es Fälle, die ich einfach nicht verstehe", gesteht er. "Bloßes Auswendiglernen hilft da nichts." Hermann Winner rechtfertigt die Anforderungen. "Wir lehren die Fähigkeit, Dinge zu abstrahieren und mathematische Mittel adäquat anzuwenden." Das zu schaffen, mache den Reiz des Studiums aus - da sind sich Martin Bentz und sein Kommilitone Moritz Teichmann einig. Beide haben sich für das Studium an der Universität entschieden, weil es auf selbständigem Arbeiten basiere. "Wir treffen uns in Lerngruppen, um uns die abstrakten Dinge gegenseitig zu erklären", berichtet Teichmann. Das bereite auch auf spätere Projektarbeiten vor.

Eine sinnvolle Übung, findet Florian Fischer, der am Lehrstuhl für Dynamik und Schwingungen über Reibungsdynamik promoviert und Erstsemestern Einführungen in den Maschinenbau gibt. "Die Zeiten, in denen Ingenieure mit ölverschmierten Fingern am Zahnrad standen", sagt er, "sind vorbei. Projektarbeit in Gruppen ist gefragt." Der Achtundzwanzigjährige beschreibt seine Aufgabe so: "Wir bearbeiten Themen, die für die Industrie heute noch nicht interessant sind." Es gehe um die Fundamente für die Entwicklung in 20 Jahren. Er sei sich deshalb sicher, dass Unternehmen ab einer gewissen Komplexität auf Absolventen oder Doktoranden der Universitäten für ihre Projekte setzten. "Die Einstiegsgehälter liegen bei rund 50 000 Euro. Freunde von mir bekommen in der Industrie zwischen 60 000 und 100 000 Euro", berichtet Fischer. Auch Martin Bentz und Moritz Teichmann hoffen, dass sie mit einem Uni-Abschluss später mehr erreichen werden als mit einem der Fachhochschule - was genau, das wissen sie allerdings noch nicht.

FH-Absolventen haben klarere Aussichten

Die meisten FH-Absolventen haben klarere Aussichten - die Mehrzahl von ihnen gehe nach dem Studium direkt in die Industrie, berichtet Claus Breuer. Ihre Einstiegsgehälter lägen dort bei rund 40 000 Euro. "Bei uns fangen viele an, die schon eine Ausbildung gemacht haben. Andere kommen aus der Industrie und wollen ihre Kenntnisse vor allem in der Praxis vertiefen", ergänzt sein Kollege Klaus Brillowski. In den ersten Semestern gebe es zwar eine Abbrecherquote von 30 Prozent. Die Studenten, die weitermachten, schafften ihr Studium dann aber auch meist in der Regelstudienzeit. Nach sieben Semestern machen sie ihren Bachelor, zuvor haben sie zwischen den Schwerpunkten Maschinenbau, Fahrzeug- und Mikrosystemtechnik, Nanotechnologien und Optik gewählt. Für den raschen Übergang seiner Absolventen ins Berufsleben nennt Claus Breuer einen strukturellen Grund. "Wir haben eine andere Art von Diplomarbeit", sagt er. "99 Prozent unserer Absolventen finden einen Betreuer in der Industrie." Alfred Karbach, der in Gießen Dekan des Fachbereichs für Maschinenbau, Mikrotechnik und Energie- und Wärmetechnik ist, betont die Nähe zur Wirtschaft auf einer anderen Ebene: "Während die Universitäten Grundlagen erforschen, streben wir eine angewandte Forschung an."

Ob es das ist, was Hermann Winner meint? "Jeder kann Forschung betreiben", sagt der Professor aus Darmstadt. "Die Fachhochschulen können diese aber aufgrund ihrer Strukturen nicht wie die Universitäten leisten. Ich finde es schade, dass oftmals Mogelpackungen unter dem Begriff Forschung verkauft werden." Für den Einstieg in die Forschung, für eine Promotion also, entscheiden sich immerhin ein Drittel aller Maschinenbau-Diplomanden. Und das Promotionsrecht bleibe den Universitäten auch nach der Vereinheitlichung der Abschlüsse als wesentliches Unterscheidungsmerkmal, betont Winner. Zufrieden aber ist er damit nicht. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Abschlüsse weiterhin formal voneinander zu unterscheiden sind", sagt er.

Mehr Studenten an der FH

  • An Deutschlands Hochschulen waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts zuletzt rund 320 000 Studenten in den Ingenieurwissenschaften eingeschrieben, 187 000 oder 55 Prozent davon an Fachhochschulen, 133 000 an Universitäten.
  • Von den 40 000 ingenieurwissenschaftlichen Absolventen des Jahrgangs 2006 kamen sogar 65 Prozent oder rund 25 000 von den Fachhochschulen. Von den 70 000 Erstsemestern des vergangenen Wintersemesters nahmen gut 40 000 das Studium an einer Fachhochschule auf.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Tresckow
 
 

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